»Wenn Sie mich damit hereinzulegen denken, wie man so sagt, Herr Präsident,« antwortete Ursula unerschüttert, »dann sind Sie ausgerutscht, mit Erlaubnis zu sagen. Wenn ich fort war, konnte am allerwenigsten etwas vorfallen, weil ich dann nämlich die Wohnungstür hinter mir abschloß. Meine Gnädige hatte das selbst angeordnet und gesagt: 'Wissen Sie, Ursula, weil ich doch nicht aufstehen soll, nach dem, was der Herr Doktor sagt, so ist es am einfachsten, Sie schließen die Tür ab, damit ich sicher bin, daß niemand hinein kann. Kommt jemand, so mag er läuten und wiederkommen. Brennen wird es ja nicht gerade, während Sie fort sind.' Na, was das betrifft, darüber war ich ganz ruhig, denn wo sollte es brennen, wo ich immer nur in der Frühe oder nachmittags ausging, wenn kein Feuer im Hause war. Fräulein Schwertfeger hatte eigens den Wohnungsschlüssel, damit sie zu jeder Zeit hinein konnte. Also, Herr Präsident, das müssen Sie nun doch einsehen, daß in meiner Abwesenheit nichts vorfallen konnte.«

»Nur ist in Ihrer Abwesenheit Ihre Herrschaft ermordet worden,« erhob sich die kreischende Stimme des Staatsanwalts.

Ursula verstummte; aber, wie es schien, mehr erstarrt über die Dreistigkeit, diese Tatsache anzuführen, als von ihrer Beweiskraft überwunden. »So weit sind wir noch nicht,« sagte sie endlich, sich aufraffend. »Ich glaube überhaupt nicht an den Mord, weil es unmöglich ist, daß etwas in der Wohnung vorfiel, solange ich fort war.«

»Außer wenn Frau Swieter selbst wollte,« warf der Vorsitzende ein.

»Ja, das werden Sie doch aber selbst nicht glauben, Herr Präsident,« sagte Ursula, wieder in den früheren Gedankengang einlenkend, »daß die todkranke Frau aufstand und womöglich drei Treppen herunter auf die Straße lief, nur um unserem Herrn Doktor einen Brief zu schicken, den ich ihr jeden Augenblick mit dem größten Vergnügen besorgt hätte.«

Dr. Zeunemann seufzte. »Verreist sind Sie niemals,« begann er von neuem, »seit Frau Swieter im vorigen Jahre krank wurde und zu Bette lag?«

»Nein,« sagte Ursula, »obwohl sie es mir oft angeboten hat und ich ja auch wußte, daß Fräulein Schwertfeger gerne solange bei ihr gewohnt hätte, und daß sie ja auch eine Krankenschwester hätte nehmen können. Aber die hätte doch die Verhältnisse nicht so gekannt wie ich, und wenn es mir auch leid tat, meine Mutter so lange nicht zu sehen, so habe ich mir doch gesagt: die Frau hat dich seit neunzehn Jahren nicht verlassen, so verlasse ich sie auch nicht. Ruhe hätte ich zu Hause auch nicht gehabt, und ich glaube, ich fände im Grabe keine Ruhe, wenn ich das arme, kranke Wurm allein gelassen hätte.«

Ursulas laute Stimme wurde unsicher, und sie fuhr sich mit dem Taschentuch über das Gesicht.

Der Vorsitzende wartete ein wenig und forderte sie dann auf, den Todestag der Frau Swieter, soweit sie sich erinnern könne, vom Anfang bis zum Ende zu schildern.

»Gerade an dem Tage,« begann Ursula, »hatte ich gar nichts Böses vermutet. Die Nacht war nämlich sehr schlecht gewesen, ich hörte sie stöhnen, lief wohl fünfmal hin und fragte, ob ich den Doktor holen sollte, aber sie sagte: 'Nein, der hilft mir doch nicht,' und mich schickte sie auch fort, weil ich es ihr nur schwerer machte. Denn wenn ich da wäre, sagte sie, müßte sie sich beherrschen.