Großer Gott, diese Menschenmassen! Woher kommen sie denn alle, diese Köpfe, dies wandelnde Gewirr von Globussen.
Er wurde nicht müde, alle diese Unbekannten zu betrachten, die plötzlich vor seinen Augen erschienen und sich in einer gänzlich von Menschen erfundenen Dekoration hin und her drängten. Nichts, rein gar nichts war hier von der primitiven Natur übrig, und doch hatte ohne Zweifel an dieser Stelle früher einmal ein Wald in seinem Dämmerzustand gestanden. Das wilde Tier hatte hier, gewiß oft von Jägern verfolgt, mit seinem Schrei das finstere Echo geweckt, und er dachte an einen alten Stich, der eine Auerochsenjagd darstellt. Eine ängstliche Hirschkuh hatte vielleicht hier mit ihren Jungen geschlafen, während der Mond die Wipfel der Bäume beleuchtete. Täglich sangen tausend Vögel, wenn der Hauch der Morgenröte sich erhob, und nachts war die wundersame Stille nur gestört durch das Brechen von Ästen, das die behaarten Ohren des Wildes und die traumschweren Schwingen der Vögel aufschrecken ließ. Nun aber sind da Steinpflaster und Häuser und der Horizont geradliniger Fassaden. Selbst der zwischen den Dächern sichtbare Himmel hat sein Geheimnis verloren, er ist geordnet, gleichsam gezähmt.
Mit neuem Blick betrachtete er ein glänzendes Automobil, das am Rande des Fußsteigs stehen geblieben war, er betrachtet es so, als wenn es, ganz ausgestattet und geputzt, eben aus den Tiefen der Erde herausgekommen wäre. Seine glänzenden Kupferbestandteile, seine Laternen, die an riesige Juwelen erinnern, seine wie ein geschmeidiges Tier gewundene Sirene, alles, woraus es sich zusammensetzte, hatte lange in der unterirdischen Nacht als ungeformte, aufgehäufte Materie geschlummert, und die Menschen waren vorbei gekommen, ohne ihren Schlaf zu stören. Heute knatterte es am Rande eines Fußsteigs. Die geduldige Arbeit vieler tausend Jahre hatte eines Tages eine Vereinigung von Zusammenhängen geschaffen, aus denen dieses Wunder erstanden war; und doch würde, Stück für Stück zerlegt, diese merkwürdige Maschine unfehlbar in ihren primitiven Zustand zurückkehren. Er gewährte sich den Zauber, sie mit den aufgerissenen Augen eines Steinzeitmenschen zu betrachten, und sah, wie sie losfahrend ihre Kraft unter dem Befehl eines Chauffeurs bändigte. Dann nahm er wieder seinen Weg auf, die Leute musternd, die ihm begegneten. Er traf seine Wahl unter den Gesichtern und interessierte sich hauptsächlich für einige Vorübergehende. Auf deinem Gesicht, mein Lieber, kann ich ohne Brille dein ganzes Register ablesen. Zylinder, Zigarre, Gewohnheitsraucher könnte man sagen, üppige Lippe, volle Wangen, stubenhockerisches Gesicht, ein großer wohlgenährter Körper, der sich nichts versagt. Ich weiß, daß du Sklaven hältst und daß du in der Tasche den Schlüssel zu deinem Geldschrank trägst. Und nun wieder dieser dort? Begrenzter Blick, Gutmütigkeit des gebrannten Kindes, der Gewohnheit des Gehorsams unterworfen; ausgelaugte Hautfarbe, tägliche Haft in irgendeinem obskuren Büro. Dieser da hatte es schwerer, vielleicht ist er ein Dilettant irgendeiner Art, ein Müßiger, der sich die Illusion einer Tätigkeit zu schaffen verstand. Und wohin geht diese Frau? Wird sie irgendwo erwartet? Ruft sie Pflicht oder Vergnügen? Dieser Austräger, eben auf einem Geschäftsweg, der da am Band des Fußsteigs hingeht? Regelmäßiger und ruhiger Schritt, rhythmisch, fast wie ein Tänzer, keinerlei Anzeichen von Sorgen im Gesichte, also festes Gehalt Ende jedes Monats. Ein Kenner des Kartenspiels und des Weines. Ich sehe seine Frau in einer Portierloge. Vollständige Sicherheit, eine gewisse Leichtigkeit, sich zu verändern! Seine Prinzipien: sich um nichts zu sorgen und weit vom Schuß sein, wenn die Bombe platzt.
Eine Modedame in hellen Farben entflattert einem Geschäftsladen und entflieht den Blicken der Männchen, die ihre Nase nach ihr heben.
