Aber ob eben ein Vogel schlechthin würdig sei, auf dem christlichen Friedhof begraben zu werden, das sei die Frage, wandte der Vorsitzende ein.
Wie? sagte der Propst, ob man denn nicht wisse, daß der Heilige Geist in Gestalt einer Taube die Menschen heimsuche? Wer könne wissen, ob nicht in jenen antipodischen Ländern, wo es vielleicht keine Tauben gäbe, der Geist durch Papageien verbreitet würde? Jedenfalls sei erwiesen, daß ein Vogel nichts Unreines sei, sonst würde es dem Heiligen Geist nicht belieben, hineinzufahren, und es sei die Frage, ob nicht mancher Christ in der geweihten Erde liege, in dem er vor aufgehäuftem Unrat nicht hätte hausen mögen noch können.
„Flausen!“ rief nun der kaiserliche Vogt, kirschbraun im Gesicht und mit starrendem Schnurrbart, „Tiere sind Tiere und gehören auf den Schindanger, wenn sie nicht nach Gottes Ordnung als Speise gegessen und verdaut werden.“
Jetzt aber beugte sich der Propst weit vor, so daß er dem Vogte dicht in die Augen sah, und sagte, indem er seine feine Hand zur Faust ballte und fest auf die Bibel legte, die zum Zwecke der Eidesleistung der Zeugen auf dem Ratstische lag: „Es steht geschrieben im ersten Buche Moses: Und Gott sprach zu Noah, ich richte einen Bund mit euch auf und mit allem lebendigen Tier bei euch an Vögeln, an Vieh und an allen Tieren auf Erden bei euch, daß hinfort keine Sündflut mehr kommen soll, die die Erde verderbe. Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken, der soll das Zeichen des Bundes sein zwischen mir und der Erde. – Gott in seiner Majestät also hat mit Vögeln und andern Tieren einen Bund geschlossen, wie man mit Ebenbürtigen zu tun pflegt, und wir, vor Gott nichts als Tiere, denen er mit seinem Atem ein wenig Licht in die Seele geblasen hat, besinnen uns, ob wir einem guten Papageien zwischen andern armen Sündern seine Ruhe lassen wollen!“
Nach einer Pause, während deren kein Wort, nicht einmal ein Räuspern laut wurde, fügte der Propst, indem er die Stimme etwas fallen ließ, gelassener hinzu, gleichsam als einen überflüssigen Beweis ohnehin offenbarer Wahrheit: „Gott hat den Lieblingen seiner Schöpfung, den Vögeln, das überirdische Luftreich zur Wohnung angepriesen; sollten wir schmutzige Kriechtiere ihnen eine Handvoll schwarzer Erde mißgönnen?“
Alle waren sehr beschämt und blickten vor sich nieder, ausgenommen der kaiserliche Vogt, der trotzend die Augen rollte und den Mund spitzte, als ob er pfeifen wollte, was er denn freilich doch nicht in Ausübung setzte. Der Propst hob die Sitzung auf, indem er sagte: „Es ist dies meine erwogene Meinung, daß Lütte Grave wegen eigenmächtiger Beerdigung des Papageien nicht zu bestrafen sei, vielmehr sogleich der Freiheit zurückgegeben werden sollte.“
Mit diesem unschädlichen Ausgang wäre aber dem Vogte nicht gedient gewesen, der liebte, daß auch etwas Ordentliches dabei herauskam, wenn einmal zu Gericht gesessen wurde, und ebenso schürte der Totengräber, daß man das angezündete Feuer beileibe nicht ausgehen lasse. Denn dieser, der von der ganzen Verhandlung nichts verstanden hatte, war bei sich überzeugt, wenn ich freigesprochen würde, ginge es ihm an den Hals, einer müsse das Opfer sein, und natürlicherweise wünschte er sehnlich, daß ich es wäre. Also fingen diese wieder an, von dem Fräulein zu reden und nachzuforschen, wer diese gewesen sein könne, und da geschah es denn, daß Wunneke ihrem Vater alles gestand. Nicht weil die Liebe zu mir sie überängstlich und besinnungslos gemacht hätte, sondern weil sie hoffte, ihr Vater, der Bürgermeister, könne die ganze Sache niederschlagen, damit nichts an den Tag käme, und es sei, wie wenn nichts geschehen wäre. Sie hatte sich aber in ihrem Vater verrechnet; dieser war zwar gutmütig und unentschlossen im Handeln, so daß er sich tagelang besann, bevor er einen vorlauten Schwätzer ein Stündchen am Pranger stehen ließ, wenn aber einmal eine Leidenschaft in ihm aufgeregt wurde, die seine schwere Maschine in Tätigkeit setzte, war er wie eine losgeschossene Bombe, Feuer und Verderben im Bauche, die sich nicht halten läßt, bis sie ihr Ziel erreicht und alles zusammengeäschert hat.
Ohne zu denken, was für Folgen daraus für seine Tochter erwachsen könnten, bezeichnete er mich als ihren Verführer, ließ mich in den Kerker werfen und verlangte mit derselben Erbitterung mein Blut fließen zu sehen wie damals der Vogt das des armen Papageien. Damit hatte er aber einen Gegner in die Schranken gerufen, der mächtiger als alle war, nämlich meinen Vater.
Ich sollte ohne Sorge sein, sagte er mir, es würde mir kein Haar gekrümmt werden, denn die Herren wüßten, sagte er, daß er auf meinem Grabe so lange Menschen schlachten und Blut vergießen würde, bis ich selbst mein Haupt aus der Erde hübe und sagte: Ich bin gesättigt. Dergleichen wilde Prahlereien kamen mir halb komisch, halb grausig vor, aber ich glaubte in Wahrheit, mein Vater würde schon Mittel und Wege finden, mich zu erretten, so daß ich in aller Gemächlichkeit dahinlebte, bis ich eines Abends erfuhr, was mein Vater im Schilde führte und wie er, um mich zu retten, mich als erstes Opfer mit den Füßen zertrat.
Es war der Abend, als sich die Tür auftat und Wunneke zu mir eintrat, nicht mehr ein blühender Veilchenstrauß, den Kinder und Frauen im Triumphe geleiten, sondern wie ein losgerissenes Blatt, vom Nordwinde hereingeblasen, wie ein Seufzer über die Erde huschend, todmüde und ruhelos kam sie herein, setzte sich neben mich und weinte. In einem Augenblick fühlte ich die höchste Seligkeit, da ich sie sah, und Todesschmerz, als ich inne wurde, was mit ihr vorgegangen war und was sie wollte. Noch ehe sie ein Wort gesprochen hatte, wußte ich, daß sie mich nicht mehr liebte und daß sie gekommen war, es mir zu sagen und mich um Verzeihung zu bitten. Wenn es nur das gewesen wäre! Aber nachdem ich ihr freundlich gesagt hatte, daß ich ihr nicht zürnte, sah sie mich immer noch mit beschwörenden Augen an, als sei das von allem das Geringste gewesen, als sollte ich noch mehr erraten. Nichts warnte mich, nichts brachte mich darauf; erst als sie es mir gestanden hatte, stand es hell vor meinen Augen, als ob ich es immer gewußt hätte, daß sie ihn, meinen Vater, liebte.