»Eine verliebte Person,« sagte Dr. Bernburger wegwerfend, »die sich ein Verdienst um ihren Angebeteten erwerben möchte. Sie ist durchaus nicht wichtig und wurde nicht einmal vereidigt, weil der Gerichtshof sie wegen ihrer Beziehungen zum Angeklagten von vornherein nicht für glaubwürdig hielt. Übrigens würden sich wohl Zeugen auftreiben lassen, um die Unwahrheit ihrer Aussage darzutun.«
»Nein, Mama,« rief Mingo, in lichter Entrüstung aufspringend, »damit sollst du nichts zu tun haben. Dies Spionieren und Hetzen ist unwürdig. Ich leide es nicht, daß du dich dazu hergibst.«
Dr. Bernburger betrachtete das junge Mädchen lächelnd durch seine Brille. »Ginge der Verbrecher nicht dunkle Wege,« sagte er, »brauchte man ihm nicht auf dunklen Wegen nachzuschleichen. Die Methode des Verbrechers bestimmt die Methode dessen, der ihn entlarven soll. Wenn ein Dieb mit Ihrer Börse davonläuft, und Sie wollen ihn wieder haben, müssen Sie ihm nachspringen; oder einen anderen für sich springen lassen.«
»Ich verlange von niemandem, wozu ich mir selbst zu gut bin,« sagte Mingo feindlich. »Übrigens hat uns niemand unsere Börse genommen.«
»Mische dich nicht in Dinge, Kind,« sagte die Baronin verweisend, »die du zu wenig kennst, um sie beurteilen zu können. Ich habe indessen doch das Gefühl,« wandte sie sich an Dr. Bernburger, »daß wir keine glückliche Rolle in dieser Angelegenheit spielen.«
»Es kommt auf den schließlichen Erfolg an,« sagte Dr. Bernburger, »und wie ich Ihnen schon sagte, hat sich meine Überzeugung bisher nur gefestigt. Mir ist es, als hätte ich den Vorgang mit erlebt. Ich könnte ihn in einem Drama vorführen.«
»Und warum tun Sie es nicht?« rief die Baronin gereizt aus. »Ich glaube, die Stimmung wendet sich allgemein dem Angeklagten zu.«
»Herr Dr. Deruga hat augenscheinlich viel Glück bei Frauen,« sagte Dr. Bernburger, »in deren Augen ein Mann überhaupt durch den Verdacht eines Verbrechens zu gewinnen pflegt. Ferner begehen viele Menschen den Fehler, zu glauben, ein Verbrecher müsse von der Natur mit einem besonderen Stempel gezeichnet sein. Müsse roh, brutal, gemein, entstellt aussehen. Man bedenkt nicht, daß der Grund der meisten Verbrechen die Schwäche des Täters ist, indem er einem Antriebe nicht genug Widerstand entgegenzusetzen vermochte, und was für eine große Rolle der Zufall dabei spielt. Es ist nicht ohne Ursache, daß in früheren Zeiten viele Verbrecher selbst glaubten, der Teufel habe es ihnen eingeblasen.«
Der Baron meinte, solche Vorstellungen wären gefährlich, indem sie einem fast den Mut raubten, den Verbrecher zu verfolgen und zu bestrafen.
Der Anwalt zuckte die Schultern. »Hörte man damit auf,« sagte er, »so gäbe es ja nur noch Antriebe zum Bösen beziehungsweise Verbotenen, und alle Hemmungen fielen fort. Es ist wohl das beste, daß jeder schlechtweg das tut, was ihm sein Amt vorschreibt, ohne sich Skrupel über die Folgen und innersten Gründe zu machen. Justizrat Fein bringt unentwegt neue Entlastungszeugen vor; er hat jetzt wieder einen Professor ausgespielt, der eine Zeitlang mit Deruga und seiner Frau dasselbe Haus bewohnte, und der, wie es scheint, bestätigen soll, was wir längst wissen, daß Deruga ein sogenannter guter Kerl ist, dem man zwar Übereilungen, aber nicht überlegte Schlechtigkeiten zutraut. Ich würde meine Pflicht nicht tun, wenn ich mich nicht bemühte, Beweise für unsere Überzeugung aufzutreiben, und ich hoffe noch immer, daß es mir gelingen wird, etwas Abschließendes zu finden. Ich verfolge eine Spur, von der ich aber schweigen möchte, bis ich selbst vollkommene Klarheit gewonnen habe.«