In dem Augenblick, als das Tier meinem Vater übergeben wurde und seine rechte Hand sich ihm mit einem schraubenartigen Werkzeug näherte, brach der Papagei in ein lautes Gezeter aus, das sich deutlich in einige Worte zerlegen ließ, und zwar in ebendieselben, die den Anfang des Spottliedchens über Herrn Quarre bildeten. Dieser, der, um sich an den Qualen seines Feindes zu ergötzen, ganz nahe bei meinem Vater gestanden hatte, triumphierte hoch und verlangte, daß er dem überführten Übeltäter augenblicklich den Hals umdrehe. Mein Vater entgegnete kühl: „Und wenn der Papagei Euch, Herr Quarre, das Herz aus dem Leibe gehackt hätte und dessen geständig wäre, würde ich ihm doch kein Federchen krümmen, bis er nach Recht gerichtet und mir in herkömmlicher Form zur Vollstreckung des Urteils übergeben wäre.“
Herr Quarre brach in gräßliches Schimpfen aus und rief: „Hört den Mistfinken! das Blutschwein! ich kenne euch alle, frei möchtet ihr sein und schert euch einen Kuckuck um die Majestät des Kaisers, der euer Dreckgehirn wie Nüsse mit dem Absatz zerknacken könnte!“ In welchen giftigen Reden ihn aber Herr Muslieb mit ernster Höflichkeit unterbrach, indem er ihn auf das Unbedachte seines Geschwätzes aufmerksam machte. Dem Papagei, sagte er, werde sein verdientes Urteil gesprochen werden, ohne daß das Recht um ein Tüttelchen geschmälert würde, danach aber werde man untersuchen, ob der Kaiser in Wahrheit Anspruch darauf habe, eines ehrbaren Rats reichsfreier Stadt Köpfe abschätzig zu betiteln und mit Füßen zu treten, was, soviel er wisse, nicht einmal in der Türkei und andern üppigen Sultansländern Sitte sei.
„Wenn die Narren den hübschen Vogel wirklich zum Schwerte verurteilen,“ sagte mein Vater, nachdem sich alle entfernt hatten, „sollst du an meiner Stelle amtieren;“ denn, meinte er, er selbst sei für solche Albernheiten zu alt, würde auch nötigenfalls den Herren mit seiner Dienstordnung in der Hand beweisen, daß er zu ernstem, vernünftigem Geschäft, nicht aber zu eitelm Firlefanz berufen sei. Mir aber würde es wohl anstehen, mich bei dieser Gelegenheit zum ersten Male öffentlich zu zeigen, denn fehlen könnte ich bei so leichter Arbeit nicht, dagegen den Beifall von Mädchen und Toren, deren es viele gäbe, erwerben.
Gott weiß, wie mir damals Tage und Nächte vergingen. Mein Herz war wie ein junger Falke, der unaufhörlich mit den Flügeln rauscht, um sich zum ersten Fluge aufzuschwingen, und zwischen Furcht und ungeduldigem Mute zaudert. Auf der Heide lag mein Leib, aber ich selbst fuhr wie eine Sturmschwalbe darüber hinweg, schreiend und die salzige Meerluft schlingend, daß ich sie kühl und berauschend bis in die tiefste Seele hinein fühlte. Ich sauste um den alten Leuchtturm, schlug mit klatschenden Flügeln an sein starres Gemäuer, stürzte mich in die brennende Pechpfanne auf seiner Zinne, peitschte mit der schwarzroten Flamme die fliehende Luft und empfand mit Wonne, wie ich mich dehnte, indem ich mich selber verzehrte. Dabei war ich mir wohl bewußt, wer sie war und wer ich war, und daß ich eher die Wange des Mondes als die ihre je mit meinen Lippen berühren könnte. Aber diese Unmöglichkeit eben erhöhte meinen Wahnsinn, denn was mir in den Eingeweiden brauste, hätte mich vor mir selber lächerlich gemacht, wenn es sich um ein alltägliches Lieben und Werben gehandelt hätte. Auch war in meinem Gefühl das Bewußtsein von einer magnetischen Kraft, die sie doch einmal an mein Herz reißen müßte, wenn ich auch nicht darüber nachdachte, wie das geschehen könnte. Und als ich vollends am Tage der Papageihinrichtung mein neues Amtsgewand trug, ganz aus schwarzem Tuch, das kurze Mäntelchen, mit karmesinroter Seide gefüttert, schwarze und rote Federn auf dem Barett, zweifelte ich nicht, daß der Himmel sich über meiner Schönheit öffnen und Rosen auf mich herabschütten würde, Rosen von jenseits, mit Ambrosia betaute, die ich alle der erbleichenden Wunneke in den Schoß werfen würde.
