VORAHNUNG

Mitten in der Nacht war er aufgestanden, die Stirne schweißbedeckt, im ganzen Körper schwere Müdigkeit. Mit offenen Augen starrte er ins Dämmern der entsetzlichen Vision nach. Er hatte mit aller Kraft versucht, seine Blicke auf die Gegenstände zu heften, die das Dunkel mehr ahnen als sehen ließ, dann hatte er sich bis über den Hals in die Wärme des Bettes zurückgeflüchtet, doch der hartnäckige Traum hatte ihn von neuem ergriffen.

Er war kein Dutzendmensch, er glaubte an so manches, und um flüchtigste Dinge stritt er mit Leidenschaft. Es gab Worte, die ihn berauschten; er lächelte mit Behagen, wenn er sie aussprach. Man wußte, daß er sich mit Ausdauer Arbeiten hingab, aber das Ziel seiner Bestrebungen und die Ursache seiner Unruhe war den meisten Menschen unbekannt. Da ihm die Gesetze der Ökonomie fremd waren, verausgabte er sich ohne Rücksicht auf Nutzen. Sein Leben verbrannte um nichts, aber es glich einer Kerze vor heiligem Bildnis in nächtlicher Kirche, denn ein heimliches Feuer wohnte in ihm.

Wie alltäglich war er aufgestanden und hatte sich angekleidet. Er war den gewohnten Gefährten seines Lebens begegnet, und sein Mund war stumm, seine Blicke waren nirgends haften geblieben. Er hatte ein Buch und dann noch eines durchgeblättert, sich gesetzt und wieder erhoben. Zwanzigmal hatte er vom Fenster die Straße oder den Himmel nach geheimem Rat befragt. Immer noch beherrschten ihn beängstigende Bilder.

O Mutter! Welche dunkle verhängnisvolle Macht hat es gewollt, daß du, die du sanft, und ich, der so voll kindlicher Zärtlichkeit war, daß wir niemals Seite an Seite leben konnten. Oh, du weißt nicht, wie groß meine Verzweiflung war, wenn ich nach unseren beklagenswerten Zwistigkeiten durch die Wand des Zimmers dein Weinen vernahm. Geliebte Mutter, schon die Erinnerung an dein Antlitz läßt mich Tränen vergießen. Ach, wenn du doch um die Zähigkeit meiner Reue wüßtest, die Heftigkeit meines Schmerzes, wenn ich deiner gedenke! Du bist auf Erden das einzige Wesen, das ich liebte. Und niemals sagte ich es dir, vielleicht auch wirst du es niemals wissen. Ach, warum? Warum nur! Oft denke ich daran, daß ich dich eines Tages verlieren muß. Ich sehe mich hinter deinen sterblichen Resten schreiten, und solch eine Fülle von Trauer drückt auf mich nieder, daß ich ganz mutlos werde. Wenn du gingest, ehe die letzten Worte, die wir einander sagten, in der Wärme des Verzeihens auslöschten, würde mein Schmerz zur Unerträglichkeit.

Aus unabweisbarem Verlangen, seine Unruhe zu überrennen, war er nach dem Frühstück abgereist.

„Ist Ihnen eine schlechte Nachricht zugekommen?“ hatte man ihn gefragt. „Nein, ich muß meine Mutter aufsuchen, es ist weiter nichts . . . eine Familienangelegenheit.“

Der Zug fuhr durch die Spätherbstlandschaft dahin, mitten durch tiefen Schlaf, den er nicht aufstörte.