An dieser Stelle brüllte Augustus Zirbeldrüse so laut, daß ein allgemeines Lachen und Beifallklatschen entstand und der Redner erst nach einigen Minuten fortfahren konnte.
»O, schweigen wir«, rief er mit edler Betonung, »von diesen unnennbaren, unkeuschen und unflätigen Dingen, da wir den Unschuldschnee der Volksseele schon allzusehr mit Schlamm durchmistet haben! Wie ungern habe ich meine Stimme in dieser Sache erhoben! Wie leicht und lieblich ist es, die Nase wegzuwenden, wenn wo Gestank ist. Uns Prediger aber hat Gott berufen, die Gemeinde vor Übel zu bewahren, und uns mit einem wundersamen Harnisch gerüstet, daß wir den Mächtigen der Erde furchtlos als Angreifer und Entlarver entgegentreten. Liebe Freunde, ich weiß, daß die Besten unter euch schon lange mit Murren zugesehen haben, wie das Volkswohl, unbeachtet am Karren der Regierung hängend, durch den Kot geschleift wird. Wir haben tüchtige Männer genug, die zugreifen und die Ordnung herstellen könnten, die löblichen Meister der Gilden, die Herren Bäcker, Kürschner, Kupferschmiede und Gewürzkrämer, mit Herzen und Händen, die in Entsagung und ehrlicher Arbeit geläutert sind, das Steuer zu drehen; aber sie scheuen den Aufruhr und warten, bis das Maß voll ist. Liebe Freunde, wir haben gehört, was für Aufwand im Hause des Bürgermeisters getrieben wird. Wir wissen, wie überflüssig mittags sowohl wie abends seine Tafel besetzt ist. Von dem übermäßigen Eierverbrauch will ich nicht reden; aber führen wir uns noch einmal alle die Speisen vor, die das zahlreich zusammengetriebene Gesinde, im sauren Frondienst schwitzend, von früh bis spät herstellen mußte: da folgen sich die mit Wein und Nelken gewürzte Suppe, die Pastete voll Trüffeln, die schwer mit Äpfeln und Rosinen gespickte Mastgans, der üppige Kapaun, der zartblätterige Salat, das Mandelgebäck und die aus Pistazien, Mandeln und anderen fremden Zutaten wie Mosaik gemusterte Magenmorselle. Und alle diese Leckerbissen sind bezahlt! Bezahlt sind die Muskateller und Malvasier, das böhmische Glas und der russische Hermelin! Wovon? Das würde ein Rätsel bleiben, wenn die Lösung nicht in einer anderen häßlichen Frage läge: Warum wächst der nördliche Turm der Hundertjungfrauenkirche nicht, zu dessen Vollendung seit Jahren unter der Bürgerschaft gesammelt wird? Da prahlt wohl ein Baumeister mit seinen Plänen, da steigen Maurer an den Leitern auf und nieder, da ist seit Jahren das Hauptportal mit Gerüsten verstellt; aber an dem Turme ändert sich nichts, als daß ein Jahr ums andere ein neues Kränzlein von Steinen auf die alten kommt. Laßt mich nebenbei bemerken, daß die Hundertjungfrauenkirche, wie schon in ihrem abgöttischen Namen liegt, der katholischen Konfession vorbehalten ist, wir also einen selbstischen Zweck an ihrer Vollendung nicht haben können und uns nur aus unparteilicher Gerechtigkeitsliebe um eine diesbezügliche Verwahrlosung und Unterschleif bekümmern. Diejenigen, die mich des Parteihasses bezichtigen und wohl selbst dessen voll sind, werden überzeugt sein, ich lachte in mir hämisch und schadenfroh, wenn ich die Münstertürme der Papisten wie vom Blitz geköpft oder wie im Frost verkohlte Strünke dem Untergang anheimfallen sehe. Nein, meine Lieben, wo immer ich Mißstände und Treulosigkeit erblicke, unter denen das Gemeinwesen leidet, rühre ich mich, dem Arzte vergleichbar, der, wenn es an seinem Glöckchen läutet, sei es auch um Mitternacht und zur Winterszeit, aus dem lauschigen Federbett springt und über die dunklen Straßen durch Tümpel und Pfützen der Pflicht nacheilt, die mit bescheidenem Lämpchen voranleuchtet an das Wochenbett, an das Sterbelager, manchmal auch zu Besessenen, die sich, unter dem Zwang ihres teuflischen Schmarotzers, gegen den, der es gut mit ihnen meint und das Übel austreiben will, mit Beißen und Kratzen zur Wehr setzen …«
Weiter konnte der Pfarrer nicht reden; denn das Jauchzen und Lebehochrufen der Gildenmeister und anderen Zuhörer verursachte ein solches Geräusch, daß seine tapfere Stimme nicht mehr hindurchzudringen vermochte. Als er sich wieder vernehmlich machen konnte, wiederholte er den letzten Satz und fügte noch mehrere voll rühmlicher Gesinnung hinzu, worauf er mit den Worten schloß: aus allem diesem erhellte wohl für jeden, daß der Hahn des Bürgermeisters wider göttliche Ordnung Eier lege, was er oben behauptet habe, zu welcher Behauptung er, da sie gewissermaßen wahr sei, nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet gewesen sei, und wodurch er sich um den Bürgermeister, für den es vielleicht noch Zeit sei, seine Seele zu retten, verdient gemacht zu haben glaube.