Von weitem her sah ich den Armesünderkarren durch den braunen herbstlichen Wohlgeruch der Heide stolpern, auf dem sie saß in ihrem schwarzsamtenen Kleide, den Papageien an einem silbernen Kettlein haltend, der, von dem Anblick der weiten hohen Welt und der unübersehbaren Menschenmenge betäubt, bald in sich zusammensank als ein erlöschendes Flämmchen, bald mit gesträubten Federn, heftig kreischend und schimpfend, auf dem Arme seiner Herrin auf und ab lief. Ihr gegenüber saß der Propst, welcher auf ihr Verlangen dem Sünder als Trost auf seinem letzten Gange beigegeben war. Dies hatte sie allerdings nicht ohne Mühe durchgesetzt, denn die Räte waren in der Mehrzahl der Ansicht gewesen, bei einer vernunftlosen Bestie sei geistlicher Zuspruch nicht nur unnötig, sondern sogar übel angebracht. Aber Wunneke wendete ein, wenn Flämmchen denn vernunftlos sei, dürfe man ihm auch sein schelmisches Singen nicht zum Vorwurf machen, worauf Herr Quarre in einen glühroten Zorn geriet, seinen borstigen Schnurrbart sträubte, daß man an der Spitze jedes Haares ein Fröschlein hätte aufspießen können, und sagte, ohne Vernunft sei der Vogel zwar nicht, aber seine Vernunft sei des Teufels, und wenn ihn die sämtlichen Kirchenväter mit dem Papst an der Spitze zum Schafotte geleiteten und ihm die ganze Bibel aufsagten, würde das dem ruchlosen Federvieh nur zu Spott und Gelächter dienen. Hierauf aber sagte der Propst, den man nebst mehreren andern Theologen zu Rate gezogen hatte, damit sie die heikelige Sache beurteilten, wenn dem so sei, müsse man um so mehr dazu tun, daß der göttliche Vernunftsinn dem Teufel entrissen würde, und er wollte sich der Aufgabe wohl unterziehen. Überhaupt, sagte er, fehlten zwar auch dem gescheitesten Tier die vernünftigen Begriffe, weil es nicht unterwiesen sei, aber man gebe ja auch einem neugeborenen oder gar idiotischen Kinde die heilige Taufe, das sei eins wie das andre, man müsse eben den Heiligen Geist spenden, wie der liebe Gott die Sonne und ein Sämann die Körner, soviel als möglich und aufs Geratewohl, schaden könne es nicht und zuviel sei besser als zuwenig. Auf diesen gelehrten Sermon wußte niemand etwas zu erwidern, auch fürchteten Bürgermeister und Rat den Propst, der weit und breit großes Ansehen genoß und die dumme, lenksame Riesenseele des Volkes in der Hand hielt.
So saßen der Propst und das Fräulein auf dem Karren und unterhielten sich leise und lächelnd, und mir schien es, wie ich das weiße Seelengesicht über dem schwarzen Kleide schweben sah, als führe man in feierlicher Prozession eine auf ferner neuentdeckter Insel gefundene Wunderblume durch das Land, damit alles Volk sie sähe und ihren Duft einatmete. Das Schafott hatte mein Vater selbst mit hochrotem Samt überzogen, und ich eilte die Stufen hinan, als wäre ich der Königssohn und sollte mich dem Volke zeigen. Das war auch in lustiger Bewegung, weil es ein so seltsames Schauspiel mit ansehen sollte, und viele Männer und Frauen hoben ihre Kinder hoch und riefen: Schau, Lütte Grave; denn da ich wie mein Vater Marx hieß, nannte man mich zum Unterschiede den Kleinen, das ist Lütte in jener niederdeutschen Sprache. Flämmchen hatte ich am Kettlein auf der Hand sitzen wie einen Edelfalken, und ich fühlte meine zierliche Schönheit ordentlich aus mir herausblühen. Wie mein Vater mich gelehrt hatte, kniete ich mich zuerst nieder und sagte: Gott walte deiner und meiner! stand dann wieder auf, neigte meines kleinen Schwertes Spitze dahin, wo die Obrigkeit versammelt war, und schickte mich an, meinen Delinquenten zu richten.
