Ein durchdringender und sanfter Blick der jungen Frau war ihm wie die Berührung einer Hand auf seinem bloßen Herzen. Er dachte nach und versuchte mit seinen Augen zu sagen: „Ich grüße dich und liebe dich, wie alle, die ich kenne. Oh, du! die du aus dem weiten All aufstiegst, wie jene andere aus dem Meeresschaum! Die seltsame Verwirrung, die ich empfand, als ich auf meiner Stirne die lauen Tropfen empfing wie Tränen in mystischen Grotten, ich fühle sie in diesem Augenblick wieder, da ich auf meinem Antlitz den sanften Sommerregen empfange, der aus deinen Augen taut. Ich kann dir kein Zeichen geben, mit keinem Tuch dir winken, kein Wort dieser Worte dir sagen, von denen mein Mund voll ist, denn zwischen uns ist ein neutrales Gebiet, das zu überschreiten mir verboten ist: Erblicke aber in meinen Augen alle Boten, die ich dir sende, sieh den Schmetterling, den ich zuhöchst meiner Seele entflattern lasse. Fürchte nicht, deine Augen in die meinen zu versenken und meinen Ruf zu hören. Ich empfange dich in allen Bächen meines Blutes.

Tausend Wege kannst du finden, mich zu überwältigen. Oh! Niemals hat ein Mann, der dir begegnet ist, mit solcher tiefdringender und reiner Bewegtheit dich begrüßt. Niemals grüßte ein Schiff, trotz Kanonendonner und Vivat seiner tausend Matrosen, mit solch frenetischer Begeisterung, als die meine, die Erde, das Ziel nie endenwollender Reise. Sieh, aus der Zeit komme ich, von der Erde, aus der Geschichte des Menschengeschlechtes, da ich dich erschaue: Aus einer Zeit kommend, aus der Erde, aus Vergangenheit, deren Tiefe ich nicht ermessen kann. All die unzähligen Wege, die du durch Städte, Felder, Länder gezogen, bist du nur auf mich zugegangen. Die Zeit wallt mit den Schicksalen aller Menschen weiter, wie unendliches Haar, von Ewigkeitswinden hinweggehoben, und siehe, heute berührt mein Schicksal das deine! Unter den tausenden Menschen, die ich schon in allen meinen Lebenstagen gewesen bin, unter all denen, die ich noch sein werde, ist einer, der Mensch dieser Minute, der nur dir gehört und den ich dir hinopfere. So werde ich denn nichts von dir wissen. Selbst den Klang deiner Stimme, die vielleicht süß zu hören ist, werde ich nicht erfahren. Aber ich kenne die Farbe deines Haares, und eben, obzwar meine Augen nicht mehr auf dich gerichtet waren, sah ich doch die geschwungene Form ihrer Wellen. Ich könnte das Muster der Stickerei auf deinem Kleide auswendig nachzeichnen . . . oh, ich kann mir den Druck deiner weichen Hände erträumen.“

Der Zug fuhr aufwärts. Als er aus der Erde kam, um auf der Brücke den Fluß zu überqueren, wandte der junge Mann den Kopf.

Die Vision der Stadt mit ihren Schatten und tausend Lichtern, die sich da und dort in den Himmel erhoben und wie Duft sich verflüchtigten, erfüllten ihn mit neuer Freude. Die Klarheit und die große Zahl der Lichter entzückte sein Auge. Seine Freude entzündete sich an dem ersten Leuchten, vermehrte sich an den anderen, wuchs bis zu den Sternen und vergnügte sich daran, eine Sekunde lang das ganze Gefunkel der Nacht in sich zu schließen. Große Schatten bewegten sich. Die leuchtenden Wasser des Flusses zogen majestätisch hin wie die Zeitläufe selbst. Er überschaute, die Stirne an die Fensterscheiben des Waggons gepreßt, von der Höhe der Brücke eine riesige Fläche, auf der sich lückenlos das nächtliche Zauberspiel ausbreitete. Er war ja nur ein Mensch, durch einen Zug, der unter gestirntem Himmel über einen Fluß hinfuhr, in Begeisterung geraten, dennoch fühlte er sich voll Größe und trug in seiner Seele zauberhafte Verzückung.

Er litt, als der Zug in den Tunnel einfuhr. Und aus allen Himmeln gestürzt, sank er in seine Schwermut zurück. Er betrachtete die Fremde von neuem. Er fand sie wieder, als hätte er sie schon ein wenig verloren, und der Schatten einer Befürchtung durchglitt ihn, daß sie in der nächsten Haltestelle vielleicht sich erheben würde. Zärtlich sah er sie an und lächelte leise. Das Gesicht der Unbekannten verhärtete sich, und sie wandte das Gesicht ab. Da — dachte er andere Dinge.

Der Zug durchfuhr mehrere Stationen, ohne daß sein Gedankengang gestört worden wäre. Dann wurde der Name einer Station ausgerufen, wo er umsteigen mußte, und hieß ihn aufstehen. Er trat aus dem Waggon, ohne auch nur den Kopf nach jener zu wenden, die er zurückließ. Aber auf der Plattform längs des Geleises schreitend, tauschte er im Vorübergehen einen verzweifelten Blick mit der Fremden, die er niemals wiedersehen sollte.

WARTEN