»Nein, nein,« sagte der Professor, »das wäre kein zutreffender Ausdruck. Er teilte meine wissenschaftlichen Interessen nicht, und mir ist das Schweben und Gaukeln über den Tiefen, das Ausspielen von Hypothesen und Paradoxen, das Phantasieren im Unmöglichen nicht gegeben. Ich war zu schwerfällig für die oft grotesken Sprünge seines Geistes. Sie belustigten mich wohl, aber im Grunde wußte ich nichts damit anzufangen. So kam es, und auch weil ich sehr beschäftigt war, daß meine Frau die Beziehungen mehr pflegte, wozu sie schon durch ihre Jugend besser paßte. Sie war bedeutend jünger als ich und mußte doch vor mir sterben.«

Ob seine Frau nach dem Wegzuge von Frau Deruga mit dieser im Briefwechsel gestanden habe, fragte der Vorsitzende.

Es wären allerdings Briefe der Frau Deruga vorhanden gewesen, sagte der Professor, er hätte sie aber nach dem Tode seiner Frau verbrannt, damit sie nicht später Unberufenen in die Hände fielen. Er habe darin geblättert, bevor er sie zerstört hätte, und erinnere sich einer Stelle, wo sie geschrieben hätte, der Frieden und die Freudigkeit, die sie sich von der Auflösung ihrer Ehe erwartet hätte, ließe noch immer auf sich warten.

»'Ich ertappe mich jetzt oft darauf,' so etwa schrieb sie, 'daß ich anstatt wie sonst vorwärts, in die Zukunft zu blicken, stehenbleibe und mich zurückwende. Sollte das die Besinnung des Alters sein? Ach nein, wie konnte ich auch erwarten, daß ich jemals anderswohin sollte blicken können als dahin, wo mein Kind war, in die Vergangenheit! Für mich gibt es keine Zukunft auf Erden mehr.' Diese Stelle ergriff mich, weil ich damals, nach dem Tode meiner Frau, selbst anfing, nach rückwärts, statt nach vorwärts zu leben, und sie hat sich mir aus diesem Grunde eingeprägt.«

Diese Briefstelle, sagte der Vorsitzende, deute nicht darauf, daß die Verstorbene eine zweite Heirat ersehnt hätte und nur durch Furcht vor dem Angeklagten davon zurückgehalten wäre.

»Dazu möchte ich folgendes bemerken,« sagte der Professor. »Aus anderen mündlichen oder schriftlichen Äußerungen der Verstorbenen wäre vielleicht auf jenen Wunsch und jene Furcht zu schließen. Hätte man aber noch so viele Beweise von Derugas damaligem Geladensein, so scheint es mir doch fraglich, ob das mit einem so viele Jahre später begangenen Mord in Verbindung gebracht werden könne. Es ist wahr, daß die menschlichen Handlungen Ketten sind, deren Glieder ein Götterauge ins Unendliche muß verfolgen können; aber ob wir Menschen uns in den labyrinthischen Verzweigungen nicht verirren müssen?«

Der Vorsitzende blickte schweigend vor sich nieder, während der Staatsanwalt unter kritischen Grimassen den Kopf wiegte. Dann stellte Dr. Zeunemann die Schlußfrage an den Professor, ob ihm noch andere Gründe bekannt wären, mit denen die Scheidung der Derugas damals erklärt worden wäre oder erklärt werden könnte.

»Meine Frau wußte,« sagte der Professor, »daß Frau Deruga ihren Mann bis zu einem gewissen Grade für den Tod ihres Kindes verantwortlich machte und deshalb einen krankhaften Haß auf ihn warf. Es ist das so zu verstehen, daß Deruga für Abhärtung und Rücksichtslosigkeit in der körperlichen Erziehung des Kindes war, während seine Frau es eher verzärtelte. Dieser Gegensatz bildete öfters Anlaß zu Streitigkeiten. Auf die Dauer konnte die verständige Frau sich aber doch nicht dagegen verblenden, daß Deruga das Kind, auf seine Art, ebenso wie sie geliebt hatte und den Verlust ebenso wie sie betrauerte, und sie suchte die ungerechte Abneigung zu überwinden, worauf auch meine Frau mit der ganzen Lebhaftigkeit ihres Temperamentes drang. Ich kann also nicht glauben, daß diese durch den übermäßigen Schmerz zu erklärende Gefühlsverkehrung den Entschluß zur Scheidung bewirkt habe, wenn auch vielleicht das Verhältnis dadurch gelockert wurde.«

Es entspann sich nun zwischen den Juristen ein Wortwechsel über den vom Staatsanwalt gestellten Antrag, Fräulein Schwertfeger noch einmal zu vernehmen, ob sie etwas Aufklärendes über Frau Swieters geplante und nicht vollzogene Ehe aussagen könne. Justizrat Fein verwarf es als zeitraubend und überflüssig, welcher Meinung sich Dr. Zeunemann anschloß, der sagte, noch mehr Einzelheiten, wie sie auch ausfielen, würden den Prozeß nicht weiterbringen. Für die Eigenart Derugas, die darin bestehe, daß er sich im labilen Gleichgewicht befinde, ließen sich vermutlich noch zahlreiche Beispiele aufbringen. Es handle sich aber nicht hier darum, die Geschichte seiner Seele zu erforschen, sondern die Geschichte seines Lebens vom 1. bis zum 3. Oktober festzustellen. Darauf bezüglich habe Fräulein Schwertfeger nichts mehr zu sagen.

»Ich bitte die Herren dringend,« sagte der Justizrat, »sich auf Tatsachen zu beschränken, damit wir den Knoten nicht noch mehr verwirren, anstatt ihn aufzulösen.«