Er spaziert immer weiter. Seine namenlosen Zeitgenossen umkreisen ihn und streifen ihn wie Erscheinungen. Wohl hört er manchmal Worte durch diese halbgeöffneten Türen, unter denen sich Geheimnisse dieser Lebewesen auftun, aber sogleich verschlingt der Raum um ihn die Menge mit ihren Beschwernissen, die ihm ewig weiter unbekannt bleiben werden.
Dieser ist heute morgen in der Stadt angekommen, und jener wird sich heute abend einschiffen, um niemals wiederzukehren. Dieser Ingenieur trägt hinter seiner Stirn das Bild einer merkwürdigen Maschine, über deren Bau er nachsinnt. Die Frau dort bemüht sich, nicht an die noch unbezahlten Rechnungen der Lieferanten zu denken. Von all diesen Boulevardspaziergängern werden, wenn auch keiner eine unabsehbare Zeit überleben wird, mehrere, dafür kann er einstehen, schon vor Ende des Monats tot sein. Jeder in Bewegung begriffene Körper, und auch der seine, wird endlich nach langem Hin- und Herschwanken das vollkommenste Gleichgewicht erlangen. Viele haben schon ein kleines Zimmer aus Stein, das sie irgendwo geduldig erwartet . . . Und alles spaziert am Ende einer Leine, die eine gewisse Hand nicht losläßt. Aber glücklicherweise schwebt ihnen die Zukunft als ein herrlicher Golf vor, in dem sich der eingeengte Strom ihres gegenwärtigen Lebens schön ausbreiten wird. Einer von ihnen träumt: noch zehn Jahre guter Arbeit, und wenn mir nichts Böses zustößt, werde ich mein Geschäft verkaufen und mich aufs Land zurückziehen können. Ein anderer: ach, wenn ich im Ruhestand sein werde, dann sollen sie erfahren, was ich über sie denke. Wie einen das erleichtert! Und ein dritter: wenn ich eine bessere Stellung ausfindig gemacht haben werde, will ich mich verheiraten und ein Heim gründen, das muß doch endlich so kommen. Und ein vierter noch, der über seine eigenen Gedanken lächelt: sobald meine Geschäfte besser gehen werden . . . usw . . . .
Sie kommen vorbei und verschwinden wieder, damit ist es zu Ende, und er wird sie nicht wiedersehen.
Plötzlich denkt er an diese Frau, die an einem der letzten Abende in einem Zug ihm gegenüber gesessen hatte. Wenn er sich in diesem Gewühle plötzlich wieder ihr gegenüber fände. In dem Maße, als er sich das Abenteuer neuerdings vergegenwärtigte, vergnügte er sich, diesen unmöglichen Zufall herbeizusehnen. Er erinnerte sich, daß sie recht hübsch und ihr Blick keineswegs der einer dummen Person gewesen war. Mit einer neuen Zähigkeit machte er sich wieder Vorwürfe. Ich hätte es doch wagen sollen. Jeder Tag hat so seine Launen; wenn ich ihr heute begegnen würde, spräche ich sie gewiß an. Warum habe ich damals gar nichts versucht? Wer weiß, welch glückliche Möglichkeiten ich mir an jenem Abend entgehen ließ? Es war eine seiner großen Versuchungen und zugleich seiner großen Befürchtungen, die Ereignisse vorwegzunehmen, um ihnen zu ihrer Verwirklichung zu verhelfen. Neue Wesen aus einer unbekannten Welt anzusprechen, hatte immer eine besondere Erregung in ihm hervorgerufen. Vor wieviel Türen hatte er nicht, die Hand an der Klingel, gezögert und war schließlich gegangen, um am nächsten Tag mit einem verspäteten Sieg über sich selbst wiederzukommen. Wer konnte die vielleicht seltsamen Folgen der geringsten Begegnung voraussehen? Dies hieße schließlich sein Leben in zu kleiner Münze verausgaben, wenn man so wenig Herr über sich selbst war, daß man es zur Beute des erstbesten Zufalls machte, der um die Ecke bog. Es gab so viele Menschen, die er nach seinem Willen kennen lernen konnte oder nicht. Eine einzige Begegnung mochte seinem Leben eine neue Richtung geben. Denn jedes Ereignis ist reich an unvorhergesehenen Verknüpfungen. Wie sollte man unter den unzähligen Erwägungen jedes Tages wählen? Durfte er leichthin Freundschaft und dann Haß in Blicken erwecken, die heute zum erstenmal auf sein Antlitz gerichtet waren? Sollte er diese lange Folge von Enttäuschungen herbeilocken, die ihn bei jener Frau erwarteten, die zu rasch ihm sein Lächeln erwidert hatte?
Zögern des Spielers vor der Wahl des Wagnisses!