„Komm doch schlafen, du wirst morgen müde sein.“

„Ja, ich komme schon, ich bin bald fertig.“

Und er blieb sitzen, unfähig, seinen Gedanken zu entfliehen. Nach längerer Zeit erwachte seine Frau von neuem und rief ihm in ärgerlichem Ton zu: „Du bist wirklich unvernünftig.“

Er legte sich schlafen, ohne zu einem Entschluß gekommen zu sein.

Ein Leben umfing ihn, in dem der Traum die Wirklichkeit beherrschte. Die Leute, die mit ihm verkehrten, sahen, wie sein Blick sich mit neuen Dingen füllte.

Eines Tages, in der Dämmerung, kehrte er aus seinem Bureau heim. Er ging einen Boulevard entlang, der von Privatbesitzungen gesäumt war. Ein Straßenräumer fegte den dicken Teppich der Blätter und sammelte sie zu einem rauschenden Haufen. Er blieb stehen, um ihm zuzuschauen, empfand wieder eine aufrichtige Freude, die Erde, die so lange unter den Blättern begraben gewesen war, zu erblicken. Der Boulevard würde bald in seiner ganzen Länge so rein aufgekehrt sein, wie auf diesem Platz. Die wieder aufgedeckte Erde war feucht und wie zernagt von den unzähligen Insekten, die er umherlaufen sah. Er verfolgte den Kampf einer Ameise mit einem ungeheuren Gegenstand. Er blieb so lange unbeweglich, daß der beunruhigte Straßenkehrer sich näherte, um zu sehen, was er mit so viel Aufmerksamkeit betrachtete. Aber schon seit einigen Minuten sah er weder die Tiere noch die Erde mehr. Das Antlitz, das er dem Manne zuwandte, war so leidvoll, daß dieser sprachlos stehen blieb.

Er dachte daran, zu verschwinden, sich zu töten.

Das Antlitz seiner Frau blieb so friedlich, wie er es immer gekannt hatte. Sie widmete sich mit derselben Sorgfalt dem Haushalt und schien nichts von ihrer früheren Fröhlichkeit eingebüßt zu haben. Wenn er abends heimkehrte, sah er sie unter der Lampe nähen. Sie tauschten den Begrüßungskuß. Sie erhob sich, stellte wieder die Lampe auf die Etagere und deckte den Tisch. Während sie das tat, sprach sie mit ihm, blieb zuweilen einen Augenblick still und erwartete mit aufmerksamem und lächelndem Blick seine Antwort. In ihrer Haltung war ganz und gar nichts, woraus man hätte schließen können, daß sie das Geheimnis kannte. Ja, vielleicht bewies sie ihm mehr Zärtlichkeit als früher.

Und dennoch hatte die andere gesprochen, dennoch wußte sie!

Es war anfangs sehr hart für sie gewesen, diese Sache zu tragen. Plötzlich war ihr das Wesen, mit dem sie seit Jahren lebte, wie ein Fremdes erschienen. Als sie ihn so plötzlich für verächtlich und niedrig gehalten, hatte sie sich gesagt: ich werde morgen von ihm gehen. Er hatte kein Vertrauen gehabt! Er hatte ihr nichts gesagt, und doch mit welcher Freude hätte sie ihm verziehen. Warum hatte er geschwiegen? Warum sie getäuscht? Dann hatte sie die Überlegung zu einer richtigeren Auffassung seines Benehmens geführt. Er hatte nichts gesagt, weil er sie so sehr liebte und Furcht gehabt hatte. Daran konnte sie nicht mehr zweifeln. Zweimal war er schwach gewesen, nichts als schwach. Und wenn sie an die liebevolle Feigheit dachte, die er ihr bewies, stieg Freudenröte ihr ins Antlitz. O teurer Freund, sei ohne Angst. Sie, die du erwählt hast, mit ihr ein Leben zu verbringen, sie verdammt dich nicht. Sie zürnt dir kaum, daß du an dem Reichtum ihres Herzens gezweifelt hast. Du kennst sie so wenig, und doch hast du sie erwählt. Ich erinnere mich, mit welch rührender Schüchternheit du in den ersten Tagen unserer Begegnung mit mir gesprochen hast. Und ich habe das Beben nicht vergessen, das dich durch und durch bewegte, als du mich um das batest, was mein Herz dir längst geschenkt hatte.