Splitterchen erwiderte mit beißender Freundlichkeit, er wolle mit seinen Hühnern nicht zurückhalten, halte aber dafür, daß es ein schlechtes Appellieren sei von menschlicher Vernunft zu tierischer.

»Nun,« entgegnen der Bischof, »es wird ja nichts anderes von ihnen verlangt, als daß sie den Bösen wittern, wozu man, meine ich, weder des Verstandes noch der Vernunft bedarf, sondern des einfältigen Instinktes, womit die Tiere vorzüglich behaftet sind.«

Nachdem noch einige Reden dieser Art zwischen den Parteien gewechselt waren, entschied Tönepöhl, daß der beschuldigte Hahn den Splitterchenschen Hühnern sollte konfrontiert oder gegenübergestellt werden, jedoch erst am folgenden Tage, da die Mittagsstunde sogar schon vorüber war und anzunehmen stand, daß alle, besonders aber der Bischof, der unaufhaltsam gereist war, einer Erfrischung bedürftig wären.

Inzwischen hatte Molli gekocht und gebraten, damit dem Bischof eine ziemliche Bewirtung vorgesetzt würde. Während des Mahles wurde dem hochwürdigen Manne ein Brief des Herrn von Klöterjahn überbracht, der sehr vertraulicher Natur war, und nach dessen Lesung er sagte, daß der Stadthauptmann bald wieder mit Freuden in diesem Hause verweilen würde, wie denn jetzt schon sein gerechter Unwille sich ein wenig verkühlt hätte und er dem Bürgermeister seine volle Liebe und Gnade wieder zuwenden würde, wenn derselbe sein Christentum sauber gereinigt vor aller Augen könnte glänzen lassen. Nachdem der Bischof sich über den schönen Glaubenseifer des Stadthauptmanns, über den unbotmäßigen Geist der Untertanen und der Reformierten insbesondere und die Notwendigkeit, solchen zu dämpfen, unwiderleglich geäußert hatte, ging er zu den auserlesenen Speisen über, die wie die Sterne am Himmelsgewölbe nach einer weisen und festen Anordnung die Tafel umliefen, erkundigte sich nach der Herstellung der einen oder anderen bei der Hausfrau und sprach den Wunsch aus, der verdienstvollen Molli seine Zufriedenheit selbst in der Küche auszudrücken.

Da man sich am Schlusse der Traktierung dorthin begab, stand das Gesinde am Wege aufgereiht und begehrte den Segen des Bischofs, dessen Herablassung bekannt war; dazu war er fett und schön, mit sicheren blauen Augen und einer erhabenen Nase und einer Umgangsweise, als ob er gewohnt wäre, von einem Thron herunter mit den Leuten zu reden. Molli empfing den hohen Gast in der Küche mit Kniebeugung und Handkuß, worauf sie von ihm auf die Stirn geküßt und sowohl wegen ihres Kochens belobt wurde, als auch weil sie sich bei dem Verhör als ein tapferes, kluges und ihrer Herrschaft ergebenes Mädchen erwiesen habe. Molli lächelte verschämt und sagte, sie gehöre freilich nicht zu denen, die eine gute Herrschaft im Unglück verließen. Zuerst sei sie wohl über die unanständigen Dinge erschrocken gewesen, die man von dem Herrn Bürgermeister gemunkelt habe, und als ihr dann noch die karminroten Eidotter in die Hände geraten seien, habe sie den Kopf verloren, nachher aber sich desto besser gefaßt und sich vorgesetzt, zu ihrem Herrn zu halten, der doch einmal die Obrigkeit sei und bei der guten katholischen Religion bleibe. Die Herren vom Gericht hätten sich zwar recht darangehalten, um sie auf ihre Seite zu ziehen, sie hätte gestern noch von Herrn Tiberius Tönepöhl sowie auch von Herrn Augustus Zirbeldrüse je ein hübsch gemaltes Schreiben erhalten, worin sie artig um das Vergnügen gebeten hätten, sie als Köchin in ihr Haus einführen zu dürfen, wenn der Herr Bürgermeister, wie es doch nun wohl nicht anders sein könnte, von Amt und Würden hinunter in Schande und vielleicht gar Lebensverlust stürzte; aber sie hätte nicht darauf geantwortet, da sie erst hätte erwarten wollen, ob der Herr Bürgermeister wirklich so übel daran sei, und dann auch aus den Blicken der beiden Herren den Argwohn gezogen hätte, daß es ihnen nur darum zu tun wäre, die Ehre einer unschuldigen Jungfrau zu Falle zu bringen. Diese letzten Worte gingen in ein zartfühlendes Schluchzen über, das nur durch liebreiches Zureden des Bürgermeisters und des Bischofs sowie durch eine Geldspende von beiden endlich gestillt werden konnte.

