Aber diese Frau war schlecht und ließ es sich angelegen sein, Böses zu tun. Wozu wäre sie nicht imstande, wenn sie das Geheimnis besaß und sich daran berauschte, es mit ihm allein zu besitzen! Eines Tages war er fast sicher, daß sie es wußte. Wie hatte sie die Sache erfahren können? Vielleicht durch denjenigen, der ins Ausland gegangen war, und den sie, wie er glaubte, gekannt hatte.
Sie wußte es, und sie würde es seiner Frau sagen, seiner Frau, die er so sehr liebte und die ihn ohne Zweifel verstoßen würde, wenn sie seine Missetat erkundete. Vor allem würde sie es ihm nicht verzeihen, das Vertrauen verletzt zu haben, ihr nichts gesagt zu haben. Und sie besaß genügend Stolz, sich von ihm zu trennen. Jeden Tag beobachtete er sie sorgsam, ob sie noch nichts ahnte, ob die andere nicht schon Andeutungen gewagt hatte. Oh, er wußte sehr gut, daß die schreckliche Frau nicht auf diese Art sein Geheimnis preisgeben würde. Mit einem Schlage würde sie sich gewiß nicht dessen entäußern, was ihr wochenlanges Vergnügen bereiten konnte. Sie würde eines Tages so leichthin einige ausgesuchte Worte fallen lassen, einen Satz mit alltäglichem Tonfall, aber mit vieldeutigem Nachhall. Nachher würde sie über die Wichtigkeit erstaunt tun, welche die Angeredete ihren Worten beilegte. „Nein, sie hatte wirklich nichts sagen wollen, ach, welcher Einfall!“ Und die von ihr aufgestörte Seele würde sich wieder ganz und gar beruhigen. Dann, an einem anderen Tage, würde sie zwischen zwei süßliche Phrasen neuerdings einige Gifttropfen träufeln. Eines Tages dann würde entweder seine Frau sie zwingen, alles zu sagen, oder sie würde selbst, unfähig länger zu schweigen, die ganze Sache dummerweise viel früher erzählen, als sie es beabsichtigt hatte.
Seine Frau würde es wissen!
Täte er nicht besser daran, es ihr noch heute zu sagen. Seine Vergehung war nicht solcher Art, daß man sie nicht vergeben konnte. Sie würde ihm sicher Absolution erteilen. Doch nein, er hatte zu lange geschwiegen, er hatte zu sehr gezögert. Ja, er hatte es an Ehrlichkeit fehlen lassen, denn der Mann, den sie geheiratet hatte, war ihrer Ansicht nach kein Mensch, der dieses Unrecht hätte begehen können. Hätte sie, wenn sie es gekannt hätte, ebenso gehandelt? Er hätte es ihr gestehen sollen. Er erinnerte sich nicht mehr, daß eine sehr lebhafte Liebe und große Angst ihn davon zurückgehalten. Wie hatte er denn nicht daran denken können? Wie es vermocht, diese andere Unehrlichkeit zu begehen? Er hatte sich statt seiner einen neuen Menschen unterschoben. Niemals würde er den Mut haben, mit ihr zu sprechen. Aber er mochte auch nicht, wenn es eines Tages notwendig wäre, den Mut finden, zu leugnen oder zu lügen.
Die Dinge, die er liebte, verloren ihre Köstlichkeit. In ihm wuchs Leid. Abends bei Tisch, seiner Frau gegenüber, nach langem Tag, an dem er unaufhörlich sich gesagt hatte: Vielleicht heute abend — erlebte er alle Phasen der Beängstigung, der Beichte. Würde sie etwas sagen? Jedesmal wenn ihre Lippen nach einem Augenblick der Stille sich bewegten, griff Angst ihm ans Herz. Der Abend dehnte sich hin. Er sprach mit seiner Frau über die kleinen Ereignisse seines Lebens. Dinge, die ihre Wirtschaft betrafen, und plötzlich sagte sie, daß jene Nachbarin, die er so sehr fürchtete, sie besucht hatte und am nächsten Tag wiederkommen würde.
Manchmal brauchte er tausenderlei Vorwände, damit sie früher schlafen gehe als er. Er sagte, daß er ein wenig lesen, Ordnung in seine Papiere bringen wolle, einen Brief suchen müsse, auf den er zu antworten hätte. Sie hatte Ruhe nötig. Er riet ihr dringend, nicht auf ihn zu warten. Er bestand darauf, er sei nicht schläfrig und würde ziemlich lange aufbleiben. Er blieb dann stundenlang allein in seine Gedanken versunken. Die Lampe brannte auf einer Etagere, von der aus sie das ganze Zimmer beleuchtete. Der Herbst rückte vor. Es war noch nicht sehr kalt, aber in den Häusern war es feucht und abends heizte man ein. „Nur ein kleines Feuerchen“, sagte seine Frau. „Um das Blut ein wenig in Gang zu bringen.“
Er kauerte sich neben dem Ofen in eine Ecke und ließ von der Wärme eingelullt seine Gedanken schweifen. Der Wecker auf der Kommode schien irgendeinem Ziele zuzueilen. Im Hause war keinerlei Geräusch. Es war von Leuten bewohnt, die früh schlafen gingen und früh aufstanden.
Ohne seinen Traum zu unterbrechen, betrachtete er die Dinge, die ihn umgaben. Die unbeweglichen Stühle, den Tisch, die Nähschatulle seiner Frau, einen Fingerhut, die Zwirnspule. Sie hatte ihm heute nach dem Frühstück auf dem Flur gesagt: „Bring mir eine Spule von D. M. C. mit.“ (Dies war die Marke, die sie benützte.) Sie hatte ihm so herzlich zugelächelt, als sie um diese geringfügige Sache bat, daß er inmitten der dunklen Tage, die er jetzt durchlitt, eines der stärksten Glücksgefühle seines Lebens empfand. Er hatte ihr dann auch, als er sie verließ, um seiner Arbeit nachzugehen, den leidenschaftlichsten Kuß gegeben, den sie jemals von ihm empfangen hatte. Diesen Abend war es ihm auch wieder gelungen, allein zu bleiben. Es war spät, und er sann in der Stille des Hauses vor sich hin. Im Ofen erstarb das Feuer.
Seine Blicke fielen auf einen eingerahmten Stich, der an der Mauer hing. Peinlicherweise sah er ihn immer wieder, weil er sich an einem Platz befand, wo er ihn schwerlich vermeiden konnte. Er hatte immer dagehangen. Er sah ihn täglich, und vielleicht war dies der Grund, weshalb er ihn niemals gesehen hatte. Woher kam er eigentlich? Er erinnerte sich dessen nicht mehr. Immer war er ein Bestandteil ihres Hausrates gewesen. Wenn sie umgezogen waren, hatten sie ihn mitgenommen und neuerdings an die Mauer gehängt, ohne ihn eingehender zu betrachten, als eben nötig, um ihn nicht verkehrt anzubringen. Seit einigen Tagen betrachtete er ihn hartnäckig. Auf einem Hügel befand sich da eine Hündin von mehreren Jungen umgeben, zwei andere junge Hunde versuchten ihr zuzuschwimmen, kämpften im dunklen Wasser, das den Hügel umgab. Überschwemmung war der Titel. Er wurde nicht müde, den Stich zu betrachten. Die Verzweiflung der Hündin, die gegen den fahlen Himmel anschlug, wurde ihm für Augenblicke unerträglich.
Seine Frau erwachte, bemerkte durch die halbgeöffnete Tür das Licht und rief ihm aus dem Nachbarzimmer zu: