»Sie hatte die Absicht gehabt, ihr Vermögen mir zu vermachen, sowohl, damit ich mein Leben bequemer einrichten könnte — meine Freundin stellte sich das Leben einer Zeichenlehrerin nämlich sehr mühsam vor — und dann, weil sie wußte, ich würde in ihrem Sinne damit für arme Kinder wirken.«
»Ja so!« sagte Dr. Zeunemann, »Ihnen hatte sie ihr Vermögen vermachen wollen. Das ist doch aber keine Kleinigkeit, wenn man in einer solchen Sache plötzlich umschwenkt. Das muß sie Ihnen doch erklärt und entschuldigt haben?«
Fräulein Schwertfeger machte ein stolz abwehrendes Gesicht. »Das mußte sie gar nicht,« sagte sie, »wir waren doch befreundet. Allerdings bedrückte es sie, und sie wollte mir weitläufig auseinandersetzen, warum sie so handelte. Sie hätte einmal gehört, daß es Dr. Deruga schlecht ginge, und daß er sehr heruntergekommen wäre, und daran müsse sie fortwährend denken. Er sei der Vater ihres geliebten Kindes und hätte sie liebgehabt, und sie könne sich noch immer nicht von dem Gedanken entwöhnen, daß, was ihr gehöre, eigentlich auch sein sei. Kurz, sie würde nicht ruhig sterben können, wenn sie ihn nicht durch ihr Vermögen vor Not geschützt wisse. Natürlich ließ ich sie gar nicht ausreden, sondern tröstete sie und versicherte sie, daß das Geld mich nur in Verlegenheit setzen würde, weil ich denken würde, ich müsse es irgendwie ausgeben und wisse nicht wie, und daß ich mein Leben nicht anders einrichten möchte, weil ich es einmal so gewöhnt wäre und ich mich wohl dabei fühlte. Das Geld würde mich nur an ihren Verlust erinnern und mir dadurch verhaßt werden.«
»Es ist doch aber sonderbar,« sagte der Vorsitzende, »daß Ihre Freundin Ihnen nicht wenigstens ein Legat ausgesetzt hat wie ihrem Dienstmädchen.«
»Das unterließ sie auf meinen Wunsch,« sagte Fräulein Schwertfeger kurz.
»Ich bitte einen Augenblick ums Wort,« schaltete plötzlich der Staatsanwalt ein. »Nach der Darstellung der Zeugin hatte ich den Eindruck, als habe die von ihr mitgeteilte Unterredung, der sich die Abfassung des Testamentes anschloß, gleich nach der letzten, schweren Erkrankung ihrer Freundin, also im März oder April, stattgefunden. Dagegen ist das vorliegende Testament vom 19. September, also vierzehn Tage vor dem Tode derselben, datiert.«
Fräulein Schwertfeger entgegnete nichts, sondern warf nur einen langen, feindseligen Blick auf den Fragesteller, wie auf einen unberufenerweise sich Einmischenden, und sah dann wieder den Vorsitzenden an.
»Wollen Sie uns darüber aufklären, mein Fräulein,« bat dieser freundlich.
»Meine Freundin schrieb das Testament zuerst im Frühling,« sagte Fräulein Schwertfeger, »und am 19. September schrieb sie es noch einmal ab.«
»Es blieb also unverändert?« fragte der Vorsitzende.