Da ist die „Tabaret“, die Alte, die sich immer verfolgt fühlt und an der der Zorn wie Sauerteig gärt. Sie hat es satt; die Wärterin ist immer hinter ihr her. Diese Ungerechtigkeit! Alle schmutzige Arbeit muß sie leisten, auskehren, ausreiben, die Spucknäpfe reinigen und noch Ärgeres. Was hat sie denn dieser Schlampe, dieser Dirne, die man nur selten nachts in ihrem Zimmer antreffen würde, getan?
„Aber versuchen Sie nur, sich einmal zu beklagen! Der Unterdirektor sieht alles nur mit ihren Augen, und der Direktor, das ist der liebe Gott in seinem Himmel. O Elend, sich so viel in seinem Leben geplagt zu haben, um so weit zu kommen! Das ist nicht recht!“ Und die Alte zieht weinend ab.
Allmählich werden die Ausgänger seltener. Nachzügler beeilen sich, fürchtend, daß man ihnen die Tür vor der Nase schließt. Nun tritt noch ein Alter als letzter heraus. Er sieht sich nach allen Leuten um, ängstlich und verschämt. Die hohen grauen Mauern, die feuchten Höfe, das Geräusch seiner Holzschuhe auf den hohlen Pflastersteinen, der Weg über die langen Gänge, die mit Verordnungen und „Verboten“ tapeziert sind, all das scheint ihn einzuschüchtern, ja zu erschrecken. Er hat abgewartet, bis alle gegangen waren, um seinerseits allein hinaus zu kommen, so sehr leidet er unter dem Gedanken, mit diesen Leuten, die fast alle heruntergekommen und widerlich sind, verwechselt zu werden.
„Vorwärts! Sputen Sie sich, oder ich schließe die Tür“, schimpft ihm der Torwart mit den runden Spüraugen nach. Der Alte tummelt sich und senkt den Kopf tiefer. Um ihn wird alles noch feindlicher. Er geht hinaus, hebt die Augen zum Himmel empor, der geballtes Dunkel aus sich hervorwälzt; und als er dann wenige Schritte vor sich zwei Pfründner erblickt, bleibt er stehen und kehrt um. Er tut so, als suche er etwas in seinen Taschen, um ihnen einen Vorsprung zu lassen. Drei Worte mit ihnen zu wechseln, ist ihm schon zuviel. Es gelingt ihm, ohne gesehen zu werden, feldwärts in einen kleinen Pfad einzubiegen. Eine Fabrikesse, die die ganze Ebene beherrscht, speit unaufhaltsam dicken schwarzen Rauch aus. Der Alte zieht einen Brief aus der Tasche, faltet ihn auseinander und liest ihn nochmals. Sein Sohn, den er fünf Jahre lang nicht gesehen und der ihn vor zwei Monaten im Asyl überrascht hat, sein wiedergefundener Sohn hat ihn für heute nochmals zu einer Zusammenkunft eingeladen.
Diese zwei Monate ungeduldigen Wartens sind ihm länger erschienen als die vorhergegangenen fünf Jahre. Er liest abermals den Brief: „In der kleinen Buschenschenke, wo wir das letztemal zu Mittag gegessen haben . . . Wenn nichts Unvorhergesehenes passiert . . . Dein Sohn, der Deiner nicht vergißt.“ Er faltet das kostbare Papier wieder zusammen und geht weiter, so rasch es seine schweren Holzschuhe und die Hindernisse des schmutzigen Weges erlauben. Dieser Sohn war das einzige Wesen auf Erden, das sich für ihn interessierte. Seine Frau hatte ihn vor mehr als fünfzehn Jahren verlassen, Johanna, seine sanfte, hübsche kleine Tochter, war in ihrer frühen Jugend hingestorben. Eine Reihe von Unglücksfällen waren dann gefolgt. Er hatte den Ozean zweimal überquert und sich auf beiden Weltteilen umhergetrieben. Die Jahre hatten sich während dieser Zeit gemehrt, und eines Tages war er mit seinem Gelde auf dem Trockenen. Wer hätte ihn da mit achtundsechzig Jahren in Dienst genommen?
