Auf die Frage des Vorsitzenden, warum sie die Bestie habe abstechen wollen, besann sie sich eine Weile und sagte, daß es so Sitte sei, von Zeit zu Zeit das Federvieh abzuschlachten, bevor es zu alt sei, da sie ja auch dazu da wären und immer junge nachwüchsen; wurde aber ermahnt, sich an die Wahrheit zu halten und auch ihres Eides erinnert, da sie unzweifelhaft ein tieferliegender Grund zu der sonst nicht gewöhnlich an ihr scheinenden Mordlust bewogen haben müsse. Dies Zureden beängstigte die Köchin, und sie gab errötend zu, daß sie in der Tat dem Hahne gram gewesen sei, da er eine häßlich kreischende Stimme habe, von der sie oft vor Tage geweckt sei. Wegen der Eier sagte sie aus, daß zwar letzthin mehrere Eier durch eine sonderlich rote Farbe und Ausdehnung des Dotters ihr Bedenken gemacht hätten, daß sie aber den Hahn niemals beim Eierlegen betroffen habe, und daß sich etliche Hühner im Hühnerhofe befänden, denen die vorkommenden Eier ihrer Zahl und Beschaffenheit nach wohl zugeschrieben werden könnten.
Der Vorsitzende ging nun dazu über, die Molli zu fragen, ob im Hause des Bürgermeisters viel Eier verbraucht, und ob sie im Familienkreise oder mit Gästen genossen würden, und als sie das letztere bejahte, wer die Gäste wären und wie sie sich aufführten. Hierüber wurde Molli zornig und sagte, daß zu den Gästen der Herr Stadthauptmann und der Herr Druwel von Druwelstein gehörten, und daß diese von niemandem Lehren über ihr Betragen anzunehmen brauchten, und daß sie, obwohl sie nur eine Köchin sei, Bildung genug besitze, um zu wissen, daß es ungehörig sei, solche Fragen stellen, auf welche sie nicht antworten würde. Tönepöhl, welcher infolge seiner Gerechtigkeit sich niemals ereiferte, sagte: »Liebes Kind, mir mußt du Rede stehen, als ob ich dein Beichtvater wäre, sollte ich dich auch noch unziemlichere Dinge fragen, als diese waren,« worauf Augustus Zirbeldrüse mit quiekender Stimme einfiel, ihm stehe das Recht zu fragen nicht minder zu, und er wolle denn auch gleich wissen, wie lange die Gesellschaft gemeinhin bei Tafel gesessen habe, auf welche Weise Molli die Speisen, insbesondere die Eierspeisen zubereitet, und ob die Frau Bürgermeisterin dabei geholfen habe. Die eingeschüchterte Molli erzählte, wie einmal der Herr Bürgermeister mit eigenen Händen die Eier zerklopft habe, überhaupt zuweilen in die Küche gekommen sei und ihr zugesehen habe. Bei diesen Worten hob Zirbeldrüse seinen dicken Kopf ein wenig aus den Schultern und machte Kikeriki, was er halb krähend, halb flötend überaus scherzhaft zuwegebrachte, um so mehr, als er sein Gesicht dabei kaum bewegte und es schien, als ob der Hahnenkraht wie ein Lebewesen eigenwillig aus seinem Munde stiege. Nachdem der Pfarrer noch gefragt hatte, ob der Herr Bürgermeister das Tischgebet spräche, und ob in seinen Gemächern Heiligenbilder ständen oder hingen, wurde Molli entlassen, von den wohlwollenden Blicken Tönepöhls und Zirbeldrüses begleitet.
Tile Stints übrige Diener sagten aus, daß sie freilich den Hahn nicht hätten Eier legen sehen, daß er aber etwas Widriges an sich habe und sie ihm wohl allerlei Unrichtiges zutrauten; ferner, wie oft der Stadthauptmann zu Besuch gekommen sei, wie oft der Herr und die Frau Bürgermeister zur Kirche gegangen seien, daß sie keine Kinder hätten und woran dies etwa liegen könne, was für Aufwand sie trieben, wieviel Röcke, Unterröcke, Pelze und Hauben die Bürgermeisterin hätte, daß sie alle ihre Bezahlung reichlich und pünktlich erhielten und auch sonst, was ins Haus käme, auf den Heller bezahlt würde.
