Verlangte er ein neues Glas, so würde dieser sich besänftigen und ihm Aufschub gewähren. Ach Gott! Soll er sich eines bestellen, das sein Sohn bezahlen müßte? Nein! Etwas in ihm lehnt diese Möglichkeit ab. Zitternde Ungeduld erfüllt ihn.

Der Schank, ganz nahe hinter ihm, wird zu einem Ort voll Feindlichkeit. Und die verdammte Straße, die ihm eigensinnig seinen geliebten Wanderer vorenthält! Als wollte er einen Widerstand besiegen, bohrt er seinen Blick ins Weite, als wollte er die teure Erscheinung, die ohne Zweifel weitab hinter dem Horizont auf dem Wege ist, zu sich herreißen. Er gibt sich nicht mehr geruhsam der Zeit hin. Er lehnt sich gegen jede einzelne Minute auf. Seinen Willen möchte er ihr aufdrücken, ihren Lauf hemmen oder beschleunigen. Mit der einen Hand möchte er gegen den Schank hin ein Zeichen machen: Wartet es nur ab, beunruhigt euch nicht, mein Sohn wird kommen; und mit der anderen möchte er eine große Gebärde gegen den Horizont vollführen: So tummle dich doch, siehst du denn nicht, daß ich dein Kommen nicht mehr werde abwarten können!?

Immer noch nichts. Der Wind bläst und fegt eine schmutzige Zeitung auf die Straße hinaus.

Zwei Kutscher, die aus der Schenke kommen, werfen einen schiefen Blick zu ihm herüber in die Laube. Er schließt daraus, daß man in der Gaststube über ihn bereits schwätzt. Die Kellnerin geht zweimal sichtlich ohne Vorwand durch den Garten. Sie will ja gewiß diesen armen Alten nicht stören, den sie nur ganz harmlos bedrängt, da er ja schließlich doch hier Gast ist; aber sie ist so auffällig bemüht, ihn nicht zu bemerken, um ihn nicht zu verletzen, daß sie auf diese Art ihre heimliche Befürchtung verrät. Da endlich entschließt sich der Alte zur Auskunft:

„Ich erwarte meinen Sohn, der sich mit mir hier verabredet hat.“

„Ach so“, erwidert die Kellnerin.

„Wir haben ja hier schon einmal zu Mittag gegessen. Vor zwei Monaten, erinnern Sie sich, Sie hatten uns in den kleinen Saal gewiesen.“

Nun ist alles Mißtrauen geschwunden. Das Mädchen entsinnt sich.

„Ja natürlich, ich sagte mir ja gleich, dieses Gesicht kenne ich. Sie warten also auf Ihren Sohn. Da sollten Sie sich aber an den Ofen setzen, es ist nicht warm hier draußen.“

„Mir ist nicht kalt“, sagt der Alte, von Frost geschüttelt.