Er hatte sich eine Taktik ausgedacht, um zu erfahren, was sie über eine Verfehlung wie die seine denken mochte. Er würde ihr ungefähr seine eigene Geschichte erzählen, jedoch so, daß er sie einem seiner Bureaukollegen zuschrieb. Er würde ihre Meinung mit einer vorgespiegelten Teilnahmslosigkeit einholen. So würde er erfahren, ob er die Maske fallen lassen könnte, oder ob er sterben müsse.
Sie saßen einander am Tisch gegenüber. Er hatte darauf bestanden, daß die Lampe zwischen ihnen stehen blieb. (In dem Schatten, der über dem Lampenschirm herrschte, würde er mehr Mut haben zu sprechen.) Seine Frau aß langsam ihre Suppe, indem sie gemächlich über jeden Löffel hinblies. Er blieb unbeweglich, den Hals wie zugeschnürt, er streckte sich, und wie man gewaltsam ein Tier am Halse nimmt, überwand er sich und zwang sich den Mund zu öffnen. Irgend etwas stach ihm über das ganze Gesicht.
„Weißt du, dieser Mensch, der da neben mir im Bureau arbeitet und von dem ich dir so oft erzählt habe?“
„— Nun? Nun?“
„Schöne Sachen hat man über ihn gehört. Eine unglaubliche Geschichte!“
„Ach!“ Sie sah ihn an, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt. Er sprach mit gesenktem Haupte.
„Seine Frau wird ihn verlassen. Sie hat recht. Denk dir nur, bevor er sich verheiratete . . . dieser Elende.“ (Er zitterte so sehr, daß er kaum sprechen konnte.) . . . „wie kann man nur so seine Frau hintergehen! . . . hat dieser unanständige Mensch eine Niedrigkeit begangen, von der ich dir jetzt erzählen werde —“
Er hielt inne, um Atem zu schöpfen. Der Schweiß perlte ihm schon aus der Stirne. Die große Stille ließ ihn den Kopf emporheben. Er sah, wie sich seine Frau vom Sessel erhoben hatte und, beide Hände auf den Tisch gestützt, ihn betrachtete. Die Lampe erhellte ihr Gesicht von unten nach oben her. Auf ihren Wangen lagen Schatten und Ränder roten Lichtes um ihre Augen, aus denen seltsame Blicke fielen. Diese Blicke flehten ihn an, inne zu halten.
Er verstand augenblicklich. Sie wußte es und hatte nichts gesprochen. Nun? So hatte sie ihm denn verziehen! Er stand auf, sie trat einen Schritt zu ihm und umarmte ihn mit aller Kraft.