Danach kamen die Freunde des Hauses, zuerst der Druwel, der sich vorher mit einem Becher starken Weines Mut getrunken hatte und deshalb mit gläsernen Augen und blauroten Backen daherkam, so daß ein mißfälliges Murmeln durch die Reihe der Zunftvorsteher lief. Er hatte indessen doch zu wenig getrunken und es wollte ihm mit dem Schwören durchaus nicht glücken; der Schweiß trat ihm tropfenweise auf die Schläfen, und er mußte um einen Stuhl bitten, wobei er sein Alter, die Gicht und die ausgestandenen Feldzüge vorschützte. Wegen des Hahnes wollte er sich von vornherein entschuldigen, daß er durchaus nichts davon wisse und verstehe, überhaupt ein einfacher Kriegsmann sei; allein der Vorsitzende erklärte ihm lächelnd, daß er nur auf jede einzelne Frage der Wahrheit gemäß antworten müsse, und da wurde er denn freilich ärger bedrängt, als er sich hatte träumen lassen. Bald hatte er zugegeben, daß Frau Armida den Hahn habe umbringen wollen, daß sie durch unüberwindliche Abneigung dazu angetrieben worden sei, und daß der Bürgermeister sie daran verhindert habe. Vollends aber machte es jedermann stutzig, daß es der Frau Armida trotz ihres festen Willens nicht gelungen war, den Hahn zu töten, was nach der Aussage mehrerer Sachverständiger, die sogleich herbeigerufen wurden, kein schweres Geschäft sei, sondern durch Halsumdrehen von jedem Kinde könne bewirkt werden. Bei dieser Gelegenheit erhob sich Zirbeldrüse und verlangte, daß die Köchin Molli noch einmal vorgeladen werde, damit man erführe, ob es bei Bürgermeisters üblich gewesen sei, das Geflügel durch Steinewerfen zu töten, widrigenfalls es sehr auffallend und belastend sei, daß Frau Armida sich zu einer so mühsamen und umständlichen Beförderungsart entschlossen habe.
Tönepöhl, der Vorsitzende, war mit dieser Wendung unzufrieden, weil er bemerkt hatte, daß Zirbeldrüse auf Molli eine ebenso große Zuneigung geworfen hatte wie er selbst, und zum Anwachsen eines solchen Gefühls keine Gelegenheit bieten wollte, zumal er auch fand, daß zu dergleichen verliebten Einfädelungen das Gericht in seiner Würde der Ort nicht sei, und lehnte daher ab mit der Begründung, ein jeder habe sich aus den Tatsachen, die Druwel von Druwelstein beigebracht habe, genugsam seine Meinung bilden können; denn wenn die Frau Bürgermeister häufiger Hühner durch Steinwürfe getötet habe, beziehungsweise habe töten wollen, so würde es ihr entweder bei dem Hahne besser gelungen sein, oder sie würde es wegen der Ergebnislosigkeit für den gemeinen Gebrauch längst aufgegeben haben. Während sich alle über den Scharfsinn des Tönepöhl wunderten und freuten, ärgerte sich Zirbeldrüse dermaßen, daß er grün anlief, und es bildete sich verdeckterweise eine grimmige Feindschaft zwischen beiden, die sich nun als Nebenbuhler erkannten.
Der Druwel wurde noch mehrere Stunden lang ausgefragt, erstens über das Verhältnis des Stadthauptmanns zum Bürgermeister, über des letzteren kirchliche Gewohnheiten, ob er die Fasten halte, ob er zuweilen Ablaß kaufe, dann aber auch über seinen eigenen Lebenswandel, wieviel Wein er im Keller habe, ob er schon einmal Lotto oder Würfel gespielt habe und dergleichen mehr, so daß er, zu Hause angekommen, sich auf der Stelle zu Bette legte und nicht mehr zum Aufstehen zu bewegen war.
Nachdem alle Freunde des Bürgermeisters sowie alle Händler, die ihm Waren lieferten, und alle Ratsangestellten vernommen waren, kamen zum Schlusse noch ein Nachtwächter, welcher den Hahn des öfteren zur unrichtigen Zeit, nämlich um Mitternacht statt um drei Uhr, hatte krähen hören, und ein Dieb, welcher vor etwa einem Jahre in einem dem Bürgermeister benachbarten Hause hatte einbrechen wollen und jetzt seine Strafe im Gefängnis verbüßte. Dieser sagte aus, daß in jener Nacht alle Fenster im Hause des Bürgermeisters erleuchtet gewesen wären und ein großer Schall von Bankettieren in den Garten und auf die Straße gedrungen wäre, daß es einen recht gotteslästerlichen Eindruck auf ihn gemacht habe und er in Zweifel gefallen sei, ob er sein Vorhaben ausführen solle, da doch nebenan so viele Menschen wach wären. Er wäre aber doch dabei verblieben, weil er sich gesagt hätte, daß in einem solchen Taumel und Hexensabbat keiner auf sein gelindes Wesen merken würde, wie es denn auch wirklich geschehen sei, so daß alles gut herausgekommen wäre, wenn nicht im Hause, wo er es vorhatte, die Leute durch ein schreiendes Kind auf ihn aufmerksam geworden wären.