Der Pfarrer hatte noch nicht ausgesprochen, als er von allen Seiten unter Händeklatschen beglückwünscht wurde, da niemand mehr an seinem Siege zweifelte. Eben forderte der Vorsitzende die anderen Richter auf, sich mit ihm zur Findung des Urteils zurückzuziehen, was sie, wie er bedeutsam fallen ließ, nun nicht mehr viel Zeit kosten würde, als etwas Unerwartetes eintrat, das dem Verlaufe der Sache eine andere Wendung gab.
Unter dem erweichenden Einfluß der sehnenden Liebe nämlich schien es dem Stadthauptmann bald, als sei er allzu grausam gegen Frau Armida gewesen; da er aber doch an seinem Worte, dem eine gewisse Heiligkeit innewohnte, unerschütterlich festhalten mußte, ergrimmte er gegen den Pfarrer, der das ganze unnütze Lärmen verursacht hatte. Wie sich im Laufe des Prozesses merken ließ, daß der Bürgermeister mit seiner Anklage abprallte, dagegen selbst und vielleicht auch Frau Armida in eine gefährliche Malefizsache geriet, wurde sein Zorn unbändig, und er schalt insgeheim auf seine eigene Langmut, mit der er den Aufruhrgeist im Volke sich hatte ausbreiten lassen, anstatt es von vornherein mit scharfen Mitteln zu Bescheidenheit und Gehorsam anzuhalten. Da er ohnehin mit dem Bischofe von Osnabrück, einem ausnehmend feinen Manne, Geschäfte abzumachen hatte, reiste er zu ihm und stellte ihm die Angelegenheit vor, ließ auch einfließen, wieviel ihm daran läge, wenn der Bürgermeister aus der Falle gezogen würde, dem reformierten Pfarrer und seinem Anhang aber eine merkliche Belehrung für die Zukunft erteilt würde. Aus diesem Grunde geschah es, daß der Bischof mit einem Male in den Gerichtssaal zu Quakenbrück trat und begehrte vernommen zu werden, da er etwas Wichtiges in der Sache des Herrn Bürgermeisters auszusagen habe.
