»Ich danke Ihnen, Herr Oberlandesgerichtsrat,« sagte der Baron, sich gleichfalls erhebend, »daß Sie uns in so rücksichtsvoller Weise gewarnt haben. Wir wollen Ihre kostbare Zeit nicht eine Minute länger in Anspruch nehmen!«
Auch die Baronin bedankte sich mit liebenswürdigen Worten und knüpfte die Bitte daran, von den barocken Einfällen ihrer Tochter nichts bekannt werden zu lassen.
In dem großen Vorsaal zu ebener Erde drängte sich das Publikum noch, so daß das Ehepaar nicht so schnell vorwärts kommen konnte, wie es wünschte.
Halb ärgerlich auf ihren Mann, der ihr nicht so oder so die Bahn frei machte, halb beleidigt durch die Menschen, die nicht von selbst vor ihr zurückwichen, stand die Baronin still, als plötzlich etwas sie bewog, den Blick zur Seite zu wenden, und sie ganz in ihrer Nähe das Gesicht eines Mannes sah, der sie, wie es ihr schien, mit zudringlichem Spott betrachtete. Indem sie sich zornig abwendete,[TN1] sah sie eine auffallende Nadel in seiner Krawatte, und es wurde ihr mit einem Male klar, daß der Mann Deruga war.
Ein Gefühl von Schwäche und Übelkeit überkam sie. »Warum gehen wir nicht weiter?« sagte sie heftig zu ihrem Manne, ihn am Arm vorwärts drängend. Er bemerkte ihre Gereiztheit, verdoppelte seine Anstrengungen, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen, und brachte sie in wenigen Minuten an das wartende Auto. Mit dem Ausdruck äußerster Erschöpfung warf sie sich in die Ecke des Rücksitzes.
»Hast du Deruga gesehen,« sagte sie zu ihrem Manne, der besorgt nach ihrem Befinden fragte, »und wie frech er mich anstarrte? Es ist unbegreiflich, daß man diesen Menschen frei herumgehen läßt. So schrecklich hatte ich ihn mir nicht vorgestellt.«
»Du hast ihn doch heute nicht zum erstenmal gesehen!« sagte der Baron verwundert.
»Ich erkenne niemand ohne Glas,« sagte sie gereizt, »das weißt du doch. Ich weiß nicht, wie ich mich von diesem Eindruck erholen soll. Ist es nicht unerhört, daß ich schutzlos der Rache dieses Mannes ausgesetzt bin? Ich werde mich keinen Augenblick mehr meines Lebens sicher fühlen.«
Was das anbelangt, meinte der Baron, könne sie ruhig sein; ein Angeklagter oder Verdächtiger sei immer vorsichtig.
»Und gewisse Menschen glauben immer das, was am bequemsten ist,« setzte sie hinzu.