Hiermit, sagte der Vorsitzende, könne man wohl das Zeugenverhör schließen. Es hätten sich zwar noch an hundert gemeldet, die merkwürdige Dinge über den Bürgermeister und ihn Betreffendes vorzubringen versprächen, er glaube aber, es sei nun übergenug Stoff gesammelt, daraus man sich ein Urteil bilden könne, und er wolle es dabei bewenden lassen damit der Prozeß doch einmal zu Ende käme und auch übrigens wieder Gerechtigkeit gepflegt werden könne. Etwa käme es noch in Frage, ob man den Stadthauptmann vorladen solle, was er als ein tapferer und gerechtigkeitsliebender Mann ohne weiteres tun würde, wenn dadurch mehr Licht in eine vorhandene Dunkelheit gebracht würde. Er seinerseits sähe aber hell genug, womit er indessen den anderen Richtern oder dem Kläger und Beklagten nicht vorgreifen wolle. Da niemand in betreff des Stadthauptmanns etwas wünschte, wollte oder meinte, erteilte am folgenden Tage der Vorsitzende dem von Würmling das Wort, damit er die Klage seines Klienten noch einmal kurz und faßlich begründe.
Herr Engelbert, der während der Zeugenvernehmung meist das blasse spitzbärtige Gesicht in die schlanke Hand gestützt dagesessen hatte, als ob er schliefe oder an etwas anderes dächte, öffnete die Augen ein wenig und setzte auseinander, daß der Pfarrer überhaupt höchst unbefugterweise auf der Kanzel etwas gegen den Herrn Bürgermeister vorgebracht hätte, da den Reformierten das Predigen nur unter der Bedingung gestattet wäre, daß sie sich in allen Stücken ruhig und gehorsam verhielten und weder durch Tat noch durch Wort sich gegen eine hohe Obrigkeit aufsässig zeigten, welches zu beweisen er mehrere Erlasse aus vergangener Zeit vorlas. Auch gab er einen schönen Abriß der Verfassung und der Rechte von Bürgermeister und Ratsherren, welche die Untertanen zu nichts anderem als zu schuldigem Gehorsam verpflichteten, der durch den Pfarrer gröblich verletzt war, und gab verschiedene Beispiele, wie in vergangener Zeit vorwitzige Gesellen wegen loser Worte enthauptet oder gevierteilt wären, welches zu beweisen er wiederum einige Abschnitte aus den Büchern der Stadt vorlas. Da es nun den Untertanen und den reformierten Pfarrern insbesondere verboten sei, der Obrigkeit etwas Schmähliches vorzuhalten oder nachzusagen, selbst wenn es wahr wär, so sei es über allen Ausdruck verbrecherisch und gemeingefährlich, wenn dasselbe erfunden und erlogen sei; und das sei eben hier der Fall. Der Bürgermeister sei über sechzig Jahre alt und in Ehren ergraut, habe öfter kommuniziert und gebeichtet, sich niemals gegen die Kirchenzucht verfehlt und wanke dem Grabe zu, so daß es jeden rühren müsse, und es sei von vornherein widersinnig, einen solchen Mann mit verdächtigem Teufelswerk in Verbindung zu bringen. Die Hauptsache sei aber dies, daß das Eierlegen des Gockels nimmermehr als bewiesen zu erachten sei, da er weder von irgend jemand dabei betroffen sei noch auch vor versammeltem Gerichtshof eine Probe seiner Unnatur abgelegt habe.
»Ei,« rief der Pfarrer aufspringend, »da möchte wohl jeder Kirchenschänder und Muttermörder frei ausgehen, wenn die Richter an seine Übeltat nicht glaubten, bis er sie in ihrer Versammlung als ein Schauspiel vorgestellt hätte! Ist die Natur dieses Basilisken nicht genugsam durch die hundertfachen Aussagen so vieler argloser Menschen dargetan? Hat nicht eine unverdorbene Jungfrau, die Köchin Molli, aus deren tränenden Augen abzulesen war, wie ungern sie wider ihren Brotherrn zeugte, ihren unüberwindlichen Abscheu vor der heillosen Bestie gestanden? Haben nicht alle, die mit ihm in Berührung kamen, wes Alters, Standes und Geschlechtes sie waren, dasselbe unerklärliche Gefühl des Grauens, gleichsam einen inneren Warner, im Herzen gespürt? Hat nicht die Bürgermeisterin selbst die Höllenausgeburt mit feindlichen Gefühlen verfolgt, die sich bis zu einer der weiblichen Natur sonst fremden Mordlust vergifteten? Selbst wenn der satanische Vogel niemals mit Erlaubnis zu sagen Eier gelegt hätte, muß es doch jedem klar geworden sein, daß er dies und noch viel anderes vermöchte, seiner Abkunft und Konnexion, die ich nicht näher bezeichnen will, gemäß.«