[20] Kuno Fischer übersetzt offenbar widersinnig: „So will ich denn annehmen, daß nicht der allgütige Gott die Quelle der Wahrheit sei, sondern irgend ein böser und zugleich sehr mächtiger und listiger Dämon, der alle seine Kunst daran gesetzt habe, mich in Irrtum zu stürzen.“ – Es kann gewiß nicht Descartes' Absicht sein, den Geist der Lüge als Quelle der Wahrheit anzunehmen! Vielmehr ist im Gegenteil der Sinn: Gott sei die Quelle der Wahrheit, nicht aber des Luges und Truges, der von einem Lügengeiste herrühre. Daher ist auch v. Kirchmanns Übersetzung nicht ganz korrekt: „… daß nicht der allgütige Gott die Quelle der Wahrheit ist, sondern daß ein boshafter Geist seine Kraft anwendet, um mich zu täuschen.“
[21] Hiermit ist der erste gewisse Satz gefunden: „Ich bin“. In der That scheint es auf den ersten Blick, als könne es für uns nichts Unmittelbareres und Gewisseres geben, als unser eigenes Ich, unser Sein. Verfolgen wir aber einmal den Weg, den Descartes gegangen, um zum „Ich bin“ zu gelangen! Descartes zweifelt an allem; nirgends bietet sich ihm ein fester Anhaltspunkt, soweit er auch ausschaut. Da richtet sich sein Blick, der bisher nur nach außen gerichtet war, nach innen. Hier findet er eine Quelle von Wahrheit!
So lange er an Dinge, die außer ihm lagen, dachte, konnte er in nichts einen ganz unmittelbaren Einblick bekommen. Die Dinge lagen eben außer ihm, und nur durch eine Reihe vermittelnder Faktoren, an deren absoluter Zuverlässigkeit er gerechte Zweifel hegte, gelangte er zu einer Vorstellung von den Dingen. Weiter hatte er nichts von den Dingen, als diese seine eigene Vorstellung, die von den Dingen selbst himmelweit verschieden sein konnte. Darum zweifelte er.
Nun hatte er aber doch einmal diese Vorstellungen. Sie waren ihm gegeben, und sollten ihm nichts nützen können zur Erkenntnis? Er sah doch ganz gewiß vielerlei, hörte Töne, fühlte auch Festes, Weiches, Warmes, Kaltes u. s. w. Das waren unumstößliche Thatsachen, und doch mußte er zweifeln, ob wirklich das Gesehene auch da sei, ob das Feste, Warme u. s. w. außer ihm vorhanden sei, oder ob es nur seine Existenz als Wahngebilde seiner Phantasie, in ihm selbst habe? – – Aber in ihm selbst, in seinem Vorstellen, war es nun einmal.
Nun wandte sich Descartes' Blick nach innen! Er suchte ja nur etwas Gewisses, Sicheres. Einerlei, wo dies sich auch finde. Nun kam ihm zum klaren Bewußtsein, daß bei all seinem Zweifeln ein solch Gewisses ihm längst gegeben sei, nur merkte er es nicht, solange sein Blick nach außen gerichtet gewesen. Dieses unumstößlich Gewisse war nämlich sein Sehen, Hören, Fühlen, auch sein Zweifeln, kurz, sein Denken und Vorstellen. Wenn er überhaupt nicht sähe, hörte u. s. w. so könnte er ja gar nicht zweifeln, ob das Gesehene, Gehörte wahr sei. Überhaupt würde dann uns alles entschwinden, in ein vollkommnes Nichts übergehen. Wir könnten auch nicht sagen: „Ich bin“, denn dies „Ich“ ist erst dadurch uns überhaupt gegeben, daß wir sehen, hören u. s. w., kurz, daß wir denken. In Wahrheit wäre also nicht das „Ich bin“ als das Erste zu bezeichnen, was sich uns als gewiß darstellt, sondern das „Ich denke“, dem sich dann das „Ich bin“ anschlösse. So verfährt auch Descartes in anderen Schriften gewöhnlich, und sein erster gewisser Satz bekommt dann die Form: „Ich denke, ich bin“ oder auch: „Ich denke, also bin ich“ („Cogito, ergo sum“). (Ausführlich habe ich mich über die Bedeutung des Descartes'schen Fundamentalsatzes ausgesprochen in meiner Abhandlung: „Cogito, ergo sum“. Wiesbaden 1890.)
[22] K. Fischer (und ganz ähnlich v. Kirchmann) übersetzt: „Hier finde ich: das Denken ist; das Denken allein kann von meinem Wesen nicht abgetrennt werden; ich bin, ich existiere: dieser Satz ist gewiß.“ Dies trifft sehr schlecht den Sinn Descartes, der hier die Antwort findet auf die Frage: ‚Was ist es, das zu meinem Wesen gehört?‘ Unsere Übersetzung wird zudem auch durch die französische Ausgabe der „Betrachtungen“ gerechtfertigt.
Das „Ich“ ist an und für sich ganz inhaltslos. Seine Bedeutung erhält es erst durch das Denken, auf Grund dessen wir überhaupt erst zu dem Ich gelangen, wie wir bereits oben bemerkten. Weil Descartes von vornherein gleich das „Ich bin“ als das erste Gewisse hinstellte, war er genötigt, das Dazugehörige wieder dazu zu suchen. Er sucht zu der an sich leeren Form „Ich bin“ wieder den Inhalt, den er oben außer acht gelassen. Er that dies mit offenbarer Absicht. Die Korrektheit der Darstellung leidet nicht wesentlich darunter, der Leser aber wird tiefer in die Bedeutung des Fundamentalsatzes eingeführt, der nunmehr erst in seinem ganzen Umfange uns entgegentritt: „Ich denke – ich bin!“
Unterziehen wir nun den Fundamentalsatz einer kurzen Prüfung!
