Der Bürgermeister war so verblüfft, daß er nicht wußte, ob er lachen oder zornig werden sollte. „Meint Ihr wirklich,“ fragte er endlich, „daß das die Ursache ist, warum Frieden und Wohlergehen wieder bei uns eingekehrt sind?“

„Was sonst?“ rief der Pfarrer; „unser Gemeinwesen war in großer Gefahr, und ich habe es gerettet, doch prahle ich nicht laut damit, sondern gebe Gott die Ehre.“ Und er erhob das volle Weinglas und hielt es dem Bürgermeister zum Anstoßen hin, der, obwohl ihn seine Niederlage wurmte, es für das Feinste hielt, zu schweigen und zu trinken.


Aus Bimbos Seelenwanderungen

Fragment

Vor mehreren Jahrhunderten, erzählte Bimbo, war ich der Sohn eines Scharfrichters in einer kleinen Stadt des Nordens. Damals war dieselbe frei und mächtig, ein kleines Reich für sich, nur daß der römische Kaiser noch einige Titular- und Ehrenrechte darin besaß, die ein Burgvogt mit Schall und Gepränge, aber ohne etwas Wesentliches zu bedeuten und vermögen, vertrat. Mein Vater, obgleich er der Scharfrichter war, dem niemand die Hand reichen mochte, ohne sich mit unauslöschlicher Schmach zu beflecken, war der allerschönste Mann im Lande und glich der furchtbaren Waffe, die er führte; denn er war groß, gerade und schlank wie ein Schwert, mit schneidenden Blicken im Auge, und seine Bewegungen, wenn er sich einmal bewegte, waren wie sicher treffende Blitze.

Aber, wie die Frauen sind, trotzdem ist ihm meine Mutter untreu gewesen, nachdem ich einige Jahre auf der Welt war. Es scheint, daß sie schwach und eitel und nicht einmal besonders schön war, aber daß sie gerade in ihrer Schwäche und Hilflosigkeit einen großen Zauber besaß. Das Gespräch der Leute war, daß mein Vater, als er ihre Untreue erfuhr, sie mit seinen eignen Händen erwürgt habe, was allerdings nur ein Gerede gewesen sein kann, wie vieles andre, was über ihn im Umlauf war. Denn weil er ein kluger Mann war und mehr wußte als die übrigen, namentlich in der Arzneikunde und Chirurgie, glaubte man, daß er mit Dämonen im Bunde stehe und mit ihrer Hilfe übermenschliche Dinge verrichten könne. So sagte man zum Beispiel, es habe ihn noch niemand mit den Augen blinzeln sehen, er bedürfe des Schlafes nicht, ja sei wohl sogar des Todes überhoben, wenn ihm nicht die Geister, die er jetzt beherrschte, einmal den Hals brächen. Wahr ist das, daß er Tage und Nächte hintereinander wachen konnte, ohne darunter zu leiden, und ich erinnere mich, wie ich ihn manchmal mit heimlichem Grauen betrachtete, ob er nicht die Augenlider bewegen würde, ohne daß es geschah. Weiter sagte man von meinem Vater, daß er die Leute behexen und mit dem bloßen Blick seiner Augen krank machen, ja totschauen könne, und namentlich daß er, wen er wolle, und wäre er Papst von Rom, auf das Blutgerüst unter sein Schwert zu bringen vermöchte, indem er denselben nur einmal flüchtig mit der Spitze seines Schwertes berührte. Deswegen, obschon sie seiner Hilfe in allerlei öffentlichen und heimlichen Sachen benötigten und diese auch meistens gutwillig, wenn auch gegen reichliches Entgelt, geleistet wurde, hatten sie doch Furcht vor ihm, und die Regierung hätte sich vielleicht seiner auf irgendeine Weise entledigt, wenn sie seiner Rache sich auszusetzen gewagt hätte. Gegen die Untergebenen in unserm kleinen Reiche, das, viele Gehöfte umfassend, weit außerhalb der Stadt lag, war er, soweit es die Roheit der wüsten Knechte zuließ, großmütig und nachsichtig. Mich behandelte er sogar mit Zärtlichkeit, wenn ich von einigen Anfällen rasender Wut absehe, die ihn bei Gelegenheit von ein paar unbedeutenden kindlichen Vergehungen ergriff, und so grausam er mich auch in diesen Fällen behandelte, liebte ich ihn doch abgöttisch, ja ich hätte mir von ihm mit Freuden die Seele aus dem Leibe martern lassen. Nur manchmal überkam mich ein Gefühl des Hasses von derselben Stärke, nämlich dann, wenn mir zufällig, indem ich seine Hände ansah, in den Sinn kam, daß er mit ihnen meine Mutter erwürgt hatte.

