Mein Vater sah mich scharf an, und ich glaube, daß er in diesem Augenblick alles durchschaute, was ich fühlte, wünschte und hoffte, und vielleicht auch, welchen Ausgang es nehmen würde, denn es schlich sich ein mehr mitleidiges und vorwurfsvolles als spottendes Lächeln um seinen Mund; aber er winkte mir nur mit der Hand, zu gehen, ohne noch einen Blick auf das Mädchen zu werfen. Sie drängte sich an mich und folgte mir, und als wir draußen waren, sahen wir uns heimlich lachend an und schüttelten uns wie Kinder, die Schelte bekommen haben; dann liefen wir spornstreichs mitten in die Heide hinein.

Das tote Flämmchen hatte ich bald gefunden und aus dem Sande herausgewühlt, von dem es nur eben bedeckt gewesen war; danach setzten wir uns auf das samtbeschlagene Gerüst, das in der Dämmerung hoch und schwarzrot dastand, und blickten auf das gleichmäßig brandende Meer. Ich erzählte ihr dunkle Geschichten von den Männern und Frauen, die seit Jahrhunderten auf diesem Stück Heide von meinen Vorvätern waren hingewürgt worden, die ich zum Teil in meiner Kindheit von unsern Knechten gehört hatte. Die Seelen der Gerichteten hausten im Meere, sagte ich, die meisten hielten sich dicht am Ufer, und wenn frisches Blut vergossen würde, schlichen sie sich nachts heran und tränken davon in schrecklicher Lüsternheit nach dem irdischen Leben. Die Ferne war schwarz bis auf einen weißgelben Streifen, der wie ein einsamer Pfad über die dunkeln Berge der Ewigkeit schimmerte; aber dicht vor uns bewegten sich vom Wasser her über das Heidegestrüpp kriechende Nebel, die man in Wirklichkeit für geisterhafte Phantome hätte halten können. Einige schienen verzweifelt die dünnen stehenden Arme zu ringen, während sich andre auf die Erde gekrümmt, verstohlen, ihrer verfluchten Blutgier sich schämend, auf uns zuschlichen. Über diesen Anblick begann Wunneke plötzlich sich zu fürchten, und ich geleitete sie in Sicherheit heim, versprach ihr aber zuvor, daß ich Flämmchens zeitliche Überreste auf dem nächsten Gottesacker ordentlich und lieblich bestatten wollte, was ich mir unter dem Schutze des Totengräbers, den ich gut kannte, wohl auszuführen getraute.

Dieser gestand mir auch gleich alles zu, um was ich ihn bat, und nachdem ich ihn in seiner Gefälligkeit noch durch ein namhaftes Trinkgeld bestärkt hatte, wählte ich mir ein Plätzchen an der Hecke aus, wo lauter alte, verfallene Gräber lagen, um die sich niemand mehr bekümmerte. Dort warf ich ein schmales Hüglein auf und bepflanzte es über und über mit blühenden Astern, daß es wie ein einziger großer Blumenstrauß aussah. Am folgenden Abend kam Wunneke, wie sie mir aus freien Stücken angesagt hatte, und wir setzten uns auf einen halb eingesunkenen Stein unter einer hohen Pappel, die der Wind rauschend auf und nieder bewegte. Welke Blätter sausten in Schwärmen an uns vorüber, und weiterhin sahen wir sie wie ein dunkles Gewölk über die bleichen Gräber jagen. Vielleicht war die feuchte, gärende Luft voll von den Lebenskeimen aller der Begrabenen, die seit Jahren und Jahrhunderten hier moderten, denn mir war es, als saugten wir mit jedem Atemzuge mehr treibenden, schwellenden Drang in uns hinein. Bis dahin hatte ich sie noch nicht ein einziges Mal berührt, und jetzt auch hätte ich es nicht getan, wenn sie sich mir nicht selber an die Brust geworfen und meine ehrlosen Mordknechtshände mit Küssen bedeckt hätte.

Aber trotzdem sie nun viele Abende, ich erinnere mich nicht mehr, wie viele es waren, zu mir auf den Kirchhof kam, wurde ich immer trauriger. Ich mußte immer darüber nachdenken, ob sie wohl zärtlicher gegen mich sei, als sie gegen Flämmchen gewesen war, und ob sie mich wohl so innig liebkosen würde, wenn Flämmchen noch lebte, und ob sie wohl gerade das an mich gezogen hätte, daß ich verfemt war, und meinen Leib, so jung und schön er war, anzurühren Schande und Tod brachte. Sie übrigens meinte es treu mit den überschwenglichsten Liebesworten, wie sie denn ganz unfähig gewesen wäre, Liebe zu heucheln. Alles, was folgte, war einzig meine Schuld, denn ich wußte schon damals, was sie nicht wußte, nämlich, daß sie mich nicht liebte, mich nicht liebte, trotzdem sie es mir allabendlich heilig beteuerte. Ein einziges Mal hatte ich den Mut, es ihr zu sagen, worauf sie mich wohl eine Minute lang nachdenklich und erschrocken ansah; dann stürzten ihr plötzlich Tränen aus den Augen, und sie umarmte mich, als ob sie mich nicht mehr von sich lassen wollte. Während ich bebend die kühle Tränenflut über mein Gesicht rinnen fühlte, sagte sie unter Schluchzen, wie sie mich liebte, ewig, ewig nur mich, wie wenn ich ein goldener Stern des Himmels wäre, der nachts zu ihr herunterstiege, um sich von ihr küssen zu lassen. Auf meine Frage, weshalb sie weine, wußte sie nichts zu erwidern. Aber das war das merkwürdigste, daß ich seitdem, obwohl ich nie mehr darauf zurückkam, noch weniger an ihre Liebe glaubte als vorher. Und daß ich recht hatte, zeigte sich nun bald, nachdem der Totengräber mich verraten hatte.

Der Totengräber war ein kurzes, dickes Männchen mit dickem Kopfe, nicht böse, nicht gewinnsüchtig, nicht streitsüchtig noch schadenfroh, obwohl er lauter Handlungen beging, aus denen man das und Ärgeres hätte schließen müssen. Nur war er hilflos und unberaten, tappte blindlings und tolpatschig ins Leben hinein, bis er plötzlich an ein beliebiges Steinchen im Wege anstieß, zur Besinnung kam und nun plötzlich von unaufhaltsamer Angst überfallen wurde, daß er eine große Unvorsichtigkeit begangen habe, in diese oder jene Falle geraten werde und überhaupt verloren sei. In solchen Augenblicken schonte er niemand, denn er glaubte alle samt und sonders wider sich verschworen und konnte andre ins Verderben stürzen, während er sich für ein armes Opfer hielt, das eben schlau genug sei, sich aus der Schlinge zu ziehen. Er hatte ein paar runde, braunglänzende Augen, denen er den Ausdruck alles durchdringender Pfiffigkeit zu geben suchte, obgleich er eigentlich gar nichts mit ihnen sah oder beobachtete. Aber er wollte um jeden Preis die Dummheit, die er deutlich in sich spürte, vor der Welt verbergen, damit er nicht übervorteilt und ausgelacht würde.

Er hatte mir damals bereitwillig die Erlaubnis gegeben, den Papagei auf dem ihm unterstellen Kirchhof zu begraben, mir sogar geholfen, das kleine Grab zu graben und den Hügel aufzuwerfen. Er hatte sich, außerordentlich dabei belustigt, und wenn Wunneke kam, pflegte er mir heimliche Zeichen zu machen, in sich hineinzukichern und sich die Hände zu reiben; ohne daß ich ihn darum gebeten hätte, ließ er um unsertwillen die Friedhoftür länger geöffnet als gewöhnlich und schloß sie hinter uns, kurz, er war uns in jeder Hinsicht bei der Ausführung unsrer Zusammenkünfte behilflich. Plötzlich nun klärte ihn seine Frau, die hinter die Sache gekommen war, darüber auf, was das eigentlich auf sich habe und was für unübersehbare und verderbliche Folgen daraus entstehen könnten. Denn daß ich des Scharfrichters Sohn war, wußte sie so gut, wie sie sah, daß Wunneke ein vornehmes Fräulein war; das allerärgste schien ihr aber merkwürdigerweise das zu sein, daß wir den Vogel in geweihter Erde begraben hatten.

