Vorher hatte ich gedacht, ich müsse mir erst Gewißheit über den Charakter und Grad ihrer Krankheit verschaffen, aber ihr Anblick zeigte mir überflüssig, wie fortgeschritten sie war. Sowie ich Ursula die Tür hinter sich schließen und die Treppe hinuntergehen hörte, erhob ich mich, und gleichzeitig rief mich auch die Marmotte. Ich setzte mich auf den Rand ihres Bettes und sagte, wie ich mich gefreut hätte, daß Ursula noch bei ihr wäre, und wie ich kaum hätte unterlassen können, sie auszulachen, weil sie mich nicht erkannt hätte. 'Ich hätte dich gleich erkannt,' sagte sie, und dann schwatzten wir von der Vergangenheit und tauschten kleine Erinnerungen aus. Auch von ihrer Krankheit, ihren Operationen, und wie sie behandelt wurde, erzählte sie mir auf mein Befragen. Ihre Stimme war unverändert, nur fast süßer als früher. Sie klang so, wie man wohl des Abends im Gebirge ein entferntes Alphorn hört, in dem die rosigen, grünen und grauen Farben des dämmernden Horizontes mitzutönen scheinen. Während wir sprachen, hielt sie eine meiner Hände fest zwischen den ihren, und einmal küßte sie sie und sagte: 'Du liebe, gute, schöne Hand, ich habe oft an dich gedacht, und daß du mich erlösen würdest!'
Es mochte eine halbe Stunde vergangen sein, da sah ich in ihrem Gesicht, daß ein Anfall von Schmerzen im Anzuge war, Und ich dachte, nun sei der Augenblick gekommen. Ich hätte etwas mitgebracht, um ihr die Schmerzen zu vertreiben, sagte ich, und wolle es jetzt in der Küche zurechtmachen, damit wir ungestört weiterplaudern könnten. 'Wird es weh tun?' fragte sie, indem sie mich ängstlich ansah, und ihre Mundwinkel zitterten. Arme, kleine, furchtsame Marmotte! Trotzdem sie den Tod herbeiwünschte, fürchtete sie sich vor ihm. Ich lachte und sagte: 'Was denkst du, so schnell geht es nicht. Erst will ich dich ein wenig beobachten, denn vielleicht kannst du durch verständige Behandlung noch einmal gesund gemacht werden.' Mit den Worten ging ich in die Küche, suchte mir ein Glas und mischte das Gift so mit Limonade und Zucker, daß man seine Bitterkeit nicht schmeckte. Als ich zurückkam, hatte sie starke Schmerzen, und während ich sie aufrichtete, um sie trinken zu lassen, erzählte sie mir, daß sie in der letzten Nacht von unserm Mingo geträumt hatte. 'Wie sehne ich mich danach, sie wiederzusehen,' sagte sie, 'und später, wenn du auch kommst, stehen wir Hand in Hand und warten auf dich.' Ich nickte, stützte sie mit meinem Arm und setzte das Glas an die Lippen. Sie sah mich dankbar an und trank begierig.
Ich wartete, bis sie gestorben war, dann legte ich sie nieder, küßte sie auf die Stirn und sagte: 'Adieu, liebe, süße Marmotte.' Dann stellte ich in den beiden Zimmern alles so, wie es vorher gewesen war, ging in die Küche, reinigte das Glas, vertilgte überhaupt jede Spur meiner Anwesenheit und ging fort. Im Hause begegnete mir niemand, aber auf dem gepflasterten Wege, der zum Gartentor führte, sah ich den Hausmeister stehen. Bis dahin war ich vollkommen ruhig gewesen oder hatte geglaubt, es zu sein. Aber als ich den Hausmeister sah, kam es mir vor, als müsse ich ihm auffallen und müsse irgend etwas tun, um unbefangen zu erscheinen. Unwillkürlich faßte ich in die Tasche und zog eine Zigarette heraus, stellte mich vor ihn hin und sagte: 'Haben Sie Feuer, Euer Gnaden?' Als ich einen Zug getan hatte, ekelte es mich, und ich warf die Zigarette ins Gebüsch, ohne in dem Augenblick daran zu denken, daß das auffallen könnte.
