So nahe ist er an mir vorübergegangen, daß ich ihn hätte berühren können! Wird er ihn jemals wiedersehen? Schmerzliche Umstände hatten diesen Freund seinerzeit gezwungen, auszuwandern. Er erinnerte sich des Abends, wo er fortgegangen. Viele Menschen waren auf dem Bahnhof gewesen. Während die Abteiltüren zuklappten und die Angestellten hin und her liefen, hatten sie einander umarmt, dann war der Zug abgefahren. Einige Monate hindurch hatten sie einander geschrieben, dann waren sie beide lange ohne Nachricht gewesen, bis eines Tages ein Brief unbeantwortet geblieben, und da der letzte Verbindungsfaden auf diese Art zerriß, war einer für den andern nicht mehr gewesen als eine Erinnerung, die auf einer stummen Insel hinstarb. Jahre waren darüber hinweggegangen.
Und doch, welchen Kummer hatte er zur Zeit jener Trennung empfunden. Die neuen Freundschaften hatten ihn nicht hindern können, oft an den zu denken, der ihm verloren war. Im Geheimen seines Herzens bewahrte er ihm eine von Schwermut genährte Zärtlichkeit. Sie hatten den gleichen Enthusiasmus gefühlt, sie hatten wie Brüder gelebt, während einiger Zeit dieselbe Wohnung geteilt. Und heute hatten sie sich nicht wiedererkannt. Wo würde er ihn wiedersehen können? An welche Tür sollte er pochen? Er kannte weder seine Familie noch irgendeine seiner Beziehungen. Er sah keinerlei Ort, wo er ihm begegnen könnte. Niemand konnte ihm helfen, seine Spur zu verfolgen. Und dabei hatten seine Augen auf ihm geruht. Diesen Mann wiederzufinden, koste es was immer, war ihm die wichtigste und dringendste Sorge geworden. Aber wie, wie nur? Er wird ihn nicht wiedersehen. Das ist ganz sicher. Und dieser Gedanke war ihm unerträglich.
Die Menschen fluteten noch immer vorbei. Aber ganz in seine Gedanken verloren, sah er sie nicht mehr. Ja, die Berührung mit dieser Masse war ihm sogar unangenehm. Er bog um eine Ecke und schlug die Richtung nach seiner Wohnung ein. Mit gesenktem Kopf und unzufrieden mit sich selbst, schritt er hin. Wie konnte er auf den Zufall hoffen, ihm wieder zu begegnen? Sein früheres Leben erschien ihm wieder, kalt und wie dem Geschmack der erloschenen Zigarre vermengt, an der er zerstreut kaute. Sein Herz empörte sich.
Er erblickte den Mann wieder, wie er an ihm vorübergekommen war. Ganz deutlich sah er sein Gesicht, seine Krawatte und die Art, wie er ihn angeblickt hatte. Ein Staunen begann sich in ihm zu regen. Seltsam, er selbst hatte sich kaum im Lauf dieser Jahre verändert. Darüber waren alle Leute einig, und seine Porträts bewiesen es. Hatte sein alter Freund ihn wirklich nicht wiedererkannt? Ein Zweifel, der sich mehr und mehr bestärkte, setzte sich in ihm fest. Aber ja, ganz sicher hatte er mich erkannt. Ich sehe ja noch das Erstaunen in seinem Blick, aber ohne mit mir zu sprechen, ist er vorübergegangen. Er hat mich erkannt, aber mit Gleichgültigkeit, das ist die Wahrheit. Ob er denn auch in meinem Zögern die Absicht vermutet hat, ihn nicht erkennen zu wollen? Immerhin hätte ihn die Freude unserer Begegnung in meine Arme drängen müssen. Er hat Zeit gehabt, zu überlegen, aber er hat die Sachlage ganz kalt beurteilt. Er hat sich vielleicht gesagt: die zehn Jahre haben aus diesem früheren Freund einen Fremden gemacht, den ich nicht mehr anzusprechen wage. Was für ein Mensch mag er geworden sein? Welche Sorgen beschäftigen, was für Ziele locken ihn? Ich selbst habe ja nicht mehr die Wünsche von damals, und ich lächle, wenn ich an die Ideen denke, die ich früher verteidigte. Ich habe mich sehr verändert. Und er? Wenn er derselbe geblieben ist wie vor zehn Jahren, haben wir nichts Gemeinsames mehr. Und wenn er sich so sehr verändert hat, daß er ein ganz neuer Mensch geworden ist, ist er auch nur mehr ein Fremder für mich.
Er ist vorübergegangen, ohne stehen zu bleiben. Ohne Freude hat er mich wiedergesehen. Zweifellos hätte er mich angesprochen, aber meine Haltung entmutigte ihn. Er hat wohl einen Augenblick des peinlichsten Zögerns gehabt, als sich sein Schritt dem meinen näherte. Sollte er mich ansprechen, sollte er sich den Anschein geben, mich nicht zu erkennen? Er hat vielleicht meine Augen gierig belauert. Zwei Ströme haben sich berührt, ohne ihre Wasser zu vermengen. Zwei lebendige Menschen haben sich angeblickt, und jeder von ihnen hatte hinter sich einen toten Mann. Wie zwei Phantome haben sie sich einander genähert, um sich dann wieder in ihrer Nacht zu verlieren.
O Trauer, Trauer! Du alter Freund, der du, mich erkennend, nicht gedrängt warst, deinen Arm um den meinen zu schlingen, nie wirst du die Bitternis ahnen, die dein Vorübergehen in mir zurückgelassen hat. Und dennoch hätten wir vielleicht nicht lange gebraucht, um wieder die alten Gefährten von einst zu werden! Mit einigen guten Gesprächen und gegenseitigen Retouchen hätten unsere Seelen sich wieder gefunden. Du hast es nicht gewollt. Und diese Gewißheit ist mir jetzt so eingeprägt, daß vielleicht ich jetzt derjenige sein werde, der als erster den Blick senken würde, um dich nicht zu sehen, wenn ich dir an einem der nächsten Tage begegnen würde.
Als er die Straße erreichte, in der er wohnte, kehrte er nochmals um, um den Augenblick, wo er sich in seinem Zimmer mit seiner Traurigkeit allein befinden würde, hinauszuschieben. Er schlenderte noch einige Zeit in der Gegend seines Hauses umher, dann kam ihn die Lust an, alte Briefe zu lesen, gewisse Reliquien hervorzunehmen, die er fromm bewahrte.
Er schritt über die Schwelle seiner Wohnung mit der Absicht, demjenigen seinen einsamen Abend zu widmen, der beladen mit einem früheren Leben aus dem Vergessen und dem All herausgetreten war und sich dies eine Mal sogleich wieder, diesmal aber wohl für immer, darin verloren hatte.