»Als Sie den Brief Ihrer geschiedenen Frau erhielten,« begann Dr. Zeunemann von neuem, »faßten Sie da sofort den Beschluß, ihren Wunsch zu erfüllen?«
»Als ich ihre Handschrift sah,« sagte Deruga in ruhig erzählendem Tone, »die ich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, und die ganz unverändert war, so daß ich sie sofort erkannte, da erfaßte mich sofort das Gefühl von Unruhe, Wut und Haß, das mich immer überkommen hatte, wenn ich zufällig einmal an sie erinnert wurde, was aber in den letzten Jahren nur sehr selten geschehen war. Was kann sie von mir wollen? dachte ich. Will sie mir sagen, es tue ihr leid, daß sie mein Leben zerstört habe? Bildet sie sich ein, es bestehe noch irgendein Band zwischen uns? Bildet sie sich ein, ich könne je vergessen, was ich durch sie gelitten habe? So ungefähr. Als ich den Brief gelesen hatte, war das alles verschwunden, und ich empfand nur Mitleid und Liebe. Ich empfand, was ich noch nie zuvor empfunden hatte: reine, große, ungetrübte Liebe für das leidende Geschöpf, das ich soviel gequält hatte, eine Liebe, die nur in dem Wunsche bestand, sie zu trösten und ihr zu helfen. Ich erinnerte mich an ihre Angst vor Schmerzen, und wie oft sie mich gefragt hatte, ob ich sie lieb genug haben würde, sie zu töten, wenn sie einmal von einer sehr schmerzhaften Krankheit befallen werden sollte, wie dankbar sie mir war, wenn ich es versprach, und wie dann ihre Sicherheit und Überlegenheit verschwand und sie wie ein Kind sich an mich schmiegte. Es war alles ausgelöscht, was mich einst an Eifersucht, Empfindlichkeit und Rachsucht gegen sie verbittert hatte, vor dem einen Gefühl, daß sie mich nicht vergeblich angerufen haben sollte, und daß ich sie von ihren Leiden befreien wollte, wenn ich sie nicht etwa heilen könnte.«
Die Pause, die Deruga machte, benützte der Staatsanwalt, um durch weitausholende Gestikulationen und im Flüsterton gezischte Anweisungen einen Diener zu beauftragen, daß er dem Angeklagten, der angegriffen zu sein scheine, einen Sessel brächte.
Nachdem er sich bedankt hatte, fuhr Deruga fort:
»Meine Regung war, sofort abzureisen, aber ich überlegte mir, was für höchst bedenkliche Folgen die Tat für mich haben könnte, und ich beschloß, dieselben, wenn möglich, abzuwenden. Die Art und Weise betreffend, wie ich Mingo töten wollte, beschloß ich, es durch Curare zu tun, wovon ich zufällig eine genügende Dosis besaß. Chloroform, das in gewisser Beziehung vorzuziehen gewesen wäre, schloß ich deshalb aus, weil der Geruch es sofort verraten hätte. Allerdings hätte man gerade dabei am ersten auf Selbstmord geschlossen, außer wenn sich feststellen ließ, daß kein Chloroform im Hause gewesen war; sicherer erschien es mir, auf alle Fälle ein Gift zu wählen, das im Augenblick keine Spur hinterließ, damit der Verdacht eines gewaltsamen Endes überhaupt nicht aufkam.
Da meine Frau nicht geschrieben hatte, wie ich zu ihr gelangen könnte, dachte ich, zuerst deswegen bei ihr anzufragen, unterließ es jedoch, weil ich mir sagte, der Brief würde vielleicht einer Dienerin oder Pflegerin in die Hände fallen, die voraussichtlich nicht in das Geheimnis gezogen werden durfte. Nachdem ich vielerlei geplant und verworfen hatte, entschloß ich mich, als Vagabund oder Hausierer verkleidet in ihrer Wohnung vorzusprechen und die Gelegenheit auszukundschaften; ich traute mir zu, daß ich auf diese Art irgendeinen Weg ausfindig machen würde, und rechnete auf die glücklichen Einfälle, die dem Unternehmenden gewöhnlich zu Hilfe kommen. Darauf brachte mich auch der Umstand, daß ich vor Jahren einmal auf einem Maskenballe als Mausefallenverkäufer aufgetreten und nicht nur von niemandem erkannt, sondern von verschiedenen sogar für einen echten, zum Spaß eingeschmuggelten Slowaken gehalten worden war. Ich wickelte den Anzug, den ich aufgehoben hatte, in ein Papier ein und nahm ihn als einziges Gepäck mit, um mich entweder in der Eisenbahn oder im Bahnhof umzukleiden.
