Sowie er erfahren hatte, daß mein Leben in Gefahr war, hatte er es ermöglicht, sie zu sehen und zu sprechen, hatte sie gemahnt an das, was er ihr angedroht hatte, und ihr mit entsetzlichen, mitleidlosen Anklagen die Seele zermalmt. Seine Forderung war, daß sie mich unter dem Schafott, wie es das Recht gestattete, für sich zum Manne begehrte und mit mir außer Landes ginge; für Geld, um uns draußen weiterzuhelfen, wollte er schon sorgen. Sich ihm zu widersetzen, fehlte ihr der Mut, weniger aus Furcht oder weil sie sich im Unrecht wußte, sondern aus sklavischer Liebe, die ihr das Mark aus den Knochen gezogen hatte. In ihrer Not kam sie zu mir und klagte, daß sie zwar alles tun und auch mit mir entfliehen wollte, meine Frau aber nicht werden könnte mit der fürchterlichen Flamme für meinen Vater im Busen. Nachdem das Geständnis einmal von ihren Lippen gekommen war, wurde es ihr sichtlich leichter ums Herz, sie drängte sich zutraulich an mich und erzählte mir, wie alles gekommen war, und von ihrem Zustande und Leiden, als ob ich ihr Bruder wäre. Seine Blicke voll wütender Verachtung, seine strafenden Worte hatte sie zu seinen Füßen aufgesammelt, die Stacheln in die Brust gedrückt, Dornenkränze daraus geflochten und sich aufs Haupt gesetzt. Ich kann nicht sagen, wie groß mein Haß und meine Liebe war. Aber erst nachdem sie mich verlassen hatte, kam es aus meinem Gemüt herausgequollen und überschwemmte meine Seele. Ich preßte mich mit ganzem Leibe an die kalte Mauer und gab mich ohne Widerstand meinem Jammer hin; unter tausend Einfällen und Gedanken kam es mir wieder zu Sinne, wie sie meinem Vater das erstemal gegenübergestanden hatte und wie, während sie blaß, erschrocken und ohne Worte auf ihn schaute, sein Blick plötzlich wie mit kostenden Zungen an ihr heruntergeglitten war. Es schien mir zweifellos, daß er darum wissen mußte. Warum hatte ich sie von mir gehen lassen? Wußte ich nicht, daß er sie zu mir begleitet und draußen im Hofe des Kerkers auf sie gewartet hatte? Denn wie wäre sie sonst zu mir gekommen?

Auf einmal sah ich sie deutlich mit meinem inneren Auge nebeneinander die lange Straße über die Heide gehen. Der Wind fuhr hinter ihnen her und lüftete den schwarzen Mantel meines Vaters, daß er wie eine Wolke über ihren Häuptern flatterte. Sie gingen den graden unabsehbaren Weg, von dem ich als Kind geglaubt hatte, er habe kein Ende und führe ins Jenseits; und als sie an der Schmiede vorüberkamen, warf das Feuer einen roten Schein auf ihre Gesichter, und ich konnte erkennen, wie sie sich mit starren verlangenden Augen ansahen. Das alles war viel näher und springender vor mir, als wenn ich es in Wirklichkeit gesehen hätte, die beiden heißbeleuchteten Gesichter waren so dicht, daß ich das blanke Weiß in ihren Augen sah, und wollten sich nicht verscheuchen lassen, bis meine Tränen hinüberflossen und sie auslöschten.

Da waren Eifersucht, Haß und Wut ganz vorbei, und ich fühlte nichts weiter als eine grenzenlose Verlassenheit in meinem Herzen. Es schien mir, als wäre ich mein Leben lang in diesem Kerker gewesen und hätte nie einen andern Freund gehabt als die geduldige Spinne, die in einer Ecke des Kerkers ihr Netz hatte. Als hätte niemand je mich freundlich angesehen, niemand mein feines Angesicht und meinen schlanken Körper gelobt, und doch würden meinem Herzen bei der leisesten Liebkosung glitzernde Tränen des Glückes entströmen. Es hätte klingen können, lauter wie eine Glocke, läuten, daß die blauen Luftwellen aufgerauscht und am roten Ufer der Sonne gebrandet wären – aber nun war es vermauert, und niemand würde es je hören, begraben war es schon, eh noch das Todesurteil an mir vollstreckt war.