Das erste Gewisse ist das „Ich denke“ und damit zugleich das „Ich bin“. Der Begriff „denken“ bedarf aber noch einer genaueren Bestimmung, um wirklich genau nur das unmittelbare und erste Gewisse zu bedeuten. Gewiß ist uns – so sagten wir in [Anm. zu S. 33] – daß wir sehen, hören u. s. w. Nichts aber ist uns gewiß über das Wesen dieses Sehvorganges. Auch nichts ist gewiß über das Ding, welches wir zu sehen glauben. Gewiß ist nur, daß wir es sehen, oder daß es uns so zu Mute ist, als sehen wir, daß der gegenwärtige Zustand ein solcher ist, wie wir ihn als „Sehen“ zu bezeichnen gewohnt sind. Gewisse Bestimmtheiten, die zusammen ein „Bild“ (oder einen „Ton“ u. s. w.) ausmachen, schweben uns vor, d. h. sie sind gegenwärtig, sie sind gegeben, und zwar so wie sie eben sind. Das nennen wir dann „Vorstellung“ oder sonst wie. Was man aber weiter noch unter Vorstellung, Denken u. s. w. sich denken könnte, was über jenes bloße So- oder so-sein, jene ganz unmittelbaren gegenwärtigen Bestimmtheiten hinausgeht, alles das ist nicht absolut und in erster Linie gewiß! Unmittelbar gewiß ist nicht einmal das „Ich bin“. Erst wenn jene Bestimmtheiten thatsächlich gegeben sind, gelangen wir zum „Ich“; an sich wäre das Ich gänzlich inhaltsleer und bedeutungslos! Ohne die Beziehung auf das „Ich“, würden aber jene Bestimmtheiten niemals „Sehen“ oder „Vorstellen“, „Denken“ heißen können. Denn nur dadurch, daß ich mir die Bestimmtheiten zuschreibe, sage ich, „ich denke“. Da aber das Ich nicht unmittelbar gewiß ist, kann sonach auch das unmittelbar Gewisse nicht als Denken, Vorstellen u. s. w. bezeichnet werden! In der That vollzieht es sich auch in unserem Bewußtsein stets vermöge einer Vermittlung, nie unmittelbar, wenn wir dessen inne werden, daß wir vorstellen u. s. w. Zuerst sind stets, als schlechthinige beziehungslose Thatsachen die Bestimmtheiten gegeben, die erst durch einen besonderen Akt der Beziehung (oder Reflexion) als „Vorstellungen“ selbst aufgefaßt werden. Dies wiederum ist nur möglich vermöge einer Gegensetzung („Nicht-Ich“ und „Ich“), ohne die jene Bestimmtheiten ganz indifferent bleiben würden und nie irgendwie bezogen werden könnten (da keine Beziehungsrichtung da wäre). Je nach der Beziehung der Bestimmtheiten aber (auf das Nicht-Ich oder das Ich) wird die Bestimmtheit als Bestimmtheit eines Dinges oder einer „Vorstellung“ aufgefaßt. So sei z. B. die indifferente Bestimmtheit „weiß“ gegenwärtig. Wird sie nach außen bezogen, so ist sie Eigenschaft eines Nicht-Ich; wir sagen „Ein Ding ist weiß“. Wird sie nach innen bezogen, so sagen wir: „ich habe die Vorstellung von weiß“. Unmittelbar gegeben ist aber lediglich die indifferente Bestimmtheit. Ich und Nicht-Ich, Ding und Vorstellung sind nur Beziehungsformen, die, um thatsächlich und gewiß werden zu können, eine Bestimmtheit voraussetzen. Nur indem eine Bestimmtheit nach innen bezogen wird, kann der Ich-Gedanke praktisch vollzogen werden. Das sogenannte „reine Ich“ ist nur eine Abstraktion aus der konkreten, bestimmten Ichbeziehung. Darum ist auch das Erste die Bestimmtheit; durch Beziehung geht aus dieser das „Ich stelle vor“ hervor oder das „Ich denke“, und hieraus, durch Abstraktion, das „Ich“ („Ich bin“). Man sieht leicht, eben in jenem Beziehen der Bestimmtheiten besteht überhaupt erst das eigentliche „Vorstellen“! Wenn sich nun auch stets sofort an das Bestimmtsein sogleich ein Beziehen anknüpft, sodaß wir nie eine ganz beziehungslose, indifferente (gegenstandslose) Bestimmung dauernd ins Auge fassen können, so ist doch leicht einzusehen, daß doch in Wahrheit genau genommen das Erste und Unmittelbarste und Gewisseste die Bestimmung ist.
Das ist nun keineswegs bedeutungslos! Heben wir an mit einer Untersuchung der Bestimmung, so ergiebt sich uns daraus bald das Wesen jener Beziehung und Gegensetzung, wir vermögen einen tiefen Blick in das Wesen des Bewußtseins, des „Ich“ und der Dinge außer uns zu thun. Es gelingt die Lösung von Problemen, die bisher die Metaphysik nicht einmal bestimmt ins Auge zu fassen gewagt hatte. Auch das innerste Wesen und die Entstehung von Raum und Zeit enthüllt sich vor uns und die obersten Grundlagen der Mathematik und der Mechanik werden unserem Verständnis erschlossen. Die ganze Wissenschaft schließt sich zusammen zu einem festen einheitlichen System.