Begegnungen, neue Beziehungen über ihn verhängt oder von ihm gesucht, o all dieser Aufbau der Zukunft, der zwischen Gebundensein und Freiheit schwankt! Begegnung! Ist sie nicht stets für den immer fortbestehenden Menschen wie eine feierliche Geburt? O schöpferische Begebenheiten! Als ich jenem Unbekannten die Hand drückte, entstand plötzlich in mir der Mensch, der ich erst später einmal sein werde.

Werde ich also kraft einer unbescheidenen Sicherheit mich ohne Furcht und Demut den tausend Abenteuern entgegenwagen, die jeden meiner Schritte belauern? Werde ich nicht zumindest die Erregung des Jägers erleben, der auf den Fußspitzen in den geheimnisvoll belebten Wald dringt, in dem ich gegen mich selbst vorschreite, der ich mir in eigener Person vielfach und doch einzigartig begegne?!

Er ließ sich von anderen Gedanken entführen und wechselte das Spiel.

Er musterte jetzt die Augen der Vorübergehenden. Dies war, wenn er durch die Straßen spazierte, eine seiner alltäglichen Vergnügungen, die Augen der Frauen und Männer zu befragen. Er trug aus der Antwort, die er erhielt, immer irgendein Wunder davon.

Man geht in einer wenig belebten Straße hin. Vor uns ist nichts als der unbekannte und seelenlose Raum, Bewegungen überflüssig wie vergebliche Axtschläge, und dann Häuser mit ihren Fenstern und die leuchtenden Auslagen der Geschäfte. Da plötzlich nähert sich uns jemand auf dem Fußsteig, z. B. eine Frau. Von weitem ist sie vorerst nur ein Körper, der sich bewegt. Im Hintergrund der Straße, viel weiter, regen sich ja noch viele andere Wesen. Aber die Frau nähert sich, ihr Gesicht wird deutlicher. Unter den Bogen der Brauen lugt ein fremdes Leben hervor, die Augen. Selbst kommt man gleichfalls heran. Der äußerste Punkt der Blicke beginnt nun an uns zu rühren. Irgend etwas leuchtet aus diesem nahenden Antlitz. Die Linien des Körpers halten das Wesen nicht mehr versperrt. Das Leben der Augen ist größer als das sie einschließende Antlitz. Die Vorübergehende wird uns erreichen, wir suchen ihren Blick, und plötzlich findet die übliche Verschmelzung statt. Aus den Tiefen des Alls kommt uns durch diese Augen eine flüchtige Botschaft, und wir vereinigen uns in ihnen mit dem ganzen fremden Leben.

Die zwei Vorübergehenden deren Blicke sich begegnen, haben beide das Gefühl einer Besitzergreifung. Aber weder der eine noch der andere könnte sagen, wer besitzt und wer besessen wird. Wie viel zärtliche, ironische und hochmütige Worte habt ihr für den müßigen Spaziergänger, der euch in aller Unschuld sucht, ihr Blicke, die ihr zahlreicher als die Kiesel des Meeres, zahlreicher als die raschen Strahlen der großen, sich drehenden Leuchttürme aus dem Antlitz der Vorübergehenden hervorzielt!

Alle Blicke gewähren sich nicht dem ihnen auflauernden Blick. Es gibt Blicke, die überrascht sich sogleich abwenden. Es gibt auch solche, die uns durchdringen, als ob sie uns nicht zu sehen scheinen, und andere, die sich mit solcher Zähigkeit an uns anlehnen, daß wir Mühe haben sie zu ertragen. Wenn sie vorbei sind, fühlt man sich verarmt, und manchmal hat man nach ihnen zurück schauen müssen.

