Alle blieben betroffen, nur Herr Engelbert lächelte und sagte, indem er seinen schlanken blassen Zeigefinger über den Tisch auf des Druwels Brust zu bewegte: »Habt Ihr denn den Gockel Eier legen sehen?« Der Druwel rollte erstaunt seine Augen hin und her und sagte endlich aufatmend mit großer Erleichterung: »Wenn ich es recht bedenke, so habe ich gar nichts gesehen.« »Nun, so könnt Ihr aussagen, was Euch beliebt, ohne Euer Gewissen zu verstricken,« sagte der Rechtsgelehrte, »und die Wahrheit wird uns so wenig schaden wie Euch die Lüge.« Jetzt brachte der Bürgermeister noch ein Bedenken vor, nämlich, daß es doch etwa besser gewesen wäre, das Tier abzutun, denn wenn es in der Untersuchung peinlich mit Schrauben und Drehen behandelt würde, könnte es durch einen unglücklichen Zufall doch noch Eier legen, wodurch sie dann ohne Verschulden häßlich bloßgestellt sein würden; allein der Druwel winkte heftig mit beiden Armen Schweigen und rief: »Redet mir nicht mehr von dem verfluchten Viehzeug. Laßt mich über die ganze Sache im Dunkeln, daß ich so wenig davon weiß wie von der unbefleckten Empfängnis Mariä! Eure gelehrte Spitzfindigkeit, Herr Engelbert, mögt Ihr vor dem Tribunal entfalten, einem einfachen Kriegsobersten wird dadurch nur der Verstand verwirrt. Schenkt nur ein und füllt mir den Teller, denn vorher hat sich mir jeder Schluck und Bissen in Galle verwandelt.«

So begann der Druwel das Festmahl von neuem, nachdem die übrigen bereits abgespeist hatten, und es ergab sich ein lautes Pokulieren bis in die späte Nacht, wobei die Herren zum voraus ihren Sieg feierten und beredeten, wie sie den alten Zustand wieder einführen, den Zünften einen Denkzettel anhängen und die reformierte Sekte hinausbefördern wollten, am liebsten durch Feuer und Wasser, aber aus Mildherzigkeit und anderen Gründen durch Verbannung, nachdem die Rädelsführer auf dem Markte wacker ausgestäupt wären.

So plauderten die Herren beim Weine, indessen von weitem greuliche Wetterwolken gegen sie dahergefahren kamen. Der Pfarrer Splitterchen war ein unerschrockener und vorwitziger Mann, und da er nun verklagt wurde, die Herrlichkeit des Bürgermeisters gröblich verleumdet zu haben, als ob er ein Zauberer und Heide sei, dermaßen, daß er einen eierlegenden Hahn auf dem Hofe hege, war ihm keinerlei Beschämung oder Kleinmut anzumerken, im Gegenteil, er trat noch dreister auf als sonst und führte eine ganze Sippe seinesgleichen mit sich, die sich gebärdeten, als wollten sie den Fürsten Beelzebub vom Throne stoßen und die betrogene Welt vom Schwefelstanke räuchern. Er war annehmlich von außen, kraushaarig und mager, mit so feurigen Augen, daß es zischte, wenn er sie umherwarf, dazu voll loser Worte, die wohlgezielt geflossen kamen wie ein Wasserguß, womit man kranke Gliedmaßen bearbeitet. Er hatte auch einen rechtsgelehrten Beistand mitgebracht, den er aber nicht an die Rede gelangen ließ und also füglich hätte daheim lassen können, wenn er nicht in seinem breiten schimmeligen Gesichte ein giftgrünes Lächeln versteckt gehabt hätte, das zuweilen anzüglich herausspritzte und die Gegner zu ihrem großen Schaden und zum Vergnügen der anderen Partei besabberte. Außerdem waren eine Reihe von Zunftvorstehern und einige von der Kaufmannschaft gekommen, welche aus alten Briefen ihr Recht erwiesen, einer solchen Verhandlung beizuwohnen, während die Ratsherren lieber unter sich geblieben wären.