Das gab ein Murmeln der Verwunderung im Eßsaal, als man hörte, wie ein wirklicher „Herr“ den „alten Bären“ Vater nannte. Geweint hatte der Alte und abermals geweint, seinen Sohn heftig umarmt und sich an ihn gehangen, als gelte es, ihn endgültig fremden, beängstigenden Gewalten zu entreißen. Er nährte jetzt die heimliche Hoffnung, daß sein Sohn ihn aus dem verhaßten Hause herausnehmen würde. Beim ersten Wiedersehen hatte er noch nicht gewagt, ihn darum zu bitten, aber heute war er dazu fest entschlossen. Wie könnte er ihm das verweigern? Er brauchte ja so wenig, ein kleines Zimmer, die notwendigsten Möbel und etwas über dreißig Franken im Monat. Das Taschengeld zu verdienen würde er schon eine Möglichkeit finden, indem er irgendwo arbeitete. Diese Hoffnung nahm er zu der Begegnung mit.
In starker Gemütsbewegung stößt er eine Tür auf und tritt in das Gärtchen der Schenke. Ob er schon da ist!? Er blickt die Lauben entlang. Noch niemand! Er empfindet eine kleine Enttäuschung, beruhigt sich aber mit dem Gedanken, daß es noch zeitig sei. Er setzt sich an einen Tisch unter einer Laube. Man hat ihn nicht eintreten gesehen, und in seine Gedanken vertieft, denkt er gar nicht daran, die Kellnerin zu rufen. Wahrscheinlich hat er die Straßenbahn benützt und wird von dieser Seite kommen, in diesem Augenblick denkt er an mich. Wenn er nur nicht gar zu spät kommt! Der Alte beugt sich vor, um auszuschauen, er nimmt seinen Brief heraus und liest ihn abermals. Ja, es stimmt: für diesen Tag. Nun meint er das Warten leichter ertragen zu können, wenn er etwas inzwischen trinkt, und er klopft auf den Tisch, um auf sich aufmerksam zu machen. Man hört ihn nicht, und er wiederholt mehrmals seinen Ruf. Die Magd erscheint endlich, und ihre Züge verhärten sich, als sie in ihm einen Pfründner erkennt. Diese Schelme haben keinen guten Ruf, sie gelten als Trunkenbolde und schlechte Zahler. Aber sie spürt doch, daß dieser da sich von den anderen vorteilhaft unterscheidet, und sagt fast besorgt:
„Im Saal werden Sie besser dran sein, es wird gleich zu regnen beginnen.“
Da er aber hier warten will, um dann später mit seinem Sohn allein zu sein, lehnt er, ein Lächeln sich abringend, sanft ab. Er wäre ja, wenn es regnete, durch die Blätter geschützt. Man müsse ja auch Luft schöpfen. Er hat sich einen Schoppen bestellt. Es bleiben ihm noch acht Sous von den zehn Franken, die ihm sein Sohn anläßlich seines ersten Besuches gegeben hat. Er hatte einige Kleinigkeiten gekauft, auch ein wenig Wäsche. Der Rest reicht gerade noch für diesen Schoppen. Sein Sohn würde ihm wohl noch etwas geben, und schon stellt er ein genaues Inventar seiner Bedürfnisse auf, um die paar Franken, die er bekommen wird, richtig zu verwenden. Er hat oft Leibschmerzen; eine flanellene Bauchbinde wird er sich anschaffen.
Der Schoppen wurde ihm gebracht. Er schenkt sich den dicken Wein ein und trinkt langsam. Es regnet immer noch nicht. Der Wind entführt die Wolken ins Weite. Die dürftigen Sträuche und Büsche winden sich unter seinen Stößen. Lärmend fährt ein Karren vorbei. Der Kutscher läßt zur Zerstreuung die Peitsche knallen. In diesem Erdenwinkel ist das Leben ja so eintönig. Regelmäßig zur selben Stunde verschlingen und speien drei große Fabriken ein freudloses Volk in farblosen Gewändern aus. In der Ferne schlägt eine Turmuhr. Nicht weit dampft ein Düngerhaufen.