In der Nacht begann der Todeskampf. Sie klammerte sich an mich, und litt knieend in meinen Armen, die sie hielten. Dann strich sie mit beiden Händen langsam über meinen Körper und legte den Kopf auf meinen Leib.
Ich hielt zwei Tage und zwei Nächte Totenwacht. Aïssé lag nackt und einsam ohne eine Blume zwischen den Kerzen, sie schien mit den Haaren an das große weiße Bett festgewachsen. Sie hüllten sie in das Laken und legten sie in den Sarg.
Am Grab war die männliche Gemeinde von Saint-Sulpice versammelt. Der Regent ließ sich durch den Grafen von Charolais vertreten. Als der Priester die letzten Gebete sprechen wollte, vergaß er sie mit einemmal. Er starrte mit geröteten Augen abwechselnd ins Grab und in sein Buch. Endlich sagte er einfach:
„Sie wird auferstehen!“
Kurze Zeit darnach folgte ich meiner Geliebten. Als ich spät abends den gewohnten Weg zum Pächterhause ritt, scheute auf der Brücke bei Suresnes mein Pferd vor einem Wagen und sprang über das Geländer in die Seine. Ich ertrank . . .“
Der Franzose legte seine Hände auf meine Kniee und sah mir lächelnd in die Augen.
„Ich ertrank, aber bald darauf erwachte ich in einem fremden Land. Ich sah gleich, daß alle Frauen hier Aïssé glichen und war nicht erstaunt, als ich sie selbst eines Abends wiederfand. Sie saß im großen blauen Salon unseres Gouverneurs, und ihre Augen suchten. Der Sohn des Gouverneurs hatte den Arm auf die Lehne ihres Stuhles gestützt und sprach gebeugten Hauptes auf sie ein. Unsere Blicke trafen einander und ließen nicht los. Ich trat hinzu und bat meinen Freund, mich vorzustellen. Aber ohne diese Förmlichkeit abzuwarten, streckte Aïssé mir ihre kleine runde Hand entgegen . . . Und nun werden wir vielleicht bald wieder sterben, jedes für sich, und einander scheinbar verlieren, um des Glücks willen, einander wieder zu finden. So wandern wir durch die grenzenlose Welt, wir beiden . . .“
Sein Blick lag auf mir, ein Blick, den ich bei den Betern im Ganges, nie bei einem Europäer bemerkt hatte, der Blick, der hinübersieht, kampflos und weit offen, stark wie die Stille des Mittags in Benares, ausgefüllt von der Sonne, in deren volle Glut sie dort mit demütig zurückgebeugtem Nacken hineinsehen. Ein Märtyrerblick, neben dem die Frauen, die ihr nasses Gesicht gleichfalls in die Sonne heben, sanft und mütterlich verblassen. Ich hörte die Ventilatoren im Hause rauschen, und vor der offenen Verandatür, die ein Moskitonetz verhing, balgten sich zwei kreischende Papageien. Die alte Frau hielt die Augen geschlossen. Sie schien zu schlafen.
Anmerkungen zur Transkription