Bei diesem Anblick fiel es dem Kardinal ein, daß die unglückliche Mutter in der Besinnungslosigkeit ihres Schmerzes gewimmert hatte: »Er ist ja noch ein Kind! Er hat Löckchen wie ein Kind!« und es berührte ihn überaus peinlich, die Klage mit eigenen Augen bestätigt zu sehen. Nachdem er sich leicht geräuspert hatte, sagte er, daß er Sorge tragen werde, das Andenken in die Hände der Mutter gelangen zu lassen, und daß er gern etwas tun würde, um die Lage des Gefangenen zu erleichtern. Ob er Wünsche in betreff des Essens habe? Oder womit ihm sonst gedient wäre?

Was das Essen angehe, sagte Lancelotto, so werde er durch seine Mutter beköstigt, die ihm mehr Leckerbissen vorsetzen lasse, als er bewältigen könne. Bücher, etwa ein Bändchen Gedichte, würden ihn wohl erfreuen, am liebsten würde ihm aber sein, wenn er einen Gefährten zugesellt bekäme, mit dem er ein wenig plaudern und lachen könnte. Dieser Gedankengang brachte ihn darauf, daß er seine Gäste, von denen namentlich der Kardinal augenscheinlich sehr niedergeschlagen und durch die trübselige Umgebung bedrückt war, bisher nicht eben gut unterhalten habe, und er begann ein munteres Geschwätz, wobei aus den schmalen Augen die unschuldige Schelmerei eines übermütigen Knaben blitzte. Er erzählte Schulstreiche aus dem geistlichen Kolleg, das er besucht hatte, von Lehrern und von dem Abt eines gewissen Klosters, der ihn als einen jungen Heiligen angesehen habe und noch immer darauf warte, ihn als Novizen eintreten zu sehen. Er habe den guten Mann oft besucht und sich im Kloster wohl gefühlt; aber lange halte er es in der Abgeschiedenheit nicht aus, dem Getümmel des Lebens zuzusehen, sei ihm die liebste Beschäftigung; je toller es um ihn her zugehe, desto stiller und behaglicher fühle er sich im Innern.

Dann sei die enge Zelle freilich nicht der rechte Aufenthalt für ihn, meinte Orazio teilnehmend; aber der junge Mann erwiderte, es sei immerhin so arg nicht, wie es den Anschein habe. Sein Fenster gehe auf den Hof, wo die zur Gefangenschaft Verurteilten sich zu gewissen Stunden ergehen dürften und untereinander handelten, lachten, lärmten und zankten, wie wenn Viehmarkt auf der Piazza Navona wäre. Zwischenhinein könne er schlafen, und schließlich befinde sich in einer nicht weit entfernten Zelle ein Untersuchungsgefangener, der eine so schöne Stimme besitze, daß man sich einbilden könne, schon im Paradiese zu sein, wenn man ihn singen höre.

Die Pause, die hierauf entstand, benutzte der Kardinal, um Lancelotto zu fragen, wie es denn in Hinsicht der Religion mit ihm bestellt sei. Ob er auf das Jenseits vorbereitet sei, oder ob er etwa von einem verständigen Geistlichen über den heiligen Glauben belehrt zu werden wünsche.

Der junge Mann schüttelte lachend den Kopf und sagten »Ich habe Augenblicke, wo der Glaube mich mitten in Gottes Schoß trägt, und ich habe Stunden, wo ich zweifle und denke, bis meine Gedanken an jenes schwarze Tor stoßen, das sie nicht durchdringen und übersteigen können. Das vermag kein Priester zu ändern, und ich möchte es auch nicht. Den Platz, der in der weiten Welt für meine Seele ist, werde ich erreichen; hat ja doch Gott dem Maultier eingepflanzt, bei Nacht den rechten Weg, und einer Katze, das Haus zu finden, wo sie hingehört. Die Herren müssen nicht um mich besorgt sein, noch soll meine Mutter sich um mich grämen. Soll ich sterben, so muß ich durch ein paar bittere Stunden hindurch, die ebenso schnell vorübergehen werden wie manche andere, die ich auch überstanden habe. Wie wohl wird mir aber hernach sein, wenn mir Gott einen Anteil an der himmlischen Vollkommenheit gewährt. Dann werden meine neugemachten, allgegenwärtigen und allwissenden Augen auf die Verwirrung und das Händeringen und Zähnefletschen der Menschen hinuntersehen und lachen, daß ich auch einmal mitten dazwischen war und von armseligem Schlachtvieh zum Tode verurteilt und auf das Schafott geschleppt wurde.« Sein frischer feuchter Mund lächelte dabei mit besonderer Lieblichkeit, die man kaum wehmütig nennen konnte, weil sie allzu unbefangen war.

Als die beiden Herren die Zelle verlassen und der Wärter die Tür abgeschlossen hatte, winkten sie diesem, daß er nunmehr entlassen sei, und gingen langsam den Gang hinunter. Der Kardinal tupfte sich mit dem Taschentuch und sagte, es sei jammerschade, daß ein solcher Knabe so zu Falle gekommen sei. Was sei da zu machen? Der Mord könne schließlich nicht ungestraft bleiben, er sähe keinen Ausweg.

»Ein allerliebster Junge,« sagte Don Orazio nachdenklich, »und scheint durchaus nichts Strafwürdiges begangen zu haben. Ich hätte Lust, mich seiner anzunehmen und ihn den Krallen dieses gottvergessenen Tribunals zu entreißen, wenn sich nur ein zweckmäßiger Weg dazu finden ließe.«

»Mir fehlt der Mut, mich vor Olimpia sehen zu lassen, wenn ich keine Hoffnung bringe,« fuhr der Kardinal bekümmert fort. »Und wie, wenn ich gar die Mutter mir vor Augen stelle! Ohnehin werde ich diese Frau nie mehr vergessen können, die aussah, als ob sie tausend Jahre gelebt und Schmerzen gelitten hätte. Sie sah aus wie ein verwitterter Stein, und wenn sie zu weinen und zu schreien anhub, so war es, wie wenn ein Berg sich bewegte und Feuer auswürfe.«

»So, so,« sagte Don Orazio, »ich hatte sie mir als ein anmutiges Weib vorgestellt mit süßen Lippen und zärtlichen Augen.«

Ohne diesen Einwurf zu beachten, ging der Kardinal in seinen Betrachtungen weiter: »Was man ihr auch sagen mochte, sie schrie: ›Mein Kind, das ich geboren habe! Mein Paradiesvogel! Meines Herzens Herz! Mein Eingeweide! Es ist mein, ich muß es wiederhaben!‹, als ob das Gründe wären, mit welchen sich etwas durchsetzen ließe.«