Gegen Abend meldete sich Tiberius Tönepöhl zu einer Rücksprache bei dem Bürgermeister und trug vor, daß es ihm ungeziemend vorkomme, wenn das Geflügel im Saale des Rathauses vorgestellt würde, der dadurch wie ein Stall mit Geschrei und Unrat erfüllt werden würde. Man könnte den Garten des Bürgermeisters dazu verwenden, um diesem gefällig zu sein; allein darin könnte Pfarrer Splitterchen eine Benachteiligung erblicken, was er auch nicht scheinweise auf sich laden möchte; sein Vorschlag gehe deshalb dahin, daß die Sitzung vor dem Lindentore auf dem Anger abgehalten werde, wo nach altem Gebrauch die städtischen Truppen eingeübt und auch Märkte und Feste veranstaltet wurden. Wegen des Imbiß, zu dem Tile Stint den Richter einlud, entschuldigte sich Tönepöhl, da er in seinem Amte sich der weichen Regung, die ein trauliches Verkehren bei Tische anfache, nicht unterstehen dürfe, vielmehr beständig das Bild des Rechtes vor Augen haben müsse, gleichsam als den Nabel, auf den die indischen Mönche ihr unentwegtes Augenmerk richteten, um zur Gefühllosigkeit zu erstarren.

Am folgenden Morgen strömten Fußgänger, Wagen und Karren aus dem Tore nach dem Stadtanger, der auf allen vier Seiten von alten, nun blühenden Linden umrandet war. Wie ein Sternenkörper in einer Lichtregion schwebt, die er von sich ausstrahlt, so schwamm der Anger in einem Lindenduftgewoge, als ob ein elysisches Seligenland aus der harten Erdenkruste hervorblühte oder daran vorüberwehte. Wer der Zauberinsel nahekam, spürte eine reizende Betäubung und wurde mitten in ein magisches Wohlgeruchsreich hineingezogen, wo es eitel Scherz und Liebe und Wonnedasein gab. Einzig Pfarrer Splitterchen und sein Rechtsbeistand Zirbeldrüse gingen, wie wenn ihre irdischen Sinne mit Wachs verstopft wären, in dieser sommerlichen Trunkenheit umher, als zwei Gerechte zwischen ein Volk von Toren und Schelmen, und die wohl wissen, daß sie wegen ihrer Überlegenheit und Tugend, deren sie sich nun einmal nicht entbrechen können noch wollen, zuerst ausgelacht und dann gekreuzigt werden müssen. Der Pfarrer rieb zuweilen die Zähne aufeinander vor Verachtung und Ungeduld, oder er lachte, um anzudeuten, er wisse wohl, daß er in einer Komödie mitspiele; Zirbeldrüses Gesicht glich nicht mehr einem auseinanderlaufenden, sondern einem hartgewordenen Käse, den man nicht schneiden, höchstens zu einem grünlichen Pulver zerreiben kann. Sein Mund sah aus wie ein Strick, an dessen Enden zwei schwere Gewichtsstücke hängen, und er blinzelte von Zeit zu Zeit immer um sich wie ein Hund, der ein Loch im Zaune sucht, durch das er entwischen könnte, der aber zu voll im Bauch und zu träge ist, um davon Gebrauch zu machen, selbst wenn er eins fände. Zwischen den Linden standen einige Ratsbüttel, um dem zuströmenden Volke abzuwehren, allein sie nahmen es nicht genau und ließen alt und jung lustwandeln, so weit die Macht der alten Bäume schattete, sofern sie sich nur nicht in den Ring des Gerichtes mitten auf dem Platze wagten.

Auf die Nachricht von dem hilfreichen Erscheinen des Bischofs war Druwel von Druwelstein vom Bette aufgestanden und kam mit festlich strahlendem Gesicht auf den Lindenanger, ohne sich durch den Spott und Mutwillen Frau Armidas beirren zu lassen. »Da war ich«, rief er, »im Getümmel unter mein Pferd geraten und sind mir die Knochen arg zerquetscht worden; aber ich habe mich hervorgearbeitet und sitze wieder aufrecht, bereit zu einem neuen Gange.« »So laget Ihr unter dem Pferde, als man Euch allenthalben vergeblich suchte?« erwiderte Frau Armida, »darunter ist man freilich vor Stich und Kugel sicherer als darauf; aber ein Kavalier geht nach Ehre aus, und die ist unter einem Pferdekadaver nicht zu holen!« »Warum nicht!« rief Druwel frohmütig, »wenn man nur mit Ehren darunter gekommen ist. Den möchte ich sehen, der den Druwel von Druwelstein nicht da finden wird, wo der Herrgott und das Recht ist, gleichviel ob einer in Ängsten ist oder florieret. Verzagt nicht, gestrenge Freundin, solange Ihr mein Fähnlein flattern seht, ist Eure Sache nicht verloren.« »Ei was, für den Herrgott brauche ich keine Freunde, aber wider den Teufel,« sagte Frau Armida ungeduldig, aber nicht herbe; denn sie ließ vielmehr ein tröstliches Lächeln über Druwels bräunlichblinkende Wange und seinen straffen Knebelbart gleiten.