Der Richter, welcher den Vorsitz führte, mit Namen Tiberius Tönepöhl, hielt es im Herzen mit den Reformierten und freute sich, wenn den Katholischen etwas aufgemutzt werden konnte, aber er hatte gleichsam einen Pakt und Blutsbrüderschaft mit der Gerechtigkeit abgeschlossen, wonach sein eigener Trieb so wohl eingepfercht war, daß er nicht einmal die Schnauze durch die Gitterstäbe zu stecken wagte; anstatt dessen war die göttliche Themis bei ihm behaust und weissagte aus seinem Munde heraus, bis auf einige Mußestunden, wo das Behältnis einmal aufgetan wurde und das Herz sich ein wenig tummeln und verschnaufen durfte. Unter den beisitzenden Richtern befanden sich auch ein katholischer und ein evangelischer Pfarrer, da die Sache ebensosehr geistlicher wie weltlicher Natur sei. Tiberius Tönepöhl bot zwar den Übergriffen der Kirche die Stirn, ließ ihr aber andererseits das ihrige zukommen und betonte, wenn Gelegenheit war, daß er als ein Laie von den religiösen Mysterien nichts wisse noch wissen wolle, und jede Konfession ihre Ketzer verbrennen lasse, soviel ihr zustehe, aber nicht ein Titelchen mehr.

Tönepöhl eröffnete die Verhandlung damit, daß er sagte, er tue es nicht ohne Bedauern und Schamgefühl, daß ein hochangesehener Mann, wie der Bürgermeister und beinahe die höchste Person im Gemeinwesen, öffentlich eines solchen Greuels habe geziehen werden können, wie es sei, einen Hahn zu besitzen, der Eier lege. Das wären anrüchige Dinge, die einen auf den Scheiterhaufen bringen könnten, wenn er die geistliche Gerichtsbarkeit recht einschätze, der er übrigens nicht vorgreifen wolle. Was man auch sonst für Grundsätze haben möge, jeder müsse zugeben, sich mit dem Teufel einzulassen, sei das Laster aller Laster, wie der Teufel der Vater aller Sünde sei, und die Verehrung der von Gott angeordneten natürlichen Leibesvorgänge deute auf einen Auswuchs oder Monstruosität des Gewissens, die doppelt abscheulich an einer Regierungsperson sei, die den Untergebenen beispielsweise in fleckenloser Tugend voranleuchten solle. Er hoffe aber, es werde dem Herrn Bürgermeister gelingen, sich von dem peinlichen Verdacht zu säubern, und wenn der Pfarrer Splitterchen etwa jetzt schon fühle, daß er in seinen Behauptungen zu weit gegangen sei, so möge er dieselben sogleich zurücknehmen, was doch besser sei, als hernach wie ein Ehrabschneider dazustehen. Verleumdung sei von Moses in den zehn Geboten gerügt und sicherlich ein Haupt- und Grundlaster, das scharf geahndet werden müsse, und das vorzüglich Geistliche sich nicht sollten zuschulden kommen lassen. Man wisse ja wohl, daß die Besorgnis um das Heil des Gemeinwesens Splitterchen veranlaßt habe, von dem berüchtigten Hahn zu reden; um so mehr könne er ja zugestehen, daß eben diese feurige Liebe des Guten zu seiner Vaterstadt ihn hingerissen habe, etwas als Tatsache hinzustellen, was eine zunächst nur unsicher begründete Vermutung sei. Es sei freilich tadelnswert, überhaupt nur Anlaß zu einem so gräßlichen Verdacht gegeben zu haben, aber man müsse bedenken, daß einer dem Rechte nach auch des Teufels Buhle sein könne, solange es ihm nicht nachzuweisen sei, und so solle sich niemand aufopfern, indem er auf eine Wahrheit poche, die nicht ans Licht zu bringen sei. Er fordere also pflichtgemäß den Pfarrer auf, seine Unterschiebungen zurückzunehmen und dem Herrn Bürgermeister frei zu gestehen, was zu gestehen sei; da sonst der Augenblick gekommen sei, wo die Gerechtigkeit ihre eisernen Füße aufheben und losmarschieren und ohne Ansehen der Person den Schuldigen zermalmen werde.