Ich konnte somit wohl gelassen sein, als mir das Urteil verkündet wurde, und war es wirklich im Innern so sehr, daß mir nur eine schwache Erinnerung davon geblieben ist. Aber bald darauf kam mein Vater, dessen ich in diesen Tagen so oft mit Bitterkeit, Fluch und Raserei gedacht hatte; kaum daß ich seinen Schritt und seine Stimme vernahm, die mich anrief, vergaß ich alles und warf mich an seine Brust, wie ich als Kind getan hatte. Wie aus einem leichten Schlummer heraus, hörte ich, was er erzählte: wie sie einen Scharfrichter aus dem Nachbarland hätten kommen lassen, unter dem Vorwande, daß ein Henker nicht könne gezwungen werden, seinem eignen Kinde den Kopf vom Rumpf zu schlagen, daß er aber Einspruch getan hätte, weil der Ordnung nach in unsrer Stadt Gebiet kein Richtschwert von Rechts wegen schalten dürfe als das seine, ferner wie sie ihn fürchteten und wie ich ohne Sorge sein sollte, da er alles aufs beste eingerichtet hätte und es nicht fehlschlagen könne. Solange er bei mir war, glaubte ich alles Gute, aber sowie er fortging, schwand mir die Hoffnung wie ein Licht, das einer im Lämpchen einen langen dunkeln Gang hinunterträgt; schwächer und bleicher wird der Schimmer, bis er endlich in der Dunkelheit verrinnt.

Ich wußte sicher, daß ich sterben müsse, und glaubte es vollends, als ich das Folgende gesehen hatte: Am Abend nämlich vor dem Tage meiner Hinrichtung geschah es mir noch einmal, daß ich mich von mir selber loslöste und über die Heide ging, während mein Körper bewußtlos auf den Strohbündeln des Kerkers lag. Ich ging schnell und trotzdem langsamer als der graue Schatten einer Wolke, der vor mir her lief. Sie flog, als wenn ein Sturm sie vor sich her bliese, obwohl es ganz windstill war; nur weiter weg, wo das Meer war, pfiff ein dunkles Sausen. Ich fühlte mein kleines furchtsames Kinderherz in der Brust, das vor vielen Jahren so angstvoll geschlagen hatte, wenn ich abends allein die lange Straße gehen mußte, und freute mich so wie damals, als ich ein Licht vom Hofe meines Vaters in der Ferne erblickte. Indessen war es, als ich näher kam, das Feuer der Schmiede, das ungewöhnlich hoch brannte, und wie ich neugierig hinzutrat, sah ich meinen Vater davorstehen und sein großes Schwert schärfen, während der Schmied mit der Zange die Glut schürte. Ich wußte wohl, daß mein Vater das Schwert für mich gebrauchen wollte, aber das kümmerte mich nicht; ich starrte ihn nur bewundernd an, wie schrecklich schön er aus diesem Höllenscheine ragte. Erst als mein Blick auf seine Hand fiel, die mit dem Hammer mitten durch die Flamme fuhr und aussah wie von Blut überströmt, kam es mir in den Sinn, daß er mit derselben meine Mutter erwürgt hatte und nun mich, ihr armes Kind, töten wollte, und Haß und Rache stiegen in mir auf, so heftig und plötzlich, daß ich fast die Besinnung darüber verlor. Zugleich wußte ich aber auch, daß, so nah ich auch bei ihm stand, mein Vater mich nicht sehen konnte, ebensowenig wie ich ihn hätte anreden oder berühren können, und in diesem Gefühl von Ohnmacht brach ich in Tränen aus, die mir wie das erstemal das Bild auswischten.