Der Vorsitzende machte sich unterdessen mit der Einrichtung des Tisches und mit dem Federvieh zu schaffen, das in Körben herbeigeschafft war. Ratsherr Lüddeke, der Bürgermeister und die Bürgermeisterin legten selbst Hand an, um den Hahn aus der Watte herauszuwickeln, in die er wegen neuerlicher Gebrechlichkeit verpackt war. Als davon nichts mehr an ihm und um ihn saß, glich er einer Leichnammumie, von der soeben der Kalkbewurf abgekratzt ist, welcher sie jahrhundertelang bedeckt hatte; der kleine Lüddeke, der sich indessen nicht versehen hatte, geriet in einige Verlegenheit und sah den Bürgermeister von der Seite an, der gleichfalls die Augen niederschlug; denn hier draußen, wo der lautere Sonnenglanz gleichsam in einem kristallenen Bade zwiefach erglitzerte, stach das abgeschabte Jammergerippe widriger hervor, als es sich zu Hause dargestellt hatte. Der Armselige hatte sich an jenem Abend, als die Bürgermeisterin mit Steinwürfen nach seinem Leben trachtete, zwischen das Dachgebälk der Scheune verkrochen und war erst am vorhergehenden Tage wieder aufgefunden und gewaltsam ans Licht gefördert. In dieser Zeit war seine Ernährung und sonstige Pflege ungenügend gewesen: er sah nicht anders aus, als ob der Böse ihn geholt, mit seinen rußigen Händen ihm das Gefieder zerzaust und den Hals umgedreht hätte. Während der kleine Lüddeke und der Bürgermeister sich unschlüssig ansahen, und der Druwel sich räusperte, rief Frau Armida mit heller Stimme: »So ist der Arme in der Zeit der Verfolgung heruntergekommen! Sollte er, was der Himmel verhüte, tödlich abgehen, so werden wir auf Ersatz des Schadens klagen, da wir nicht nur einen guten alten Haushahn, sondern auch unseren Liebling mit ihm verlieren!« Auch der Bischof war nun hinzugetreten und sagte: »Wie sehe ich Eure Heiligkeit wieder! So kann es Gott gefallen, die Hohen dieser Erde zu erniedrigen. Immerhin trägt er noch die Tiara, an der ich ihn wiedererkenne, obwohl sie für seinen augenblicklichen Kräftezustand zu schwer ist und trübselig wie eine Zipfelmütze von seinem Haupt herabhängt!«

Als der Bischof bei den Linden aus seiner Sänfte gestiegen war, hatte sich das lustwandelnde Volk um ihn geschart und im Schutze seines leutseligen Lächelns wie eine bunte und brausende Schleppe hinter ihm hergewälzt. Eine solche hinter sich herzuziehen, war er gewöhnt und hätte sich ohne das unvollkommen bekleidet gefühlt, und ebensowenig dachten die Büttel daran, ihm den Huldigungsschweif hinterrücks abzureißen. Demzufolge war der Hahn im Nu von vielen Frauen und Kindern umgeben, die ihn streichelten und ihm allerlei Futter beizubringen suchen, wovon er schließlich etwas nahm und angstvoll hinunterschluckte. Die beobachtende Menge begrüßte dies und andere Zeichen wiederkehrenden Lebens mit frohem Geschrei; denn er schloß nun auch einige Male die Augen ganz und öffnete sie wieder, als wollte er versuchen, ob die Maschine noch ginge. Als er sogar mit dem Schnabel, wiewohl schwächlich, unter die Körner stieß, die vor ihm ausgestreut waren, mit den wackelnden Beinen nach hinten auszukratzen sich bemühte und ein heiseres Krächzen von sich gab, kamen die Hühner, um die sich niemand bekümmert hatte, erst schüchtern, dann eilfertiger herbeigerannt und fingen um das Scheusal herum zu picken und zu essen an. Hierüber erhob sich anhaltender Jubel, der mit leichten Flügelschlägen den ausgebreiteten Lindenduft bewegte, so daß ein seliges Jagen von Balsam und Schall sich zu Häupten des Volkes auf und ab wiegte und als ein Baldachin der Freude über den Berauschten schwebte.