Wenn sie sich ihm gegenüber befand, dachte sie: Du magst mich ansehen soviel du willst, du wirst nicht die mindeste Spur meiner Mitwisserschaft entdecken. Drücke meine Hände, schließe mich in deine Arme, du wirst nichts in mir finden, was dir fremd geworden ist und dir entfliehen will. Diese dumme Person hat ihre Zeit verloren, als sie versuchte, dich in meinen Augen herabzusetzen. Damit du nicht aufmerksam wirst, werde ich sie nicht hinauswerfen. Einige Zeit werde ich sie noch herkommen lassen, dann werde ich sie nach und nach entfernen, und es wird von all dem nichts mehr übrigbleiben. Freund, treuer Freund, du mein unentbehrlicher Gefährte, erkenne deine Frau besser. Noch ganz andere Dinge hätte sie dir verziehen. Sei denn beruhigt. Du wirst es nicht erfahren, daß dein Geheimnis in mir begraben ist. Niemals wird zwischen uns davon die Rede sein.

Tage vergingen, ohne daß der Friede des Haushaltes durch irgend etwas gestört wurde. Er entfernte sich morgens, um ins Bureau zu gehen, kam zum Mittagessen nach Hause und blieb dann wieder bis zum Abend aus. Sie räumte die Wohnung auf und ging dann einkaufen. Sie nähte, bügelte, las ein wenig. Zu den Mahlzeiten fand er sie sorgsam frisiert, mit bloßen Armen und Hals und in einem immer reinlichen, hübschen Schlafrock.

Die „Andere“ kam von Zeit zu Zeit, um den Gang der Dinge auszuspüren. Sie hoffte immer, daß auf dieses glückliche Paar die Endkatastrophe hereinbräche, die ihr eine Freude bedeuten würde. Aber sie wurde mit demselben Lächeln empfangen wie früher und verstand nicht. In dem Maße, als ihr selbst dieses Unternehmen langweilig wurde, verringerten sich ihre Besuche.

Aber er! Er!

Er verlebte düstere Tage. Der Verurteilte in seiner dumpfen Zelle, nicht endenwollende Stunden damit verbringend, in Gedanken seine eigene Gruft zu bauen, war weniger unglücklich als er. Das konnte so nicht andauern. Alles war einem solchen Leben vorzuziehen.

Jeden Morgen sagte er sich: ich lasse mir noch einen Tag Zeit zu überlegen, um einen Entschluß zu fassen. Wenn ich morgen, nach dem Nachtessen, nichts gesagt haben werde, wenn ich nicht den Mut gehabt habe zu gestehen, werde ich fortgehen und mich ins Wasser stürzen. Der nächste Tag kam. Er dachte von neuem wie am Abend zuvor. Da sie nichts weiß, wird sie vielleicht nie etwas wissen. Ist es also nötig, zu versuchen? Zweifellos nein. Überdies bin ich es nicht mehr imstande. Oh! Elend. Wie aus dieser Situation herauskommen? Wäre denn nicht seine einzige Rettung die Selbstvernichtung? Eine banale Zeitungsphrase, die ihm beim Lesen der vermischten Anzeigen aufgefallen war, kam ihm unaufhörlich in Erinnerung:

Er hatte ein Unrecht begangen, aber er hat es bezahlt. Breitet den Mantel des Schweigens über ihn.“

Ich werde mich ins Wasser stürzen, und damit wird es ein Ende haben. Der Abend kam. In Augenblicken, wo sie beide still blieben, sagte er zu sich selbst: nun so fang doch an, jetzt ist der Augenblick. (Die Stille dehnte sich hin.) Beginn doch, Feigling. Auf was wartest du? Seine Frau hob den Kopf und sprach irgend etwas. Er antwortete eilig und leichthin, glücklich, einen Vorwand gefunden zu haben, um den Augenblick seines Geständnisses verzögern zu können. Und er sagte zu seinem Gewissen: dieses Mal ist es nicht meine Schuld. Du bist mein Zeuge, daß ich den Mund soeben öffnete, als sie zu mir zu sprechen begann. Ich mußte ihr ja doch antworten. Ein neues Schweigen setzte ein. Er sagte immer noch nichts. Und er blieb so bis zu dem Augenblick, wo er aufstand, von Verzweiflung übermannt. Sie ganz in ihrer Rolle aufgehend, ihn nur ja recht gut zu behandeln, ja innerlich glücklich, daß ihr das so gut gelang, so glücklich, daß sie zuweilen wie ein Kind in die Hände klatschte, sobald er gegangen war. Sie ahnte nichts von dem Drama, das sich in ihm abspielte. Sie sagte sich: wie leicht fällt es mir, dieses Geheimnis zu bewahren. Ach, er wird niemals etwas erfahren! Der arme Schatz!

Und sie sagte ihm Worte der Zärtlichkeit, die sie noch niemals gesagt hatte.

Diesen Abend wird er sprechen oder sich töten. Er wußte, daß ihn diesmal nichts mehr verhindern konnte. In seiner Westentasche befand sich ein Brief, den er nachmittags in seinem Bureau geschrieben hatte. Er setzte darin seiner Frau die Gründe seines Selbstmordes auseinander. Er hatte geweint, als er ihr schrieb. Den ganzen Tag über hatte er sich am Rande des Wassers gesehen. Wie würde er es anstellen? Wird er sich nach vorwärts, seiner ganzen Länge nach, mit großem Lärm ins Wasser werfen, oder wird er sich über die Böschung lehnen, um mit geschlossenen Augen sanft hinunterzurollen? Er könnte auch hinknien . . . Wie schwer mußte es einem werden, sich in dieses Wasser zu werfen. Er empfand das Gefühl der ersten Berührung mit dem Wasser. Würde er bis zum letzten Augenblick an seine Frau denken können? Würde er die letzte Klarheit seines Bewußtseins ihrem Gedächtnis widmen? All dies beunruhigte ihn sehr.