Der Alte wird schließlich unruhig. Wieder zieht er den Brief hervor. Es war darin keine Stunde bestimmt. Zweimal schon ist die Kellnerin gekommen. Das erstemal hatte sie gesagt: „Ich dachte, Sie hätten mich gerufen.“ Das zweitemal verhehlte sie ihr Mißtrauen gar nicht mehr. Er verstand sie und bezahlte.

Er läßt den Blick nicht von der Straße. Wenn er jemanden in der Ferne sieht, beugt er sich vor und legt die Hand über die Augen. Doch bald wendet er, enttäuscht von unbekannten Schritten, den Kopf. Die Zeit wird immer schwerer lastend fühlbar.

Er bemerkt, daß der grüne Anstrich des Tisches, der an manchen Stellen abgeschabt ist, eine merkwürdige Zeichnung bildet. Der Singsang eines Händlers, der Hasenhäute feilbietet, entführt ihn weit weg, dann findet er sich wieder auf die Erde zurück an den Tisch und in die gleiche peinvolle Beunruhigung. Von Zeit zu Zeit trinkt er einen kleinen Schluck, um sich das Warten zu erleichtern, macht längere Zwischenpausen. Um den Wein zu sparen, sagt er sich: Ich werde immer erst trinken, sobald ich bis hundert gezählt habe, und schlürfend trinkt er dann nur einen ganz kleinen Schluck. Aber seine Gedanken nehmen ihn wieder gefangen, und er trinkt und trinkt und vergißt dabei seinen Vorsatz. Erschrocken bemerkt er, daß ihm nur noch ein kleiner Schluck bleibt, und seine Traurigkeit steigert sich. Dieser Wein hatte bisher seine Erwartung begleitet und die Zeit sein Aroma angenommen. Er fühlt, daß er viel verlassener sein wird, sobald diese Hilfe erschöpft ist. Neben einem leeren Glas wird jede Sekunde sich unendlich dehnen.

So gelobt er sich, den Rest erst zu trinken, wenn sein Sohn kommt.

Er fröstelt. „Gehen Sie hinein, um sich ein bißchen zu erwärmen“, ruft ihm der Wirt zu, der eben durch den Garten geht.

„Es geht schon an, mir ist nicht kalt“, antwortet er.

Die Worte dieses Mannes, der ihn in seinem Warten stört, verursachen ihm ein wirkliches Schmerzgefühl. Er kann es sich nicht erklären, aber es ist ihm, als betrafen sie irgendwie seinen Sohn. Mit all seiner Kraft will er ihn erwarten, ohne durch irgend etwas gehindert zu sein.

Die Zeit fließt hin, im Glase hat sich der Wein noch vermindert. Der Wirt kommt vorbei und fragt dringend: „Noch ein Schoppen gefällig?“

Peinlich berührt, wie es eben einer ist, der ein leeres Portemonnaie in der Tasche hat, antwortet er. Eine große Angst ist über ihn gekommen. Lange schon sitzt er so; der Rest des Weines genügt nicht mehr, seine Gegenwart in der Laube zu rechtfertigen. Er spürte, daß der ausgedehnte Schoppen dieses wunderlichen Alten aus dem Bürgerspital dem Wirt Beunruhigung einzuflößen beginnt.