Mingo betrachtete Dr. Bernburger mit unverhohlenem Abscheu. »Das geschieht aber nicht für dich, Mama,« sagte sie in flehend befehlendem Tone, »nicht in deinem Auftrage.«

»Bitte, mische dich nicht ein,« sagte die Baronin gereizt, »verlasse uns lieber, wenn du dich nicht beherrschen kannst! Weder du noch ich haben ein persönliches Interesse an der Angelegenheit, sondern einzig ein sachliches. Es kann uns nur angenehm sein, wenn die Wahrheit festgestellt wird.«

»Ja, ich habe ein persönliches Interesse,« rief Mingo leidenschaftlich aus. »Ich weiß, daß er schuldlos ist. Allen Beweisen zum Trotz, die etwa ausspioniert werden, ist er schuldlos und besser als wir alle.« Ihre Stimme zitterte, die Tränen waren ihr nahe.

Der Baron und Peter Hase waren gleichzeitig aufgestanden, wie um die Kleine zu beschützen. Der Baron stellte sich neben sie und schlug einen Spaziergang vor: man müsse bei den immer noch kurzen Tagen die Helligkeit benützen. Dr. Bernburger hatte das Gefühl, in Ungnade und mit Verachtung beladen entlassen zu sein. Die Bitterkeit, die in seinem Innern kochte, verdichtete sich mehr und mehr zum rachsüchtigen Haß gegen Deruga, während er der Baronin gegenüber nur den inständigen Wunsch hatte, ihr zu beweisen, daß er recht gehabt habe.


XIII.

»Wir wurden mit Deruga dadurch bekannt,« erzählte Professor Vondermühl, »daß wir im gleichen Hause wohnten. Kurze Zeit nachdem sie eingezogen waren, bekam meine Frau in der Nacht einen Magenkrampf, und um ihr möglichst schnell Hilfe zu schaffen, ging ich hinauf und bat Deruga zu kommen. Er zeigte die liebenswürdigste Bereitwilligkeit, und auch seine Frau bot ihren Beistand an. Seit der Zeit sahen wir uns häufig und haben in enger Freundschaft verkehrt, bis Derugas ihr Kind verloren und sich bald hernach scheiden ließen.«

»Haben Sie jemals etwas von Mißhelligkeiten zwischen den Ehegatten bemerkt?« fragte der Vorsitzende.

»Meine Frau hatte den Eindruck,« sagte der Professor, »daß sie sich zwar liebhatten, aber nicht zueinander paßten. Deruga hatte trotz seiner Verträglichkeit ein unstetes, unberechenbares Temperament und hätte straffer Leitung bedurft; seine Frau vermochte solche nicht auszuüben, sondern war zärtlich, anschmiegsam, gleichsam eine Pflanze, die im Schutze einer Mauer hätte wachsen sollen. Die Verschiedenheit trat wohl nach dem Tode des Kindes, das ein Band zwischen ihnen bildete, schärfer zutage.«