Nun hat er einen neuen Aufschub, kann dableiben, ohne daß man sich um ihn kümmert. Aus einer alten abgebrauchten Brieftasche, in der sich einige Reliquien von unschätzbarem Wert befinden, nimmt er eine Photographie, dann eine andere . . . seine Augen beginnen zu tränen. Er verschließt seine Tasche und steckt sie wieder zu sich. Rasch fällt die Nacht nieder, der Schatten unter den Büschen wird dichter, die Luft eisig. Wie schwarzes Gewässer breitet sich die Traurigkeit um den Alten. Sie durchdringt ihn manchmal so sehr, daß sie bis an sein Herz steigt und es einen Augenblick überwältigt. Er preßt seine Weste zusammen und richtet sich auf, als müßte er etwas Feindliches abwehren. Jemand eilt dort auf der Straße hin, aber er weiß wohl, es ist nicht für ihn . . . die Schritte gehen vorbei, ohne anzuhalten. Er faltet die Hände am Tisch. Auswendig sagt er den Brief wieder her, und das Fragment eines Satzes: „Falls nicht Unvorhergesehenes eintritt . . .“ läßt ihn innehalten und bleibt ihm vor Augen. Nun zweifelt er nicht mehr. Seit langem ist er da, vielleicht schon seit Stunden, aber sein Sohn wird nicht kommen. Er wird nicht kommen.
Schon ziehen die Pfründner heimwärts. Immer zahlreicher kommen sie an dem Gitter vorbei. Einige haben ihn sogar bemerkt, ohne ihn, der sich durch seine gewohnte Stumpfheit den Titel „alter Bär“ eingetragen hat, anzureden!
Er wird nicht mehr kommen! . . . Es ist gewiß kein Vergnügen für einen jungen Mann, seinen Vater im Greisenasyl zu besuchen, einen Vater, der ihm viel Übles angetan und den Namen, den auch er trägt, befleckt hat. Aus Mitleid hatte er seinen Widerwillen bezwungen und war einmal gekommen, ein armseliges einziges Mal. Er hat seine Großmut so weit getrieben, einen zweiten Besuch in Aussicht zu stellen. Aber nun weiß der Alte, daß es niemals dazu kommen wird, und mit einem Schlag wird ihm das ganze Elend seines Lebens gegenwärtig. Er fühlt in der Brust eine plötzliche Aufwallung, die sein Herz erschüttert und bis zum Halse aufsteigt und sein Gesicht verzerrt, über das mit einemmal Tränen hinrieseln.
Das kalte Naß auf seinen Wangen versiegt, und mit geschlossenen Augen sieht er die vergangenen Tage. In seinem Gedächtnis drängen sich mühelos und wirr die Erinnerungen, und er überläßt sich ihnen mit einer Art schmerzlicher Wollust.
. . . Da stehen an einem Flußrand schöne Pappeln, die all ihre Blätter im Winde regen, dann ist da plötzlich ein kleines blasses Mädchen in einem Bett hingestreckt, die Hände über der Brust gefaltet. Und flüchtige Erinnerungen: Ein Fleck an einer Wand, das Bruchstück eines einst vernommenen Gespräches, ein Keller, in dem man Gartengeräte einordnet, das schöne Antlitz einer Frau, die still in einem Fenster weint. Nun verdoppeln sich seine Tränen. In die Hände verbirgt er sein Antlitz und schluchzt laut in die Dämmerung, lange, lange. Allmählich besänftigt sich das Schluchzen. Seine Hände sinken herab. Er öffnet die Augen und erwacht in eine Welt, die alle Trauer auf sich genommen hat, in eine Welt, die still ist wie die Entsagung. Er sieht ein Zimmer wieder, mit seinen Möbeln, den glänzenden Parketten und den vom Mond bespülten Fensterscheiben, ein Zimmer, in dem er sich als Kind nachts so sehr fürchtete. Er hört in blassen Nächten die Hähne krähen, und das Weltall ist nur mehr Traum. In seinem kleinen Strohfauteuil sieht er sich wieder, zur Stunde, da der Sonnenuntergang den ganzen Garten belebte, sieht sich vor einem Fleckchen Sonne, das sich im Hintergrund des Hühnerstalles verspätet und das wehmütig in ihm Ritter und Könige aus dem Orient und ganz versunkene Epochen wachruft. Verzweiflungsvolle Visionen bedrücken ihn nun. Seine Tränen fließen von neuem. Er denkt an den Rock, den er seinerzeit getragen — — — im Krieg. Verzweiflung läßt ihn erbeben, wie er sich in Uniform sieht. Glückliche Zeit, wo die Stunde des Niederganges noch nicht geschlagen hatte. Heute ist er von aller Welt verlassen, selbst dieser Sohn, den er so sehr liebte, ist, kaum