Die Menschenmenge war ihm jetzt nichts mehr als Tausende von Augen, die er unermüdlich befragte. Er war manchmal so stark betroffen, daß er als erster den Kopf wenden mußte. Die Seele jedes Vorübergehenden erfloß aus dieser Doppelquelle, und er fühlte sich bald mit Höflichkeit empfangen, bald verächtlich in ein unwiderrufliches Nichts verwiesen. Es gab da auch Augen, die auf das Antlitz nur gemalt waren, und es war fast unmöglich, in ihnen die geringste Spur eines Innenlebens zu entdecken.

Das ist ein Antlitz, ein Antlitz . . . das ihm nicht unbekannt ist. Und dieser Gang! Nur den Körper erkennt er nicht, der muß sich verändert haben. Wer mag es doch sein? Der Blick des Vorübergehenden prüft ihn mit Dringlichkeit. Er ist voll Leidenschaft und scheint eine Frage zu enthalten. Worte stehen hinter ihm bereit. Es ist offenbar, daß man ihn nicht wie einen Fremden anblickt. Auch er zögert vielleicht, ihn zu erkennen. Er selbst schaut mit der ganzen Kraft, mit dem inneren Auge seines Gedächtnisses. Wenn er sich nicht sehr eilt, wird es in wenigen Sekunden zu spät sein. Er leidet vor Ungeduld. Aber da er nichts findet, bleibt ihm keine andere Möglichkeit, als seinen Weg fortzusetzen. Der Fremde ist vorübergegangen und hat nicht einmal seinen Schritt verlangsamt. Er aber, der seinen Blick nicht von dem Manne abwenden kann, bleibt stehen. Ohne Zweifel irre ich mich; wer könnte es denn sein? Nun entfernt er sich, aber der Zusammenprall war so stark gewesen, daß er noch immer sein Gedächtnis durchforscht. Einige Gesichter, auf die er den passenden Namen finden könnte, schaltet er aus. Dieser ist es nicht, jener auch nicht, wer denn also? Wer war dieser Mensch? Solange er seine Persönlichkeit nicht festgestellt hat, wird ihm ein unangenehmer Eindruck den Spaziergang verleiden. Irgendwie fühlt er, daß es für ihn wichtig sein würde, diese Spur aufzufinden. Der Mann ist jetzt in der Menge verschwunden. Vielleicht könnte er ihn noch laufend erreichen, unwillkürlich beugt sich sein Körper vor. Er wird immer ungeduldiger, und sein Gesicht verändert sich. Wer ist es, wer mag es nur sein? Es ist ihm unmöglich, sich zu erinnern. Er forscht in die Vergangenheit, von dem nicht geklärten Wunsche beeinflußt, diesen Mann wiederzusehen. Wie er so seine Nachforschungen pflegt, fühlt er, daß es „brandelt“. Er muß sehr weit in seinem Leben zurücksuchen, und plötzlich ist kein Zweifel mehr, er fühlt in sich einen starken Chok, und er erkennt endlich den, der eben an ihm vorübergestreift ist. Er hat sich allerdings verändert. Aber ein Irrtum ist ausgeschlossen, er war es sicher. Daß er ihn hat vorübergehen lassen! Einen seiner liebsten Menschen, der einmal sein täglicher Vertrauter gewesen war. Er eilt seiner Spur nach, stößt an jedermann an, aber die Menge ist plötzlich feindlich geworden und richtet sich hart vor ihm auf. Hat er denn mehr Eile als die andern? Nun sitzt er ganz fest in einem Knäuel von Leuten. Er will sie abschütteln, heimst aber nur ärgerliche Bemerkungen ein. Da er einen Streit voraussieht, schweigt er. Schließlich entkommt er, und es gelingt ihm, sich durch die Gruppen durchzudrängen. Die Hoffnung, den Mann noch zu entdecken, erscheint ihm plötzlich so märchenhaft, daß er die Suche aufgibt. Wie sollte er ihn in dieser zahllosen Menge wieder auffinden? Eine leichte Trauer befällt ihn, wie Ermattung. Er ist es müde, zwischen den Leuten so hinzugeben, er möchte sich auf eine Bank fallen lassen und lange nachdenken.