Die schöne junge Frau versucht keineswegs der Eindringlichkeit seiner Blicke zu entgehen; durfte er aus dieser Unbeweglichkeit, die Einwilligung scheint, darauf schließen, daß sie dies Betrachten mit einer scheinbar wollüstigen Geduld über sich ergehen läßt? Eine Art geheimer Vertrautheit stellt sich zwischen ihnen ein. Über das Unbekannte, das Trennende hinweg, fühlen sie sich in zarter und köstlicher Einstimmigkeit als Komplizen. Zwei losgelöste Wesen sind sie, die eine gleiche Minute umschließt. Irgend etwas, das er sich erträumt, könnte sie plötzlich vom übrigen Weltall abtrennen; nach einem furchtbaren Getöse fände er sich heil und sicher mit der zu Tode erschrockenen Frau, die sich an ihn geklammert hält, in Nacht und Dunkel wieder. Er erschafft sich das ganze Geschehnis. Sie sind in einem ausgehöhlten Raum unter der Wölbung von Balken verschüttet, die sie beschützen, sie hören das Schlagen der Hacken, die an ihrer Befreiung arbeiten und deren Tätigkeit er gleichzeitig verlangsamen und beschleunigen möchte. Den Duft ihrer Haare zu atmen, die Wärme ihres angstbebenden Körpers an dem seinen zu fühlen, berauscht ihn. Seine Stimme zittert, wie er auf ihre hundertfältigen Fragen antwortet.

Wie viel Anteil er schon an ihr nimmt!

Wenn sie auf der nächsten Station ausstiege, empfände er schmerzlich eine Verminderung seiner selbst. Jenes Bedauern überkäme ihn dann gewiß, das man fühlt, wenn man ein Wesen, das einem lieb ist, nach einem harten Wort von sich hat gehen lassen. Und doch in einer Weile wird sie ja gehen. Sie wird ihr Schicksal fortsetzen, und er das seine. Niemals wird er sie mehr wiedersehen. So ist er tausenden und aber tausenden schon begegnet. Wesen, die lange schon unterwegs sind, um ihn zu treffen, nähern sich ihm, erreichen ihn, heften zuweilen ihren Blick in den seinen und gehen über ihn hinaus, um sich im All zu verlieren. An Straßenecken und Brückenenden, wie viele tauchten da plötzlich auf, wie vom Himmel gefallen oder aus dem Erdboden erstanden. Sein Blick hat längst gelernt unter den vielen, die ihm ein Tag vorüberführt, einige zu erkennen. Im Gedächtnis behält er das Bild der Leute, die er täglich vorübergehend streift. Er hat nie mit ihnen gesprochen, dennoch sind sie in seinem Leben mehr als Fremde. Träfe er sie eines Tages anderswo, als auf den Boulevards, wo er ihnen gewöhnlich begegnet, würde das Überraschende eine Annäherung ihrer Seelen bewirken, es würde ihn gelüsten, mit ihnen zu sprechen, sich über ihre Begegnung zu unterhalten. Unter diesen Leuten ist ein Mann mit einem langen schwarzen Bart, der einen Zylinder trägt und eine Schriftentasche unter dem Arm. Er geht langsam und zuweilen mit einknickenden Knien. Dann ist da ein anderer Mann mit müdem Gesicht, der nachlässig den Fuß schleppen läßt. Er trägt einen steifen Hut, der allmählich grünlich wird. Zwischen seinen Zähnen hält er eine oft erloschene Pfeife, und an regnerischen Tagen trägt er nach Bauernart einen Regenschirm unter dem Arm. Eine Frau ist da, die immer Eile hat und deren Hüte häufig wechseln. Und eine andere Frau, deren Lächeln aus einem Kontorfenster ihm wohlbekannt ist.

Jenen allen wird er morgen, übermorgen und in vielen spätern Tagen begegnen. Aber diese Frau da ihm gegenüber, die wird er niemals wiedersehen: etwas greift ihm ans Herz.

Wenn er es dennoch wagte! Irgendeinen flüchtigen Vorwand könnte er benützen, um sie anzusprechen. Wie man eine Besitzung umkreist und versucht, durch das Gitter und Laubwerk zu spähen, könnte er Schritt für Schritt das Geheimnis ihres Lebens durchdringen, die ersten Verbindungen anbahnen, die ihm später ermöglichen würden, ihre Bekanntschaft fortzusetzen. Doch Schicklichkeit und Brauch hemmen ihn. Was der Zufall eines flüchtigen Vorgestelltwerdens gestatten würde, ist hier unmöglich. Sie brauchten die Brücke eines menschlichen Wesens, die sie beide kennen müßten, um das Geheimnisvolle dieser Hemmung zu überschreiten und einander ansprechen zu dürfen. Wenn er sie jetzt so anredete, würde er wohl nur eine Abweisung herausfordern.

Er wird nichts von ihr erfahren. In einigen Minuten wird sie aufstehen, wie einer, der nie wiederkehrt. Die Mächte, die ihr Schicksal beherrschen, werden sie in ihren Wirbel ziehen. Ein Wesen, das er jetzt schon ein wenig kennt, das augenblicklich das einzig Lebendige vor seinen Augen ist, lebendig bis an den Stoff der Bekleidung, wird in einer Weile für ihn hinsterben, so sicher wie der Tod selbst. Nein, er wird nichts mehr von dieser Frau erfahren.

Die Erinnerung an sie wird sich wie eine blasse Wolke am Sommerhimmel verflüchtigen.

Und er hüllt sie in eine Zärtlichkeit, die voll Bedauern und Trauer ist.

Der Zug hat eine neue Station durchfahren, ohne daß sie ausgestiegen wäre. Für einige Zeit noch war ihm ein Vergnügen gegönnt, und er fühlt in sich Zufriedenheit aufstrahlen.

„Oh! Ihr! Vertraute meines täglichen Lebens, augenblicklich lebt ihr für mich mit weniger Gewißheit als diese Frau, die ich zum erstenmal erblicke! Eure Worte, eure Gebärden, die Geschäftigkeit eures Daseins lebt anderswo als hier. Von diesem Augenblick meines Tages gehört euch fast nichts, eine Fremde ist zwischen uns. Ihr seid mir weit weg in einer Wirklichkeit. Ich müßte diese Frau hier erst wegstoßen, um euch die Hand entgegenzustrecken.“