Nach einem langen Schweigen flüsterte sie ihm ins Ohr.

„Wir werden niemals mehr darüber sprechen.“

ER LEHNT SICH AUF

Er war des Morgens viel früher erwacht als gewöhnlich, hatte in seinem Bette lange gesonnen, sich hin und her gedreht und sich nicht entschließen können, aufzustehen.

„Elende Schindmähre, wie widerlich ist doch dein Leben! Jahr um Jahr rackere ich mich nun zu Tod für andere, ohne nur einen Schritt weiter gekommen zu sein als am ersten Tage. Jeden Morgen setze ich mich gezäunt und aufgetakelt, mit gut geöltem Kopf und Gliedern für mein Tagewerk in Bewegung. Dieses Kalb von einem Hausmeister wirft mir im Vorübergehen (er vergißt es nie) die wenigen Worte zu, die er mir schuldig zu sein glaubt: ‚Der Herr ist heute spät daran‘, oder auch: ‚Der Wind hat sich gedreht, wir werden wieder Regen bekommen‘. Mit welchem Hochgenuß würde ich ihn mit meinem genagelten Absatz zerquetschen, diesen kriechenden Hund! Jeden Tag durchquere ich dieselben Straßen und begegne denselben Dummköpfen. O Schrecken, mehr Schilder, als mir lieb ist, kenne ich auswendig. Ich setze mich auf den Stuhl, der mich an meinem Schreibtisch erwartet, und ärgere mich, wenn man ihn mir ausgetauscht hat. Ich hasse denjenigen, der mich angestellt hat, weil meine Armut ihm Macht über mich gibt, und er seinerseits verachtet mich, weil ich von ihm abhänge. Nur abends lerne ich ein wenig Vergnügen kennen, wenn ich für einige Stunden meine Fron verlasse. Ich schleppe mich durch die Straßen, bleibe vor den Auslagen stehen, dränge mich hinzu, wenn Menschen sich irgendwo ansammeln. Ich gestehe, daß ich zuweilen ein angenehmes Kitzeln empfinde, sobald ich allein in meinem Zimmer bin. In meinen vier Mauern bin ich Buddhist, Herr eines Besitzes, der nur mir gehört. Ich lese. Ich kann nachdenken. Endlich fühle ich, daß ich lebe, für kurze Zeit zwar nur und beinahe wie durch Betrug, aber doch lange genug, um diese Annehmlichkeit zu genießen. Der Kaffee, den ich mir selbst zubereitet habe, hat einen besonderen Geschmack. Er hat das Aroma meiner Freiheit. Aber bald flutet mir wieder die unendliche Traurigkeit meines Lebens zu. Wird es sich denn niemals wandeln? Werde ich immer Sklave sein? Ich verzögere den Augenblick, mich schlafen zu legen, um die Zeit meiner Freiheit vor der Sklaverei des kommenden Tages zu verlängern. Wenn ich in mein Bett gehe, habe ich den Eindruck, daß dieser verhaßte kommende Tag bereits da ist. Wird es mein Los sein, zu krepieren, ohne gelebt zu haben? Ich war für Abenteuer geboren, für kühne Unternehmungen, und ich verkomme allmählich in verelendender Geruhsamkeit. Als ich jung war, erwartete ich dumpf etwas. Nun sind es bald vierzig Jahre her, daß ich mich um tägliches Brot mühe. Wofür? Nichts Gutes ist gekommen und wird jemals kommen. Ich langweile mich. Ich langweile mich bis zum äußersten. Immer allein, allein, allein. Kein Frauenzimmer, keinen Trinkkumpan. Vorzeiten habe ich eine Freundin gehabt; als ich ihr das letztemal begegnete, fühlte ich, daß sie mir ebenso fremd geworden war wie jener Stern, dessen Licht noch nicht bis zu uns gedrungen ist. Diese Tausende von Lebewesen, die sich um mich her bewegen, vermehren nur meine Einsamkeit. Ich bin und bleibe für jeden von ihnen isoliert. Es gab Monate, wo ich auch nicht einen Brief bekommen habe. Nicht einmal irgendeinen kleinen Prospekt hatte man den Einfall, mir zu senden. Es würde mir wohlgetan haben zu wissen, daß mein Name irgendwo bekannt ist. Jedesmal, wenn jemand auf dem Gang geht, halte ich den Atem zurück, denn ich glaube immer, daß man zu mir kommt. Ah, da bin ich aber schön hineingefallen! Hundedasein! Ich habe es satt. Das muß anders werden. Koste es was immer. Und zuvörderst, um damit zu beginnen, bleibe ich im Bett. Ich werde zu spät kommen, und sie werden mir Geschichten machen; meinetwegen, pfeife drauf. Versteht ihr: Ich pfeif auf euch!“ Er machte es sich noch bequemer im Bett. „Schließlich und endlich bin ich ja frei. Wenn sie mich während fünfzehn Jahren gehabt haben, geschah es mit meinem guten Willen. Heute verweigert der Narr den Dienst und wird widerspenstig. Bréhaigne & Lecoultres, Maschinenwerkzeugfabrik? Kenn ich nicht. Kenn ich nicht, sage ich und pfeife darauf. Ich verantwortlich? In dieser Gott-sei-bei-uns-Fabrik? Ihr irrt euch, meine Freunde. Ich bin freier Mensch; um es euch zu beweisen, werde ich den ganzen Tag spazierengehen. Gestern war erst Sonntag, sagt ihr? Nun, heute wird wieder Sonntag sein. Und wenn einer unter ihnen ist, der sich räuspert, trotz des Respektes, den ich euch schulde, wird man ihn, wohlverstanden, von der Höhe des Eiffelturmes von oben bis unten begießen.“

Er hatte vormittags blauen Montag gemacht, sich dann sorgfältig angekleidet, nachdem er zuvor mit den Fingern jedes Stäubchen auf seinem Rock wegschnippte.

Nach einer Tramwayfahrt, die ihm schier endlos erschien, war er an die äußerste Stadtlinie gelangt und hatte an der Straßenkreuzung nach einigem Zögern schließlich jenen Weg gewählt, den bereits andere Personen eingeschlagen hatten.