Unser Haus lag auf der Heide, die sich bis an das Meer erstreckte; vom Hause aus konnte man es nicht sehen, wohl aber auf dem weiter nordwärts gelegenen Richtplatze, wo es nichts als Sand gab außer einigen uralten, verwitterten Steinen, die halb darin versunken waren. Man hielt sie für Grabsteine vornehmer Gerichteter; denn hier war seit undenklichen Zeiten die Richtstätte der Republik gewesen; wahrscheinlicher ist es freilich, daß das Meer die Blöcke angeschwemmt und ebbend auf der Heide zurückgelassen hatte. Wie dem auch sei, wir pflegten uns oft des Abends auf diese Steine niederzusetzen und auf das glänzendschwarze Geflimmer des Meeres hinzusehen, und wenn er dann seine Hand auf dem Steine neben mir ruhen ließ, kam sie mir zuweilen wie eine weiße Tigerin vor, die schläft, weil sie satt von Blut ist, oder die sich schlafend stellt und lauert, um ein argloses Opfer zu zerfleischen. Dann dachte ich an meine Mutter, deren Bild ich deutlich vor Augen hatte und der ich selbst innen und außen vielfach glich, und malte mir aus, wie sie sich in dem eisernen Arme des schönen Blutmannes gekrümmt hatte, bis mir der Haß in die Kehle stieg und ich eine verzweifelte Lust spürte, mich auf ihn zu werfen und die Ader an seinem Halse aufzubeißen, damit er verblutete. Mein Vater sagte nie etwas darüber, obgleich er es mir ansah, und ich glaube sogar, er hätte mir nicht gewehrt, auch wenn ich es getan hätte. Dieser Gewaltige, der, wie man sagte, sechs Männer mit einem Schwertschlage enthaupten konnte, daß ihre Köpfe wie Disteln abschnellten, hätte sich von meinen schwachen Händen umbringen lassen, so etwa wie Erwachsene stillhalten, wenn spielende Kinder mit ihren winzigen Schlägen über sie herfahren.

Mich mächtig, berühmt und gelehrt zu machen, war der Ehrgeiz seines Lebens, und mit dem Gelde, das er aufhäufte, ermöglichte er es, mir so viele Bildungsmittel zuzuführen, wie den strebsamsten und vermöglichsten Menschen der Zeit zugänglich waren. Er schickte mich in andre Länder, damit ich an hohen Schulen studierte, und ließ es sich Hunderte und Tausende kosten, daß mein Herkommen und Stand verborgen blieben. Aber er dachte nicht etwa daran, mich in höhere Kasten einzuschmuggeln, nein, ich sollte nach ihm Scharfrichter werden, wie das einmal seit unvordenklichen Zeiten das Los unsers Geschlechtes war, nur sollte ich aus Schmach und Elend heraus sie alle durch meinen Geist überglänzen und beherrschen, auf den Knien sollten sie nachts mit Lebensgefahr zu mir rutschen, die mich am Tage wie einen tollen Hund von ihrer Schwelle hetzen durften. Ich freilich hatte an allen Schulen nichts gelernt als höfliche Sitten und Herrenleben, weniger aus Faulheit als aus Torheit, die mich den Wert der Zeit nicht bedenken ließ; im Innersten hoffte ich, es würde so in Saus und Braus in Ewigkeit weitergehen. Dem Befehle meines Vaters wagte ich aber nicht mich zu widersetzen, und es hatte auch etwas grausig Verlockendes für mich, einst Blutkönig in dem einsamen Reich auf der Heide zu werden. Nur suchte ich den Augenblick, wo ich selbst das Handwerk ausüben sollte, hinauszuschieben, worauf mein Vater auch bereitwillig einging, weil ich schlank und zierlich von Wuchs war und er meinte, ich müßte mich noch durch viele körperliche Übungen auf meinen Beruf vorbereiten.