»Was wollt Ihr, mein Herr!« entgegnen er zutraulich. »Einen Mord habe ich nicht begangen; soll ich zerknirscht sein, weil ich nach Maßgabe meines Verstandes über das Wunder des Daseins nachgedacht, oder etwa gar, weil ich einen unbedeutenden Witz über Seine Heiligkeit gemacht habe? Ich mache wohl auch einmal einen frechen Scherz über die höchsten Herrschaften im Himmel, die doch ehrwürdigere Häupter sind als der Papst, ohne daß ich mich deshalb der Sünde zeihe; denn was für Abbruch tut es ihrer Herrlichkeit, wenn ein Erdenwurm, ihnen fast unsichtbar, ein wenig daran zupft? Ich bin nur ein armer Schlucker, den man leicht des Lebens und der Ehre berauben kann, und bin doch den Richtern nicht böse, die mich täglich als einen blutdürstigen Raufbold und Rebellen traktieren.«

Der Kardinal, welcher inzwischen verlegen seine weißen Nägel betrachtet hatte, sagte, indem er eine ernste Miene annahm: »Die Gerechtigkeit des Heiligen Vaters bürgt dafür, daß Euch kein Leid widerfährt, wenn Ihr so schuldlos seid, wie Ihr behauptet. Hättet Ihr nicht durch Euren Mutwillen die Anwartschaft auf Gnade verscherzt, so möchte ich Euch raten, Euch mit Eurem Anliegen ganz zu den Füßen Seiner Heiligkeit zu werfen.« Da der junge Mann nicht sogleich antwortete, setzte Orazio im Tone wohlmeinender Überredung hinzu: »Würdet Ihr nicht wenigstens das leidige Gedicht, das Euch der Teufel eingegeben hat, zurücknehmen?«

»Warum nicht?« antwortete Lancelotto. »Am liebsten auch alle Gedichte Seiner Heiligkeit, wenn ich es könnte.«

Es war Don Orazio unmöglich, das Lachen zurückzuhalten; der Kardinal indessen spürte nur einen schwachen Anreiz zur Heiterkeit, da das Bewußtsein der Widerwärtigkeit seiner Lage in ihm fortwährend zunahm.

Wie der arme junge Mensch wahrzunehmen begann, daß der Besuch durch ein gewisses Interesse an seiner Befreiung veranlaßt war, färbte die erwachende Hoffnung seine blassen Wangen um einen Hauch röter, und durch sein vorher so gelassenes Benehmen zitterte verhaltene Unruhe. Ob es nicht wirksamer wäre, fragte er, indem er seine Blicke zwischen den beiden Herren hin und her gehen ließ, wenn seine Mutter sich an die Gnade des Papstes wendete? Sie würde alles tun, was ihn retten und ihn ihr wiedergeben könnte. Auf ihr Betreiben wären gewiß auch die beiden Herren mit so viel gütigem Anteil zu ihm gekommen.

Der Kardinal nickte und ließ einige Worte fallen, wie die Liebe der unglücklichen Frau zu ihrem Sohne nicht nachlasse, obwohl er ihr so schweren Kummer bereite.

»Nicht durch meine Schuld,« sagte Lancelotto frei und freundlich; »wäre ich aber noch so schuldig, so würde ich an ihrer Liebe doch nicht zweifeln; denn ich bin noch in ihrem Herzen, wie ich einst in ihrem Leibe war, und Gott selbst mit seiner Allmacht könnte mich nicht herausreißen.«

Während er dies sagte, hatten seine Augen sich gefeuchtet und waren dadurch glänzender und dunkler geworden, und den beiden Herren fiel es jetzt auf, daß diese Augen ungewöhnlich schmal und lang waren, so wie die älteren Maler die Augen der Cherubim und der verklärten Heiligen zu bilden pflegten. Das geisthaft Schwebende, spielend Süße, das ihnen eigen war, mochte dadurch bedingt sein, daß die kleinen Pupillen den irdischen Leidenschaften keinen Versteck zu gewähren und die Vielheit der bunten und veränderlichen Erdendinge nur von ferne spiegeln zu können schienen.

Inzwischen hatten die scharfsichtigen Augen Lancelottos erfaßt, daß die Herren doch nicht eigentlich darauf ausgingen, etwas Wirksames für ihn zu tun, und die frohe Welle der Hoffnung sickerte langsam wieder zurück. Wenn die Herren, sagte er nach einer Pause, einen Auftrag an seine Mutter übernehmen wollten, so möchte er sie bitten, ihr einen Büschel seiner Haare zuzustellen, der ihr als ein lebendiges Stück von ihm teuer sein würde. Ihm würde jedoch weder ein Messer noch sonst ein scharfes Instrument in die Hände gegeben, so daß er ohne ihre Hilfe nicht imstande sein würde, sich Haare abzuschneiden.

Der Kardinal zog ein mit Schmelz und farbigen Steinen verziertes silbernes Büchschen aus dem weiten Ärmel, worin ein kleiner Spiegel, eine Schere, ein Stückchen Wachs, eine Feile zum Glätten der Nägel und dergleichen enthalten waren, öffnete es und blickte unschlüssig hinein. Während er zögerte, bemächtigte sich Don Orazio der Schere und beugte sich über den Kopf des jungen Mannes, um den erforderlichen Schnitt zu tun, wobei er mit einer liebkosenden Bewegung in die ein wenig geringelten kastanienbraunen Haare griff.