Ich denke an den trüben Niederschlag, den die Nacht in mir zurückgelassen hat.

O du meine Seele, die ich nicht kenne und die mir kaum angehört, wohin hast du mich diese Nacht gezerrt? Viele dieser Erinnerungen, die du mir in den Nebeln des Traumes gezeigt, hatten vergessen in meinem Gedächtnis geschlummert; es gab solche, die mir seit vielen Jahren nicht mehr erschienen waren. Andere schließlich waren so verstümmelt, daß ich mich jetzt am Morgen frage, durch welchen bösen Zauber ich sie des Nachts so gut zu erkennen glaubte. Warum hast du den von Bildern bevölkerten Schlamm aufgestört, der sich wie ein tiefes Bett unter meinem Lebensstrom ausbreitet, warum hast du diese Dinge und nicht lieber andere an die Oberfläche aufsteigen lassen? Du, Herrin meines Körpers, nun bin ich voll schwerer Unruhe. Ich vermag fast nichts über dich. Du hast über meine Hellsichtigkeit ein tragisches Übergewicht. So entführst du mich oft in unbekannte Kellerräume, die aber immerhin noch Räume meines Wesens sind. Ja, ja, ich erkenne jetzt sehr gut diese armselige Wohnung mit ihrer Dunkelheit und diesen Hof, ich erkenne auch diese Frau, aber ihre Augen waren nicht so traurig und ihre Kleider verrieten nicht so viel Elend. Ich erinnere mich ihrer Worte, jene aber, die sie sprach, hatte nicht diese schmerzvolle Stimme. Du Unbekannte, die du hinter meiner Stirn eine Welt zu errichten vermagst, die nicht des Raumes bedarf, um zu bestehen, ich fürchte dich, da ich dich größer weiß als mich selbst. Wenn ich mich bezeichnen will, wenn ich, auf mich zeigend, ich sage, krampft sich meine Hand sogleich an meine Brust, und niemals berührt sie eine andere Stelle meines Körpers, niemals greift sie an die Stirne, die dein Sitz ist. Aus dieser Stelle, die meine Hand bezeichnet, aus diesem Mittelpunkt meines greifbarsten Ichs, fühle ich dich so seltsam fremd. Aber werde ich jemals wissen, was ich bin und wie weit mein Wesen reicht, was in mir mit sich selbst identisch bleibt, zwischen all dem täglichen Werden und Vergehen? Hier sind meine Hände, die Dinge greifen können, meine Augen sie zu umfangen, dies ist meine Stimme, die eine Folge von Tönen ist, in denen ich mich erkenne, aber du, wer bist du denn, die ich nicht in eine Form zu kleiden vermag, die sowohl ins Ungewisse mich hinstreuen, als auch in die zwiefache Vision des tiefsten Abgrundes oder des fernsten Sternes mich entsenden kann!?

DAS GEHEIMNIS

Es war nichts Sonderliches an ihm, nichts unterschied ihn von anderen Menschen; sein Leben glich in allem dem der anderen. Er hatte eine schlechte Wohnung, deren Fenster auf einen Hof gingen. Auf der Straße war er ein Passant unter vielen, und niemand achtete seiner. Um sein Äußeres war er wenig besorgt, und selbst am Sonntag kleidete er sich ohne irgendwelche Phantasie. Seine Heiterkeitsausbrüche blieben diskret, er lächelte wohl manchmal, lachte aber niemals wirklich so recht herzlich.

Wie so viele Menschen verdingte er sich an einen Dienstgeber. Jeden Morgen stellte er sich ihm zur Verfügung und erhielt dafür ein wenig Geld, das ihm ermöglichte, sich ihm weiterhin zu verdingen. Im Grunde genommen war das zwar eine Art Fopperei, aber das Beispiel der anderen und auch die Gewohnheit ließen ihn darüber gar nicht nachdenken. So lebte er mit seiner Frau seit Jahren. War er glücklich? Er wußte es nicht und fragte sich niemals darüber. Er lebte einfach deshalb, weil er eines Tages geboren war, und beklagte sich nicht.

Aber seit einiger Zeit war er derselbe nicht mehr. Seinerzeit, vor vielen Jahren schon, hatte er sich hinreißen lassen, eine gemeine Tat zu begehen, deren er sich immer schämte, wenn er ihrer gedachte. Noch heute war es ihm unerklärlich, daß er so verächtlich hatte handeln können, war er doch ein anständiger Mensch, dem jeder niedrige Gedanke fremd war. Lange hatte ihm das Kummer bereitet, und eine Art traurige und erquälte Ernsthaftigkeit blieb davon in ihm zurück.

Zwei Personen hatten von der Sache gewußt. Die eine war verstorben, die andere hatte das Land verlassen und man hatte sie nie wieder erblickt. Eine dritte . . . aber wußte die wirklich etwas? Kürzlich hatte diese dritte Person allerlei seltsame Anspielungen gemacht. Zuerst hatte er an einen Irrtum geglaubt. Sie wußte sicher nichts, und hätte sie etwas gewußt, so würde sie es doch bei sich behalten haben. Was für ein Interesse konnte sie daran haben, ihn zu quälen? Diese Geschichte war begraben. Alle, die sie möglicherweise angehen mochte, waren verschwunden. Man konnte sie ihm vorwerfen, doch niemand besaß den geringsten Beweis, er brauchte bloß zu leugnen. Außerdem war er imstande gewesen, den verursachten Schaden teilweise wieder gutzumachen, und sein Opfer hatte ihm selbst vor dem Tode vergeben.