Die warnenden Reden seiner Frau erschreckten den Totengräber so, daß er schnurstracks, um Leib und Leben zu retten, hinlief und seine Anzeige vor Gericht machte. Er erzählte aufs glaubwürdigste, wie ich ihn mit nacktem Schwert bedroht hätte, weil er den Greuel nicht hätte dulden wollen, wie aber sein Gewissen ihm keine Ruhe gelassen hätte, besonders seit das feine Fräulein in meiner Gesellschaft gewesen wäre, das leider wohl auch ein Opfer meines Frevelmutes sein möchte. Als ich, ohne hiervon einen Verdacht zu haben, plötzlich vor einen heimlichen Rat gestellt wurde, war ich nicht wenig bestürzt, konnte mich aber doch so weit fassen, daß ich beschloß, nichts auszusagen, was Wunneke gefährlich werden könnte. So kam es, daß ich auf die Frage, was mich bewogen hätte, einen ganz gemeinen ausländischen Vogel an heiliger Stätte zu begraben, antwortete – denn es wollte mir in der Bedrängnis und Eile nichts Besseres einfallen – das hätte ich getan, weil ich es ihm auf dem Schafott in seiner Sterbestunde als seinen letzten Wunsch tröstlicherweise versprochen hätte. Dies Geständnis rief ein gewaltiges Erstaunen hervor, und es wurden Beratschlagungen veranstaltet, wie meine Worte aufzufassen wären. Viele erinnerten sich, daß ich in der Tat mit gezücktem Schwerte einige Augenblicke gezögert und, dem Papagei ins Auge blickend, mit dem Zuschlagen gewartet habe, gerade als ob ich Zwiesprache mit ihm pflöge, so daß meiner Aussage wohl Glauben zu schenken sei; wie denn überhaupt nicht wenige wegen meines überaus hübschen und freundlichen Aussehens mir wohlwollten. Daß der Papagei der Sprache mächtig gewesen sei und auch vernünftig habe reden können, sei ohnehin bewiesen, meinten diese, denn sonst hätte er ja den kaiserlichen Vogt nicht verlachen und beschimpfen können. Ob das vernünftig reden heiße, ihn und Seine Majestät zum besten haben, grollte Herr Quarre; worauf sich jene wieder verantworteten, daß man vernünftig, das heißt vernünftigen Inhalts, und vernunftgemäß, das heißt den Gesetzen des Denkens entsprechend, unterscheiden müsse. Indessen blieb man doch, selbst wenn es festgestellt sei, daß der Papagei hätte vernünftig denken und reden können, im Zweifel darüber, ob seine Gedanken sich auch auf das Jenseits und ein ewiges Leben erstrecken können, welche Frage wiederum die Geistlichkeit sollte zu entscheiden haben.

Noch sehe ich in meiner Erinnerung den Propst eintreten mit seiner hohen, etwas gebeugten und zierlich gebauten Gestalt in den prächtigen Ratssaal, und wie er mit seinen Feueraugen umhersah und alles ruhig und geschwinde musterte. Halbversunken waren diese alten Augen, und die Blicke kamen aus der Tiefe hervor wie Drachenzungen aus einer dunkeln Höhle, nur daß sie keinerlei Gift oder Bosheit an sich hatten, aber scharf, schnell und sicher trafen sie ins Herz. Als ich sie auf mir ruhen fühlte, nachdem man ihm meine Aussage samt allen daran geknüpften Bedenklichkeiten vorgetragen hatte, wurde es mir ganz wohl und glückselig zumute, und es schien mir auf einmal alles nichts weiter als ein schönes Fastnachtsspiel zu sein, dem ich zuschauen dürfte.

Warum, begann sogleich der Propst, ohne auf dem ihm dargebotenen Sessel Platz zu nehmen, die Hände auf den langen Ratstisch gestützt, warum sollte es eine Sünde sein, den hübschen Papageien auf den Gottesacker zu begraben, da er doch kein Türke, Heide oder Jude, sowie kein Henker, Selbstmörder, Hexenmeister oder Seiltänzer gewesen sei?

Der Vorsitzende erwiderte, Flämmchen sei allerdings nur ein Vogel gewesen, aber ein von Rechts wegen geköpfter; worauf der Propst erklärte, man müsse die Strafe anders ansehen als eine über Menschen verhängte, denn einem Menschen würde ein so kleines Vergehen nicht mehr als einen Verweis oder eine Ohrfeige eingetragen haben, was aber hätte man mit einem Vogel anfangen sollen? Geld besäße er keines, und gefangen wäre er so wie so, jede Körperstrafe würde aber in Ansehung seines gebrechlichen Leibchens ohnehin in Todesstrafe ausgeartet sein. Also sei er eigentlich nur zufällig und aus Not geköpft und brauchte das weiter keine Entehrung über den Tod hinaus im Gefolge zu haben.