Unterwegs überlegte ich mir, daß der Kleiderwechsel im Zuge bemerkt werden und Verdacht erregen könnte, wodurch ich vielleicht aufgehalten würde, und im Bahnhof fand ich keine Gelegenheit. Da es noch sehr früh, etwa halb sechs Uhr war, nahm ich an, daß ich in den Bahnhofsanlagen vollkommen unbeobachtet sein würde. In der Tat war es rings öde und still, und als ich die halbrunde, steinerne Bank sah, die uns Herr Dr. Bernburger beschrieben hat, schien mir das der geeignete Ort zu sein, wo ich mich umkleiden und meinen bürgerlichen Anzug, den ich ja zur Heimreise brauchte, verbergen könnte. Nachdem ich den Vagabundenkittel angezogen hatte, wickelte ich den anderen Anzug ein und verbarg ihn unter der Bank. Zum Überfluß häufte ich noch welkes Laub darüber, das überall verstreut war.
Zunächst ging ich in ein kleines Café in der äußeren Stadt und frühstückte, weniger um mich zu erfrischen, als um den Eindruck zu prüfen, den ich machte, und ich stellte fest, daß ich durchaus für das genommen wurde, was ich vorstellen wollte. Bis zum Mittag trieb ich mich herum, dann begab ich mich in die Gartenstraße. Ich war durchaus nicht aufgeregt, außer daß ich mich sehnte, die Marmotte wiederzusehen. An den Zweck, der mich hergeführt hatte, dachte ich kaum noch, nur daran, wieviel wir uns zu erzählen haben würden.
Als Ursula mir die Tür öffnete, wurde es mir schwer, mich nicht zu verraten, denn ich freute mich, sie wiederzusehen; ich hätte sie gern begrüßt und gefragt, ob sie mich denn nicht erkennte. Als Mingo läutete und Ursula im Weglaufen die Tür zuschlug, steckte ich rasch einen der hölzernen Löffel, die ich als Verkaufsgegenstände bei mir hatte, dazwischen. Es war eine Eingebung des Augenblicks, der ich vielleicht nicht gefolgt wäre, wenn ich Zeit zur Überlegung gehabt hätte, denn das Wagnis konnte leicht mißglücken. Immerhin traute ich mir zu, mich mit Ursula, wenn sie mir auf die Spur käme, auf irgendeine Weise zu verständigen. Ich stellte den Teller Suppe, den Ursula mir gebracht hatte, auf die Treppe und ging aufs Geratewohl in die nächste Zimmertür; sie führte in das Fremdenzimmer, das unbenutzt war. Von dort aus hörte ich, wie Ursula wiederkam, die Wohnungstür öffnete und brummte, als sie draußen den vollen Teller fand. Nachdem sie in der Küche verschwunden war, ging ich vorsichtig weiter und erblickte durch die offenstehende Tür des Nebenzimmers Mingos Bett. Ich sagte leise: 'Marmotte, da ist Dodo!' und sie antwortete ebenso: 'Dodo! Warte, bis Ursula fort ist.'
Während ich allein in dem Fremdenzimmer saß und wartete, habe ich die Seligkeit des Himmels genossen. Mehrere Stunden lang fühlte ich die mit nichts auf Erden vergleichbare Wonne, die vielleicht gemarterte Heilige empfunden haben, wenn der Schmerz aufhörte und Engel mit der Krone des ewigen Lebens sich aus den Wolken auf sie niederließen. Mein Herz war ganz und gar voll von der göttlichen Liebe, die nichts will als das Glück des Geliebten. Ich hatte sie nun wiedergesehen, die Frau, deren bloßer Name früher einen Ausbruch von Leidenschaften, Liebe, Haß, Rachsucht in mir entfesselt hatte. Was ist noch an uns von dem Kinde, das wir vor dreißig, vierzig, fünfzig Jahren einmal waren? Unser ganzer Körper hat sich seitdem erneuert, wir haben vielleicht keinen Gedanken und keine Empfindung mehr von denen, die wir damals hatten, und doch, daß wir es sind, ist das Sicherste, was wir wissen. Ach, von der Marmotte, die ich einmal mein genannt hatte, war nichts mehr da, und doch hatte ich in dem einzigen Augenblick in ihrem von den Jahren und der Krankheit zerstörten Gesicht dasselbe Gesicht gesehen, das ihr als Kind schon eigen gewesen sein mochte: aus Unschuld, Liebe und Güte zusammengezaubert. Es war nur als eine geistige Erscheinung da, und ich weiß nicht, mit was für Augen ich es gesehen habe. Das Körperliche war das einer alternden, todkranken Frau, einer Pflanze ähnlich, die, vom Nachtfrost überrascht, mumienhaft im Sonnenschein steht. Es war nichts mehr an meiner armen Marmotte, was die Leidenschaft irgendeines Mannes hätte erregen können, aber sie war mir so teuer, so kostbar und heilig, daß ich nicht gezögert hätte, mein Leben hinzugeben, wenn ich ihr Glück damit hätte erkaufen können. Armes, ohnmächtiges Geschöpf, dachte ich, du sollst nicht mehr leiden! Was es mich auch kosten mag, wie hart die Folgen für mich sein mögen, ich will dir Frieden bringen. Und wenn alle deine Qualen auf mich übergingen, so wollte ich sie annehmen und mich freuen, daß du statt dessen ruhen könntest.