Am andern Morgen erwachte ich mit einem ungeduldigen Freudengefühl, weil ich nun Erde und Sonne wiedersehen sollte; was danach kommen würde, lag außerhalb meines Bewußtseins, und sowie mein Geist diese traurige Schattenregion betrat, schauderte er zurück, um sich wieder im Lichte zu baden. Was für ein Tag war es aber auch! Die Sonne war wie ein riesiger Springbrunnen am Himmel, der die Erde mit goldenem Schaumwein überflutete, so daß nicht nur die Menschen, sondern alles bis auf die Steine herab davon trunken war. Das Himmelsgewölbe glich einem blauen gläsernen Pokal, angefüllt mit dem funkelnden Safte der süßesten Sonnentrauben, damit die körperlosen Geister drüben sich den Rausch ewiger Seligkeit daraus tränken. Es war mir klar, daß die Menschenmenge, die die Heide erfüllte, nur deshalb hier zusammengelaufen war, um an diesem Festwein, den der Herrscher umsonst fließen ließ, sich satt zu trinken. An meiner Seite war der Propst, und am Wege stand der Totengräber, kläglich weinend und mit dem dicken Kopfe nach mir nickend, den ich wohl freundlich grüßte, aber ohne das mindeste dabei zu empfinden; denn meine Gedanken waren beschäftigt, auszumalen, daß ich, wenn ich da oben auf dem Gerüst stünde, das Meer überblicken würde. Ich hörte es schon rauschen und dachte, es erwartete mich, und wenn wir uns erblickten, würde es ein Wiedersehen geben, daß die Erde davon erzitterte. Wie ich nun die Stufen hinangesprungen war, sah ich es liegen; schwarz, denn während der Wind zu Lande nur mäßig ging, wühlte er mitten ins Meer hinein; aber durchsichtig schwarz wie Menschenaugen, und zuweilen loderte eine grüne Flamme in den blanken Wasserleibchen hinauf. Die Kähne, die am Ufer lagen, flogen auf und nieder, und man hörte das Klirren der Ketten, mit denen sie angebunden waren, durch das Brüllen der Brandung.

Am höchsten gingen die Wellen da, wo der klotzige Leuchtturm aus dem Schwall starrte; sie sprangen an ihm in die Höhe und warfen sich klatschend gegen seine Mauer, daß sie zerbarsten und in schaumigen Fetzen mit den aufgeregten Möwen um seine Zinne flogen. Als sie meiner ansichtig wurden, faßten sie sich bei den kalten Händen und tanzten einen wilden Ringelreihen um den Leuchtturm herum, wobei sie mit gellenden Trompetenstimmen schrien: Tanz mit mir, Lütte Grave, tanz mit mir! und dazwischen pfiffen sie in gewissen springenden Rhythmen, wie kleine Jungen einander Zeichen zu geben pflegen.