Die plötzliche Erscheinung des Kirchenfürsten wirkte so erbaulich, daß einige auf die Knie fielen, die anderen wenigstens sich tief und eilfertig verbeugten; einzig Pfarrer Splitterchen blieb aufrecht stehen, und der von Würmling verneigte sich nur mit den Augenlidern. Auf Grund seiner Vorurteilslosigkeit und Gerechtigkeitsliebe zögerte Tönepöhl nicht, den Bischof in höflichen Worten zum Sprechen aufzufordern, ja sogar ihm im voraus für sein Kommen zu danken, falls er etwas Förderliches in diesem schwierigen Handel beizubringen habe. Nachdem sich der Bischof, der ein beleibter Mann war, mehrere Male nach rechts und links umgesehen hatte, wurde ihm ein Sessel herbeigerollt, in den er sich mit Anmut niedersetzte, und von dem aus er nun behaglich um sich blickte und dem und jenem zulächelte, der ihm bekannt vorkam. Unterweilen zog er eine funkelnde Schnupftabakdose hervor und sagte lächelnd: »Euer Pflaster ist holperig, ich habe meinen Wagen am Tore stehenlassen und mich in einer Sänfte hertragen lassen; so bin ich zwar anständig hereingekommen, aber die guten Leute, die mich trugen, ließen die Zunge zum Verdampfen aus dem Munde hängen, denn sie mußten springen, damit ich zu rechter Zeit käme, und dazu zeigt der Kalender noch den Hundsstern an.« Nachdem er sich noch einige Male nach rechts und links umgesehen hatte, brachte man ihm auf einem Brett eine Flasche Wein nebst einem Glase, das man auf ein Tischchen neben ihm stellte, so daß er nun bequem und vergnüglich eingerichtet war. »Es trifft sich gut,« sagte er, indem er das Glas in die Hand nahm, »daß heute kein Fastentag ist, sonst würde ich mir diesen Labetrunk versagen,« und ging dann allmählich zu der schwebenden Sache über, indem er folgendes erzählte: Er sei vor einem Jahre, um einen Ablaß für den Turmbau zu verkünden, in Quakenbrück gewesen und habe bei der Gelegenheit Haus und Hof des Bürgermeisters samt allen Bewohnern, Mensch und Vieh, geweiht, und dieser Segen habe auch den fraglichen Hahn getroffen, welcher dadurch entweder des teuflischen Charakters ledig geworden sei oder niemals dergleichen an sich gehabt habe, da er sonst der Weihespende ausgewichen sein würde, wie es böser Geister Sitte oder Unsitte sei.
Tönepöhl unterdrückte eine leichte Verlegenheit und sagte, er wisse als Laie in weltlichen Dingen besser als in kirchlichen Bescheid, allein er achte auch die letzteren und sei fern davon, etwas in der Kirche zu Recht Bestehendes antasten zu wollen. Hochwürden möge ausdrücklich feststellen, ob wirklich der fragliche, des Eierlegens bezichtigte Hahn und nicht ein anderer sich unter dem Geflügel befunden habe, dem der Bischof die Weihe gütigst habe angedeihen lassen. Ein Hahn sei dabeigewesen, sagte der Bischof leutselig, ein hübsches Tier von stattlichem Betragen, der ihm wegen seines übermäßig geschwollenen Kammes aufgefallen sei; er habe damals diesen Kamm mit der päpstlichen Tiara verglichen und den Hahn scherzweise Seine Heiligkeit genannt, wessen sich namentlich die Frau Bürgermeisterin gewiß noch entsinnen würde.
Daß der Bischof mit so gewaltigen Dingen tändelte, machte auf Tönepöhl, der ein Freigeist war, sich dessen aber doch nicht getraut hätte, einen bedeutenden Eindruck, so daß er begann, den Bischof als seinesgleichen zu bewundern. Er lächelte ein wenig und sagte, daß man die Frau Bürgermeisterin gern hören würde, wenn es ihr belieben sollte, der Darstellung des Bischofs ihre Glossen hinzuzufügen. Als dann die Dame in ihrem burgunderroten Kleide wie ein Windessausen dahergefahren kam, winkte er nach einem zweiten Sessel, da der Bischof Miene machte aufzustehen und ihr den seinigen anzubieten, wobei er sich aber etwas langsam und schwerfällig bewegte.
Frau Armida dankte kurz mit Kopfnicken und sagte, daß der Hahn, der die Weihe des Bischofs empfangen habe, derselbe sei, welcher jetzt von Lästerzungen schmählich besudelt werde, leide keinen Zweifel; denn sie besäßen ihn seit zwei Jahren und hätten inzwischen keinen anderen gehabt. Es würde dann wohl das beste sein, den Hahn selbst herbeizuholen, damit der Bischof ihn anerkennte und auch die Richter ihn in Augenschein nähmen, ob etwas Verdächtiges an ihm zu vermerken sei.
»Es soll mich freuen, das gute Tier wiederzusehen,« sagte der Bischof liebenswürdig. »Und wie wäre es,« meinte er, »wenn man, um ihn zutraulich zu machen und des Vergleiches wegen, ein paar Hühner vom Hofe des Herrn Splitterchen dazu lüde? Es wäre merkwürdig zu sehen, wie diese, die zweifelsohne natur- und ordnungsgemäße Hühner sind, sich mit dem übelbeleumdeten Hahn vertragen, ob sie etwas Anrüchiges an ihm wittern, oder ihn als einen tauglichen Hahn und Herrn zulassen.«