»Das ist«, fiel Don Orazio ein, »wie alle Frauen sind. Die setzen ihren Eigenwillen der offenkundigen Notwendigkeit entgegen und lassen sich durch Vernunft nicht belehren.«

Der Kardinal nickte verständnisvoll und nahm Anlaß, in behutsamen Andeutungen über die Launenhaftigkeit der Donna Olimpia zu klagen, die sie in letzter Zeit wie eine Krankheit überfallen habe, während sie sonst liebevoll und verträglich wie ein Engel gewesen sei. Was ihr sonst eine willkommene Zerstreuung gewesen sei, gefalle ihr nicht mehr, sie liebe Einsamkeit und trübe Gedanken, und die Verzweiflung jener unglücklichen Tante vermehre ihren Tiefsinn. Sie werde es ihn entgelten lassen, wenn der Prozeß des jungen Mannes übel auslaufe, als wenn er etwas dazu zu tun vermöge; so sähe er einer unfrohen Zukunft entgegen. Da würde es das beste sein, meinte Orazio, die launische Dame zu meiden und bequemere Gesellschaft aufzusuchen; allein der Kardinal sagte, die Frau habe sich doch um ihn verdient gemacht, und er halte sich verpflichtet, nun, da sie offenbar krank und des Beistandes bedürftig sei, bei ihr auszuharren. Er war beschämt, indem er dies sagte, denn er fühlte, daß sein Freund seine Worte für eitel Ausflucht und ihn für einen verliebten Toren hielt.

Als die Freunde, in dies Gespräch vertieft, in dem breiten und kahlen, widerhallenden Gange auf und ab gingen, vernahmen sie plötzlich den Gesang einer Männerstimme und blieben augenblicklich, von dem Glanz derselben betroffen, stehen. Es war ein Volkslied, das mit so viel Kraft und Sicherheit gesungen wurde, als ob es von der Bühne eines großen Theaters her tönte, und mit so viel Leidenschaft, als gälte es, ein zauderndes Mädchen zu einer Entführung willig zu machen. Mazzamori und Orazio sahen einander, vor Staunen und Vergnügen errötend, an, und als der Sänger dem Abschluß einer Strophe eine Kadenz folgen ließ, hielten sie den Atem an, besorgt, ob die schwindelnde Figur auch zu einem glücklichen Ende gebracht würde.

Während der Dauer des Liedes näherte sich ein wachehabender Soldat und machte Miene, dem Sänger Schweigen zu gebieten, wie das den Vorschriften des Gefängnisses entsprochen hätte, trat jedoch willig zurück, als die beiden Herrschaften ihm einen Wink gaben, sich ruhig zu verhalten. Diesen riefen sie heran, sowie das Lied zu Ende war, um Auskunft über die Wundererscheinung zu erhalten. Der Sänger sei ein Bauer, meldete der Soldat, dem wegen mehrfachen Mordes der Prozeß gemacht werde; er sei ein wilder und böser Kerl, der den Mund nur zum Fluchen öffne, aber der unerforschliche Gott habe für gut befunden, ihn mit einer Stimme zu begnaden, wie kein Engel der himmlischen Heerscharen sie herrlicher besitzen könne. Niemand habe den Mut, ein solches Wunder der Natur zu unterdrücken, darum ließe man ihn singen, womit auch der Direktor einverstanden sei, der manchmal selbst, wenn er in der Nähe sei, stehenbleibe, um zuzuhören.

Ob man ihn nicht veranlassen könne, weiterzusingen? fragte Don Orazio. Nein, sagte der Soldat, wenn man ihn um etwas bäte, würde er es deswegen unterlassen, weil er bösartig und mißtrauisch sei. Es könne ein Tag vorübergehen, ohne daß er die Stimme erhebe, andere Male höre er stundenlang nicht auf; das sei von seiner Laune abhängig.

»Ich kann mich nicht begnügen, von der Stelle zu gehen, ohne ihn noch einmal gehört zu haben,« sagte Don Orazio, »sonst würde ich morgen wähnen, daß mich meine Einbildungskraft geneckt hätte.«

Auch der Kardinal zeigte sich nach einer Wiederholung des Genusses begierig. Sie erwogen eben, ob sie nicht dennoch versuchen sollten, den Gefangenen zu einem Vortrage zu bewegen, als der Gesang von neuem begann, um sie nicht minder als der erste zu entzücken.

»Ich habe einen Tenor wie diesen noch nie in meiner Kapelle besessen,« sagte Don Orazio.

Der Kardinal stimmte ihm bei; er habe zwar die unvergleichliche Schulung des berühmten Mignotta nicht, die Unfehlbarkeit des Ansatzes und die Gleichmäßigkeit des Organs beim An- und Abschwellen des Tones, aber an Kraft, Schmelz und Süßigkeit lasse er alle anderen hinter sich. »Ich würde jederzeit«, so schloß er, »eine Stunde lang auf einem Beine stehen, um ein solches Konzert in mich aufnehmen zu können.«

»Mein Freund,« sagte Don Orazio, »ich habe keine Ruhe, bevor ich nicht Näheres über diesen Mann erfahren habe; begleite mich augenblicklich zum Direktor, damit wir Schritte tun können, um uns dieser Kostbarkeit zu versichern.«