Dr. Zeunemann machte ein ernstes Gesicht und fragte streng:
»Entsinnen Sie sich, wer am 2. Oktober des vergangenen Jahres aus und ein gegangen ist?«
»Du lieber Himmel,« seufzte der Hausmeister, »wie soll ich das behalten, was bei uns täglich ein und aus geht! Stellen Sie sich vor, Herr Präsident, drei Häuser mit achtzehn Parteien, wobei ich mich noch gar nicht mal gerechnet habe; in dem einen sind vier Parteien, in den beiden anderen je sieben. Und wie geht es vollends Anfang Oktober zu, wo die eine Partei auszieht und die andere einzieht, und die Handwerker, die das mit sich bringt!«
»Gerade weil es besondere Tage sind,« beharrte der Präsident, »haben Sie sie doch vielleicht im Gedächtnis behalten. Auch der plötzliche Tod der Frau Swieter, die das am meisten zurückliegende Haus bewohnte, hat den Tag unter den anderen hervorgehoben. Als später der Ihnen bekannte Verdacht entstand, haben Sie doch sicher in Ihrem Gedächtnis nachgeforscht, wen Sie an jenem Tag aus und ein gehen gesehen haben.«
»Ich will tun, was ich kann, um Ihnen gefällig zu sein, Herr Präsident,« sagte der Hausmeister. »Der Kaminkehrer, der in der Frühe da war, wird Sie ja wohl nicht interessieren, und der Postbote ebensowenig, und die Handwerker ging das Haus von der Frau Swieter nichts an, weil nämlich in dem Hause kein Umzug stattgefunden hatte. An Bettlern hat es auch nicht gefehlt, und was das betrifft, so war die Frau Swieter selbst schuld daran. Die anderen Parteien beklagten sich über sie, daß sie die Bettler herzöge, weil sie ihnen immer etwas gäbe. Übrigens, mir hat sie auch immer jede Kleinigkeit ordentlich bezahlt, sie gehörte nicht zu denen, die meinen, unsereiner wäre dazu da, allen alles umsonst zu machen. Also konnte sie es mit den Bettlern schließlich auch halten, wie sie wollte. Sie sind ja auch einmal da und müssen in Gottes Namen zu ihrer Sache kommen.«
»Denken Sie gut nach,« sagte der Vorsitzende, »ob Sie zwischen vier und sechs Uhr nachmittags einen Bettler gesehen haben, einen, der Ihnen unbekannt war, der Ihnen auffiel!«
»Zwischen vier und sechs Uhr?« sagte der Hausmeister tiefsinnig. »Da schickte ich gerade meinen Jungen um eine Maß Bier in die Wirtschaft an der Ecke und wartete an der Gartentür, bis er wiederkam, und dann stellte ich die Maß auf die Treppe, um ab und zu einen Schluck zu nehmen. Indem kam gerade die Frau Hofrat im Parterre vom zweiten Hause und schimpfte, was sie wußte, daß ich nicht geheizt hatte, und ich sagte: 'Aber Frau Hofrat, bei dem schönen Wetter! Solches Wetter haben wir ja den ganzen Sommer über nicht gehabt, und das bißchen Wind wird Ihnen doch nichts machen, es ist ja Südwind,' und so weiter, bis sie es denn wahrscheinlich einsah und wieder fortging. Ja, und dann kam einer, der hatte wohl etwas gebracht, einen Hut oder Mantille oder dergleichen, denn er hatte eine Schachtel, wahrscheinlich für die Pension, da war damals so eine Modesüchtige; und dann kam der Ulkige. Der hatte mich erst gar nicht gesehen und wollte an mir vorbeilaufen, als ob ich ein Laternenpfahl wäre, und ich wich ihm absichtlich nicht aus, weil ich dachte, ich wollte doch sehen, ob er gegen mich anrennte. Da blieb er plötzlich dicht vor mir stehen und sagte: 'Haben Sie Feuer, Euer Gnaden?' und hielt mir eine Zigarette hin. Ich mußte lachen und zog meine Schwedischen heraus und machte ihm Feuer, und zum Dank nickte er ein bißchen und faßte an die Mütze. Ein Bettler war das aber nicht, er hatte allerlei zu verkaufen, Löffel und Quirle, die trug er an einem Strick an der Hand. Wie er eben aus der Türe gegangen war, warf er die Zigarette in das Fliedergebüsch an der Pforte, ob sie nun nicht brannte oder sonst nicht schmeckte, das weiß ich ja nicht, und ich wollte sie erst auflesen, aber dann dachte ich: Ach laß sie liegen, eine feine wird es doch nicht sein.«
»Können Sie eine genaue, zuverlässige Beschreibung dieses Mannes geben?« fragte der Vorsitzende.
»Nein, Herr Präsident,« sagte der Hausmeister, indem er lächelnd den Kopf schüttelte, als wollte er sagen, um in die Falle zu gehen, dazu wäre er doch zu schlau. »So gern ich Ihnen den Gefallen täte, damit will ich nichts zu tun haben. Ich glaube, daß er ziemlich lange, schwarze Haare hatte, und daß er sozusagen träumerisch dahergeschlendert kam. Und wenn Sie ihn da vor mich hinstellen würden, würde ich ihn ja auch wohl wiedererkennen. Aber ob nun sein Kittel grau oder grün oder braun war, und was er für Stiefel anhatte, und ob er Löcher in den Strümpfen hatte, und was dergleichen mehr ist, das könnte ich wahrhaftig nicht sagen.«
»Haben Sie gar nicht darüber nachgedacht, was für ein Mann das sein könnte?« fragte der Vorsitzende.