Sogleich erhob sich der Pfarrer mit einer Handbewegung gegen seinen Rechtsbeistand, Augustus Zirbeldrüse, des Bedeutens, er möge sich wegen einer solchen Kleinigkeit nicht bemühen, und sagte freimütig, daß er den heidnischen Unfug im Hühnerstalle des Herrn Bürgermeisters bisher nur leichthin angedeutet habe, damit der Herr Bürgermeister einlenken und die Schweinerei zudecken könne und das Gemeinwesen nicht dadurch verseucht werde. Er befasse sich nicht damit, die katholische Kirche anzutasten und die Obrigkeit zu unterwühlen, teils aus natürlicher Friedfertigkeit, und dann auch, um den Herrn Stadthauptmann, dem er wie jedermann treu ergeben sei, nicht zu verstimmen, von dem man wisse, daß er in herzlich vertraulichen Beziehungen zum Herrn Bürgermeister und seiner Familie stehe, so sehr, daß er gewissermaßen mit ihm verschwägert sei. Aus diesen Gründen habe er seine Entrüstung hintangesetzt und zartsinnig geschwiegen, soweit es mit seiner Pflicht vereinbar gewesen sei. Ob er ruhig hätte zusehen sollen, wie diejenigen, die Gottes Gebote in den Staub, ja in den Dreck träten, mächtig am Steuer säßen, während die guten Handwerker und Bürgersleute, die ihre in Zucht und schlichter Frömmigkeit erworbenen Eier verzehrten, das Maul halten und unter jeder Willkür sich ducken müßten? Er habe trotzdem geschwiegen, solange er es vermocht habe; nun aber der Bürgermeister ihn nicht verstehen wolle, sondern trotzig gegen ihn vorrücke, um ihm eine Grube zu graben, der offen und redlich an ihm gehandelt habe, wolle er denn das aufgeklebte Blatt von Pietät und Rücksicht vom Munde reißen und die Wahrheit herauslassen.

Bei den Worten des Pfarrers, die Beziehungen des Stadthauptmanns zum Hause des Bürgermeisters betreffend, lächelte sein Rechtsbeistand Augustus Zirbeldrüse, so daß sein Gesicht einem auseinanderlaufenden Käse ähnlich wurde, und gab ein leises Pfeifen von sich, das die Zuhörer kichern machte und ein erwartungsvolles Schweigen im Saale verbreitete.

Tile Stint, der nicht bemerkt hatte, woher das Pfeifen kam, sah sich erschrocken und ein wenig verlegen um in der Meinung, es sei einem aus Versehen entwischt und als eine Unschicklichkeit peinlich, und er räusperte sich, um zu antworten und zugleich den kleinen Zwischenfall zuzudecken. Allein von Würmling drehte den Kopf ein wenig nach ihm und sagte, ohne die Augenlider von den Augen zu heben, er sowohl wie der Bürgermeister wären recht neugierig, die Wahrheit kennenzulernen, die nun sollte vorgeführt werden. Dieselbe sei als ein sprödes Frauenzimmer bekannt, die viele Propheten und Potentaten vergebens um sich habe freien lassen, Herr Splitterchen dürfe also billig stolz sein, daß er es einer so wählerischen Person angetan habe. Freilich sei er ein verdienstlicher Mann in den besten Jahren und brauche sich als ein Reformierter auch um das Zölibat nicht zu kümmern.

»Zunächst«, antwortete der Pfarrer keck, »sollen einmal die Kränzeljungfern und Brautführer antreten, zum Schlusse werde ich dann die Braut zum Altare führen.«

Da begannen denn die Zeugen hervorzuströmen; es war, wie wenn die Schleuse eines starken Stromes aufgemacht wird. Zuerst kam die Köchin Molli, welche das Sacktuch an die Augen drückte und vor Schluchzen nicht reden konnte, worauf Tiberius Tönepöhl sie einige Minute weinen ließ, sodann sie gelinde tröstete, dann sachte zu fragen anhub, wie sie heiße, wie lange sie beim Herrn Bürgermeister im Dienst sei, und ob sie mit seinem Hahn jemals etwas zu schaffen gehabt habe. Bei Erwähnung des Hahnes fing die Molli, welche sich eben ein wenig erholt hatte, von neuem zu weinen an und sagte nach erneuerter Tröstung, daß sie die Bestie einige Male habe abstechen wollen, daß aber der Herr Bürgermeister solches verhindert habe, weil er zäh und nicht schmackhaft sein würde. Hier wurde das Verhör durch Augustus Zirbeldrüse unterbrochen, der sich aufnotierte, daß der Hahn, weil zäh, vermutlich sehr alt sei, und die Molli fragte, wie lange er sich schon im Hause des Bürgermeisters befinde.