Aïssé aber starb ewig den Liebestod.

„Bin ich schon tot?“ fragte sie manchmal, wenn wir, noch ineinander verschlungen, ruhten. Zwei Pflanzen waren wir, die, außer sich vor Freude, einander mit ihren Säften durchdrangen und voneinander zehrten. Die Mündung zweier Ströme. Ein Kandelaber mit vielen brennenden Kerzen.

Aïssé öffnete nicht einmal die Augen, wenn ich sie verließ, und meine Rückkehr war, als hätte ich sie nie verlassen. Wir kannten weder Zwang noch Versagen. Wir waren die beiden Flügel eines Vogels, die einander mühelos überboten und sich zusammenschlossen.

„O Wollust,“ rief sie, „gute Wollust!“

Aïssé wußte nichts mehr von Paris, sie war im Kloster gestorben, als die Monstranz funkelte und die hellen Schwestern sangen. Der Geliebte hatte sich über sie gebeugt, sie auf seine Schulter gehoben und in den Himmel getragen. Nun küßte er sie unaufhörlich, und sie umarmte ihn ohne Ende. Wir brannten und hatten wieder kühl. Millionen Wesen nahmen, von einem Blut durchströmt, an unserer Freude teil, eine unübersehbare, glückverstummte Schar, aus der manchmal, deutlich erkennbar, die Heiligen auftauchten. Aïssé erkannte sie nach den Bildern, die sie auf der Erde von ihnen gesehen hatte. Es war ein ewiges Kommen und Gehen wie auf einem großen Sklavenmarkt. Ein Sichsuchen, Sichfinden, ohne daß wir einander verloren. Zuweilen tauchte aus dem Goldlicht die dunklere Silhouette von Konstantinopel. Auf den Minarets hoben sich ganz dünne Arme. Das waren die Männer, die zum Gebet riefen. Aber ihre Stimme hörte man nicht.

Aïssés Gang war noch leiser, ihre Bewegungen noch demütiger geworden. Sie schwebte durchs Zimmer, bereitete das Essen, verweilte still und tat alles mit der Selbstverständlichkeit einer freien Magd. Sie kannte weder Scham noch Furcht.

Eines Tages versuchte sie mühsam, sich aus meinem Arm zu erheben, und fiel zurück. Da sagte sie:

„Du mußt meinen Beichtvater holen.“

Der Priester kam und traute uns. Der Pächter und ein Knecht waren Zeugen.

„Jetzt,“ rief Aïssé, „kannst du tun, was dir beliebt, bis du stirbst. Dann werden wir Hochzeit halten im Himmel, denn du bist mein Gatte! Hörst du? Mein Gatte! Du gehörst Gott und mir allein.“