Gegen Morgen bin ich wirklich eingeschlafen, denn vier Uhr habe ich es schlagen hören, aber fünf nicht mehr, und um sieben weckte mich der Kaminkehrer, der anläutete. Ich war wütend, daß er so laut schellte, und lief an die Tür und sagte, das sei keine Art, so unversehens daherzukommen, er habe sich den Tag vorher anzumelden, und jetzt nähme ich ihn schon gar nicht an; ich mochte den unverschämten Kerl nämlich ohnehin nicht leiden. Ich dachte, meine Gnädige wäre vielleicht auch erst vor kurzem eingeschlafen und nun wieder geweckt, und da klingelte sie mir auch schon und fragte, wer draußen wäre. Ich sagte, der Kaminfeger, und daß ich ihn geschimpft und wieder weggeschickt hätte, und da lachte sie und sagte, es habe nichts zu sagen, sie würde schon wieder einschlafen, es sei ihr jetzt ganz wohl. Aussehen tat sie freilich, als wenn sie Fieber hätte, aber es blieb ganz ruhig bei ihr, und da ich um zehn Uhr wieder hereinschaute, lag sie ganz still da, und die Haare fielen ihr halb übers Gesicht. Ich ging leise heraus und beeilte mich, so gut ich konnte, und wie ich wieder da war, guckte ich wieder leise herein, und da lag sie mit offenen Augen und lächelte so friedlich und sagte: 'Sind Sie da, Urselchen, mir ist ganz wohl, ich habe gar keine Schmerzen mehr.' Sie sah auch wirklich ganz gut aus, obgleich sie tiefe Schatten wie breite, schwarze Bänder unter den Augen hatte, und wie ich sie so betrachtete, kam sie mir sonderbar vor und ich sagte: 'Gnädige Frau sehen so geheimnisvoll aus.' Meine Seele dachte aber nicht daran, daß das Geheimnis der Tod war, denn sonst hätte ich es ja nicht gesagt.«
»Was antwortete sie darauf?« fragte der Vorsitzende.
»Sie lächelte noch glücklicher als vorher und sagte: 'Das Geheimnis ist, daß unser Mingo mich besucht hat.' Mingo hieß unser Kind, das gestorben ist, und wir nannten es der Mingo, weil wir eigentlich bestimmt auf einen Buben gerechnet hatten.«
»Sie hatte also von ihrem verstorbenen Kinde geträumt,« sagte der Vorsitzende. »Erzählte sie Ihnen davon?«
»Natürlich,« sagte Ursula, »wenn sie von unserem Mingo geträumt hatte, sprach sie den ganzen Tag davon. Es war in einem offenen Wagen mit schönen schwarzen Pferden gekommen und hatte auf dem Rücksitz gesessen, so wie es sonst zwischen seinen Eltern saß. Ganz gerade und stolz hatte es dagesessen und ihr mit der kleinen Hand gewinkt, daß sie sich zu ihm setzen sollte, und plötzlich war es dann kein Wagen mehr gewesen, sondern eine Art Karussell oder Schaukel, und war nach einer wunderschönen Musik immer höher und höher geflogen. Es kam ihr so vor, als ob die Schaukel abgerissen wäre, und wie ihr bange wurde, sagte unser Mingo ganz ernsthaft: 'Halte dich nur an mir!' Darüber mußte sie lachen, daß das winzige Geschöpf seiner Mutter eine Stütze sein wollte, und wachte auf.
Zwischen dem Kochen ging ich immer wieder herein und schwatzte mit ihr von unserem Mingo, und dann brachte ich ihr das Mittagessen und setzte mich zu ihr und redete ihr zu, ordentlich zu essen, weil sie nämlich immer nur an allem nippte. 'Ach, Urselchen, lassen Sie mich nur, ich habe heute keinen Hunger,' sagte sie, 'gewiß kommt unser Bettler, der wird froh sein, wenn er so viel bekommt.' Es war nämlich Donnerstag, und am Donnerstag kam meistens ein alter Mann, der sagte, in der ganzen Straße gäbe es keine so gute Köchin, wie ich wäre, und so hatten wir immer allerlei Spaß miteinander. Indem sie das sagte, läutete es auch schon an der Tür, es war aber nicht unser Bettler, sondern ein anderer, so wie ein Slowak sah er aus, die Mausefallen verkaufen. Ich hatte ihm kaum aufgemacht, da klingelte meine Gnädige so stark, daß es mir ordentlich durch die Knochen fuhr, und wie ich hinlief, sagte sie, ob es der Doktor sei. 'Bewahre,' sagte ich, 'um die Zeit kommt der Doktor nicht, es ist ein Bettler.' 'Dann ist es gut,' sagte sie, 'ich wollte Ihnen nur sagen, daß Sie den Doktor heute nicht zu mir hereinlassen. Ich bin zu müde, um mich quälen zu lassen. Sie können ihm sagen, ich hätte eine schlechte Nacht gehabt und schliefe.'«
»Ist Ihnen das nicht aufgefallen?« fragte der Vorsitzende.
»Nein,« sagte Ursula erstaunt, »es ist auch gar nichts Auffallendes daran. Ich mußte manchmal den Doktor unter irgendeinem Vorwand fortschicken, zum Beispiel, wenn ich ihr gerade etwas Spannendes vorlas.«
»Haben Sie ihr auch an diesem Tage vorgelesen?« fragte der Vorsitzende.
Ursula schüttelte traurig den Kopf. »Dazu ist es nicht mehr gekommen,« sagte sie. »Nachdem ich meine Küche gemacht hatte wie alle Tage, fragte ich sie, ob ich ihr vorlesen sollte, oder ob sie möchte, daß Fräulein Schwertfeger käme. 'Nein,' sagte sie, 'Gundel kommt gewiß von selbst, wenn sie Zeit hat, und ich glaube auch, daß ich wieder einschlafen werde. Da können Sie zur Bank gehen und die Miete bezahlen, weil Sie gestern nicht dazu gekommen sind,' — es war ja der 2. Oktober — 'und auf dem Rückweg könnten Sie mir eine Flasche griechischen Wein mitbringen, ich habe solche Lust darauf, und der Doktor hat mir Wein erlaubt.' Dann trug sie mir noch auf, dem Hausmeister zu sagen, daß er auf den Abend heizte, damit ich nicht im Kalten säße, weil der Wind so stark auf meinem Fenster stand. Er hätte nämlich eigentlich schon am Ersten heizen müssen, aber der Mensch war ja so faul, daß er kaum die trockenen Blätter im Vorgarten zusammenfegte, und in den Keller gehen und heizen, das paßte ihm erst recht nicht. Wenn man ihn mahnte, hatte er immer einen Vorwand, weswegen er nicht dazu gekommen wäre. Er möchte lieber Heizer in der Hölle sein, als ein Hausmeister mit drei Häusern und achtzehn Parteien, von denen jede verschieden warm haben wollte; das war eine beliebte Redensart von ihm. Ich sagte also zu meiner Gnädigen, lieber wolle ich frieren, als daß ich mich mit dem Mehlwurm von Hausmeister einließe. Da lachte sie und sagte, nein, ich solle es ihm nur recht gefährlich ausmalen, wie kalt ich es hätte und wie böse sie auf ihn wäre. Und das waren die letzten Worte, die ich von ihr gehört habe.«