»Es kommt uns nicht nur darauf an, die Tat zu wissen,« sagte Dr. Zeunemann, »sondern auch die Absichten kennenzulernen, die den Täter leiteten.«
»Was wollen Sie damit sagen?« fuhr Deruga heftig auf. »Was für Absichten könnte ich gehabt haben, außer der armen Person zu helfen? Daß ich von der Erbschaft nichts wußte, geht aus ihrem Briefe hervor.«
»Aus dem Brief geht allerdings hervor,« sagte der Vorsitzende mit gelassener Würde, »daß Sie mit Ihrer geschiedenen Frau seit Ihrer Scheidung in keiner Verbindung standen, daß Sie also damals von der Erbschaft nichts wußten.«
»Damals!« rief Deruga. »Wollen Sie damit sagen, daß ich hingereist wäre, um meiner Frau anzubieten, ich wolle ihr den Gefallen tun, wenn sie mir soundso viel Geld dafür gäbe? Und um den Preis ihres Vermögens hätte ich mich kaufen lassen? Ich weiß nicht, nach was für einem Maßstab Sie die Menschen beurteilen. Ekelhafte Welt, wo Menschen richten, die nur gemeine Triebe zu kennen scheinen!«
»Ich muß Sie bitten,« sagte der Vorsitzende, »Ihre Ausdrücke zu mäßigen. Die gefallenen Worte lasse ich deshalb hingehen, weil ich eine krankhafte Erregung bei Ihnen voraussetze. Nachdem ich Sie aber gewarnt habe, würde ich mich im Wiederholungsfalle zu ernsten Maßregeln gezwungen sehen.«
Inzwischen war Justizrat Fein aufgestanden und bat, ein paar Worte mit seinem Klienten reden zu dürfen.
»Aber, liebster Doktor,« sagte er halblaut, indem er ihn am Rock faßte, »was für Geschichten machen Sie? Es hängt jetzt alles davon ab, daß Sie einen guten Eindruck machen. Nachher ist alles vorüber. Nehmen Sie sich doch zusammen, tun Sie es mir zuliebe! Bilden Sie sich ein, Sie erzählten die ganze Begebenheit mir! Der arme Teufel tut am Ende nur seine Pflicht, wenn er alle Möglichkeiten ins Auge faßt. Sie könnten ja auch ein Schweinehund sein, wie es viele gibt.«
»Ich weiß nicht, warum sich mein Blut empört,« entgegnete Deruga, »wenn ich diesen Areopag von Stallhammeln sehe, die über hungrige Wölfe zu Gericht sitzen. Wäre ich doch ein Raubmörder oder Brandstifter! Hier schäme ich mich, ein anständiger Mensch zu sein.«
»Das sind Sie ja gar nicht,« sagte der Justizrat beruhigend, »das heißt, nicht in dem Sinne, wie Sie es eben meinten. Und haben Sie denn gar kein Gefühl für das wackere alte Jüngferchen auf der Zeugenbank? Erzählen Sie der die Geschichte! Denken Sie, wie froh sie sein wird, wenn sie Sie für keinen Bösewicht mehr zu halten braucht.«
»Dumme, eigensinnige Gans,« brummte Deruga, aber sein Blick war freundlicher geworden, und er erklärte sich bereit, die Fragen, die man an ihn richten würde, zu beantworten.