In diesem Augenblick sah ich zum erstenmal, wie schön Flämmchen war: das grüne Köpfchen glänzte, als wäre Goldschaum darüber geblasen, und die roten und blauen Federn im Schwanz und in den Flügeln flammten wie edle Steine. Er bemerkte meine Bewunderung sogleich, und seine runden, spiegelnden Augen sagten halb flehentlich, halb listig: Töte mich nicht, Lütte Grave! Willst du mich, das hübsche Flämmchen, den kriechenden Breitmäulern da unten zuliebe umbringen? Fliegen wirst du mich lassen … Es fehlte nicht viel, so hätte ich ihn wirklich fliegen und als ein goldenes Flämmchen in den lachenden blauen Himmel steigen lassen; aber ich besann mich, daß er als ein unfreier, halbbeseelter Menschengeselle auf Wunnekes Schulter zurückfliegen und dem Tode doch nicht entgehen würde, daher entschloß ich mich und hieb mit einem kurzen geschwinden Streich das kleine Schelmenhaupt vom Rumpfe. So geschickt führte ich es aus, daß ich den abfliegenden Kopf mit der Spitze meines Schwertes auffing und ihn so dem Volke zeigen konnte als Beweis der völlig und glücklich ausgeführten Exekution. Bei diesem Anblick brach die Menge in helles Freudengeschrei aus, die Kinder klatschten in die Hände, und über die warme, träumende Heideluft verbreitete sich blitzschnell Jubel und Gelächter. Die Obrigkeit trollte sich eilig und unzufrieden davon, denn sie trauten sich nicht, der unanständigen Ausgelassenheit zu steuern; aber das Volk wogte noch bis zum kühlen Abend auf der Heide umher, als ob Jahrmarkt wäre.
Wunneke hatte ich während der ganzen Handlung nicht einmal angeschaut, aber gefühlt hatte ich sie, wo sie war, wie sie unter Tränen lächelte und was sie dachte, und ihr Herz blieb bei mir zurück, und ich legte mich damit in das blühende Kraut, seliger, als wenn es ihr schöner warmer Leib gewesen wäre. Erst am andern Morgen flohen mir die guten Glücksgeister davon, und das Gestrige lag unter der neuen Sonne wie ein elendes, abgegriffenes Rumpelkammerspielwerk, das man als Kind einmal für das herrlichste Kleinod gehalten hat. Und gerade am Abend dieses wüsten Tages kam sie. Sie kam wie ein leichtes, flüsterndes Blatt, das der Wind vor sich her weht, und schien sich an die Dunkelheit anschmiegen und in sie verbergen zu wollen. Ein andrer hätte sie ohne weiteres in seine Arme genommen – denn war sie nicht fast ein Strandgut an unsre fürchterliche Küste geworfen –, mir aber kam das nicht in den Sinn, vielmehr hielt ich mich weit von ihr, während ich sie in unser Haus geleitete. Auf meines Vaters Frage sagte sie, daß sie gekommen sei, um sich Flämmchens Leichnam auszubitten, den sie begraben wolle, und unter seinem Blick errötend, setzte sie hinzu, ihr Vater würde ihr die unschuldige Bitte ausgeschlagen haben, darum sei sie heimlich bei der Dunkelheit gekommen.
„Habt Ihr nicht gewußt,“ sagte mein Vater, „daß Ihr des Scharfrichters Haus nicht betreten dürft? Und daß er mit seinem Leben bezahlen muß, wenn er Euch empfängt, bewirtet oder berührt?“
Es quälte mich, daß Wunneke nicht ein Wort zu entgegnen vermochte, obschon sie sich Mühe gab, zu sprechen; sie starrte ihm ins Gesicht und hätte sich, glaub ich, von ihm niederschlagen lassen, ohne den leisesten Versuch zur Verteidigung oder zur Flucht zu machen. Nach einer langen Pause fuhr mein Vater fort: „Nehmt das zu Herzen, wenn mir oder meinem Sohne ein Haar sollte gekrümmt werden um Euretwillen, weil es Euerm buhlerischen Leichtsinn nach Abenteuern gelüstet, so müßt Ihr zahlen: unsre Tränen mit Euerm Blut, unser Blut mit Eurer Seele.“ Ich war so gewohnt, mich unter dem tyrannischen Willen meines Vaters zu beugen, daß ich mich währenddessen ganz still verhalten hatte, dazu stand ich auch unter dem Eindrucke seiner wilden Schönheit, die sich immer dann am prächtigsten auftat, wenn das Blut in ihm zu kochen anfing. Erst nach einer Weile, als er sie mit einem milderen Blick musterte, in dem etwas kalt wollüstig Abschätzendes war, gewann ich mich selbst wieder, trat vor und sagte: „Warum erschreckst du das Fräulein, Vater, das ohne böse Absicht als eine Bittende zu uns gekommen ist? Erlaube, daß ich ihr den Vogel suche und sie dann wieder heimbegleite.“