Der nächste Zug nach Prag ging in der Frühe, und es war erst halb sechs Uhr nachmittags. Ich schlenderte wieder in die äußeren Stadtteile und setzte mich dort in ein Café. Als es Nacht wurde, begab ich mich in die Bahnhofsanlagen. Es schien mir noch zu früh zu sein, um mich umzukleiden. Da ich jedoch nicht mehr gehen mochte, setzte ich mich auf die steinerne Bank, unter der ich meinen Anzug verborgen hatte, um die Dunkelheit zu erwarten. Die himmlischen Gefühle, die mich bei Marmotte gehoben hatten, waren verschwunden, ich war schrecklich ernüchtert, und mich fror. Ich hatte den ganzen Tag nichts zu mir genommen als etwas schwarzen Kaffee, und ich war so schwach und abgespannt, daß ich kaum wußte, wozu ich eigentlich dasaß. Ich kam mir abgeschmackt und lächerlich vor.
Gegen Mitternacht erhob sich ein starker Wind, der mich bis in die Knochen schaudern machte und die trübe Erstarrung, in die ich versunken war, durchbrach. Da weit und breit Totenstille herrschte, stand ich auf, zog das Paket unter den welken Blättern hervor, mit denen ich es bedeckt hatte, und kleidete mich um. Den Arbeitskittel wollte ich nicht mitnehmen und dachte erst daran, ihn wieder unter die Bank zu legen. Da fiel mir plötzlich ein, daß ich ihn, um ihn aus der Welt zu schaffen, noch besser in den Kanal werfen könnte.
Ich stand schon auf der Brücke, als ich an mein Geld dachte, das noch in dem Kittel war. Auf dem Wege zum Bahnhof malte ich mir aus, wie verhängnisvoll es für mich hätte werden können, wenn ich ohne Geld geblieben wäre, und dabei fiel mir endlich ein, daß ich auch Mingos Brief bei mir gehabt hatte für den Fall, daß ich ihre Wohnung vergäße. Es tat mir leid, den Brief verloren zu haben, aber ich war zu müde und zu gleichgültig, um umzukehren und einen Versuch zu machen, ob ich das Paket noch aus dem Wasser fischen könnte, was ohnehin unwahrscheinlich war. Auch graute mir, obwohl ich solchen Stimmungen sonst nicht unterworfen bin, vor der verlassenen Stelle, und es war mir zumute, als würde ich mich selbst auf der weißen Bank vor dem schwarzen Wasser sitzen sehen, wenn ich zurückkehrte. Im Eisenbahnwagen schlief ich sofort ein und schlief fest, bis ich zu Hause ankam. Ich hatte den Eindruck, daß niemand mich kommen sah und niemandem meine Abwesenheit aufgefallen war.«
»Warum haben Sie den Sachverhalt nicht sofort der Wahrheit gemäß dargestellt?« fragte der Vorsitzende, der während der langen Erzählung mit seinem Bleistift gespielt hatte und in den Anblick desselben versunken schien. »Das hätte Ihnen von vornherein eine andere Stellung gesichert.«
»Ja, wenn man mir geglaubt hätte!« sagte Deruga. »Den einzigen Beweis, den ich beibringen konnte, den Brief meiner Frau, hatte ich verloren, und ich dachte nicht an die Möglichkeit, ihn wiederzufinden. Freilich war ich überzeugt, selbst wenn sich der Kittel herbeischaffen ließe, würde das Wasser den Brief zerstört haben.«
»Sonderbare Geschichte das!« sagte Dr. Zeunemann nach der Sitzung zu den übrigen Herren. »Ich gestehe, der Mensch hat mich beinahe gerührt. Ein derartiges gegenseitiges Wohlwollen findet man selten bei Eheleuten.«
»Die waren ja auch geschieden,« sagte der Staatsanwalt listig.