Während ich nichts andres fühlte und dachte, als wie ich zu diesen Kameraden gelangen könnte, war um mich herum allerlei vorgegangen, was mich betraf und was ich, als der Propst selber mich anfaßte und meine Aufmerksamkeit darauf lenkte, nach allem, was mir bekannt war, wohl erraten konnte. Ich sah auf einmal meinen Vater in schwarzer Amtstracht, sein Schwert unter dem Arme, und Wunneke nicht weit von ihm, die Augen starr auf ihn geheftet, und eine große Bewegung unter der Volksmenge, weil die Tochter des Bürgermeisters mich vom Schwerte losgebeten hatte zu ihrem Manne. Sie stand da, ohne sich zu rühren, festgeklammert in dem eisernen, unentrinnbaren Blick meines Vaters, der über sie herrschte, matt und glanzlos wie ein abgerissener, sterbender Schmetterling. Ich begriff, daß es nun auf mich ankam, ein Zeichen zu geben, ob ich wollte, und schüttelte heftig den Kopf zur Verneinung; das tat ich weniger, weil sie mich damals im Kerker angefleht hatte, daß ich sie nicht zur Frau nehmen sollte, denn merkwürdigerweise war ich jetzt eigentlich innig überzeugt davon, daß sie mich lieb hatte und lieber auch als meinen Vater – als weil mir das alles so unendlich weit weg zu liegen schien, und so unwichtig und beinahe lächerlich kam es mir vor, daß so ungeheuer viele Menschen um so geringfügiger Sache wegen in Bewegung und Erregung waren. Ich hatte ein ganz leises süßes Gefühl zärtlichen Mitleids für Wunneke, aber nur so, wie man für ein Kind hat, das wegen eines Schmerzes weint, der in kurzen Minuten vorüber sein wird, und als der Probst mir dringlich zuflüsterte: Sag ja, Lütte Grave! rief ich laut und ärgerlich: Nein, nein, nein, ich will nicht! und fürchtete fast, sie würden mich mit Gewalt vom Schafott reißen und in ihr Gewühl hineinzerren, da ich den Bürgermeister heftige Zeichen und Winke geben sah. Diese bezweckten aber ganz etwas andres; denn nun stieg ein schwarz umhüllter Mann zu mir hinauf, der, von mir unbemerkt, dicht unter dem Gerüst bereitgestanden hatte und von dem ich sofort wußte, daß es der fremde Scharfrichter war, der gekommen war, um mir den Garaus zu machen. In diesem Augenblick änderte sich plötzlich alles in mir; es war, als ob sich alles Blut in meinem Körper in einer Springflut über mein Herz ergösse, eine solche Todesfurcht packte mich, so jäh anprallend, daß ich auf die Knie fiel und abwehrend meine Arme ausstreckte und auch, wie ich glaube, laut aufschrie. Ja, in diesem Augenblicke stand es mir fest, eher sollte die Welt untergehen, als daß ich den Tod erlitte. Aber gleich darauf, als mein Vater kam, war alles vorüber. Ich hörte ihn meinen Namen rufen und blickte nach ihm hin, der etwas weiter weg von mir gestanden hatte. Die Obrigkeit hatte in seiner Nähe eine Reihe bewaffneter Männer aufgestellt, für den Fall, daß er etwas Gewalttätiges unternehmen sollte; diese alle drängte er nun ohne Mühe beiseite, um sich den Weg zu mir zu bahnen. Da sah ich etwas Entsetzliches: ich sah, wie er den kaiserlichen Vogt, die Ratsherren allesamt, beide Bürgermeister und Wunneke im Vorbeigehen mit der Spitze seines Schwertes streifte, und erinnerte mich an das Gerede des Volkes, daß er damit, wen er wolle, auf das Blutgerüst bringen könne. Ich sah im Geiste über die graue Heide Blut rinnen, Blut, Blut und Blut, sah, wie sie es einschluckte, bis sie fett und feucht war wie dunkles Moos, und wie es zusammensickerte und in das Meer rann, daß es von grün rot wurde und purpurn und schwarz – aber das war alles nur ein Bild, das wie ein Blitz kam und ging. Denn nicht eine Minute, nachdem mein Vater mich gerufen hatte, war er schon oben bei mir, packte den fremden Scharfrichter bei der Brust, warf ihn über das Gerüst hinunter und beugte sich über mich. Mir war zumute wie als Kind, wenn ich mich in einsamer Dunkelheit gefürchtet hatte und meinen Vater kommen sah: ein seliges Gefühl von Geborgensein wickelte mich ganz ein wie ein dunkelpurpurner Samtmantel. Dem kleinen Knaben Tells, als er sich von seinem Vater den Apfel vom Kopfe schießen ließ, kann nicht leichter und zutraulicher ums Herz gewesen sein als mir. Das letzte, dessen ich mich entsinne, war, daß ich auf das Pfeifen des Meeres horchte, wie es rief: Tanz mit mir, Lütte Grave! aber dumpfer als vorher, weil ich den Kopf auf den Block gelegt und der weite Mantel meines Vaters sich wie ein Vorhang über mir herabgelassen hatte.


Druck von der Offizin
Fr. Richter in Leipzig