wiedergefunden, aufs neue verloren. Käme er doch! Wie würde er ihn umarmen! Wie würde er an seiner Schulter schluchzen! Ein Bild seines Kummers malte er ihm und fände so erschütternde Worte, daß sein Kind ihm in die Arme fallen würde, um mit ihm zu weinen. Komm, mein Kleiner, o komm doch! Er weiß es ja, daß er zu dieser Stunde nicht mehr kommen wird, daß er nicht mehr kommen kann. Er widersteht dieser grausamen Wirklichkeit mit der erbitterten Leidenschaft eines Menschen, der eine letzte Hoffnung hegt. Die unbeugsame Wirklichkeit wird immer fühlbarer. Er besinnt sich auch, daß er in den nächsten Tagen auf die bescheidenen Vorteile verzichten muß, die ihm die zehn Franken seines Sohnes gestattet hatten. Keinen Sous mehr in der Tasche! Verloren die Hoffnung, dies düstere Haus jemals zu verlassen. Das Weltall zieht sich um ihn zusammen, unerreichbar scheint ihm alles. Die Wesen strömen hin und her, ohne einander zu kennen. Er errät, bis zur Verzweiflung getrieben, wie unendlich fremd die Erde den Gestirnen ist. Er mag rufen, seinen Schmerz hinausschreien, niemand wird ihn hören. Auf der einen Seite des Lebens sind die Familien, die Freunde, die glücklichen Gefährten, das ganze frohlebige Dasein . . . auf der anderen Seite ist er allein: die Kälte, das dunkelste Elend, das Andenken seiner Mutter, die sanft war, lebhaft stehen sie vor seinem Geist. Er hängt sich mit aller Kraft daran. Stotternd murmelte er: Mutter, Mütterchen. Seine Kappe ist herabgefallen, seine Haare verdecken die Augen. Er möchte in der süßen Erinnerung versinken oder ihr so viel Wirklichkeit einflößen, daß er ihr ein heißes Leben erweckte, das dem seinen gliche. Er denkt an zwei kleine Flammen, die auf dem frisch entzündeten Dochte der Lampe hin und her schießen, um einander zu erreichen und sich zu vereinen. Doch dem Bemühen hingegeben, dies kostbare Bild zu verwirklichen, hat er die Vorstellung, daß die ferne Nacht mit Absicht schwiege und daß seine Gedanken in einen Trichter rinnen, der sie gänzlich aufsaugt. Die Vorstellung an Tod und Einsamkeit übermannt ihn so sehr, daß er in angstvoller Trauer schauert.
Unwillkürlich streckt er die Arme aus.
Die Glocke des Asyls beginnt zu läuten. Dreimal wird sie schlagen, dann wird das Tor geschlossen werden. Die Nachzügler werden ausgesperrt sein. Auf! Es muß wohl sein, daß er geht. Er erhebt sich, zögert aber, seinen Körper so geradeaus in die Verzweiflung zu tragen. Flüchtig und scheu verläßt er den abscheulichen Garten, den die Nacht schon erfüllt, und biegt in den kleinen Pfad, der längs der Baracken der Hadernsammler hinführt. Die Nebelpfeife einer Fabrik zeigt an, daß die Arbeiter die Werkstätten verlassen. Armselige Lichter leuchten da und dort längs der Ebene. Der Alte schreitet aus. Kaum, daß er sich auf den Weg gemacht hat, spürt er wieder den Schmerz im Bein, den er vergessen hatte. So geht er in die Nacht hin, und seine Holzschuhe schleifen den dicken Kot mit sich. Der Wind hat nachgelassen. Mit dumpfem Aufklang fallen große Regentropfen nieder. Er stößt im Vorwärtsgehen an Steine und schluchzt. Jedesmal, wenn er stolpert, richtet er Beschimpfungen gegen sich: „Krepier, alter Dummkopf, wer wird nach dir fragen? Krepiere, deine Geschichte ist zu Ende, alter Lumpensack. Hast dein Leben lang nichts als Böses vollbracht. Jetzt krepier, daß man dich in dein Loch scharrt, einsam, ohne Singsang. Ein Haufen Erde auf deinen Leib, das ist das Beste, was du von nun an erhoffen darfst.“ Doch sein heftiges Schluchzen straft seine Worte Lügen. Viele Fehler hat er zweifellos in seinem Leben begangen, aber die Strafe nun empfindet er dennoch als zu hart, ihr Ausmaß erdrückt ihn, und sein Kummer löst sich in neuerliches Schluchzen, das ihn tief erschüttert.
Nun hört er den zweiten Ruf der Glocke. Eilt er jetzt nicht, so wird er ausgesperrt, und er muß nun laufend das Haus erreichen, in das er, ach so gerne, nie wieder zurückgekehrt wäre.
„Tod, heiliger Tod, willst du mich nicht erlösen?“