Der Bürgermeister begann vor Rührung zu weinen, und auch dem Druwel wurden die Augen feucht, als er seinem Freund und Frau Armida kräftig die Hand schüttelte.
»Nun,« sagte der Bischof, auf die Hühner deutend, »das Völkchen hat sich einträchtlich zusammengefunden, wie es nicht der Fall sein könnte, wenn die Hölle dazwischen nistete.«
Tönepöhl ließ den Bischof aus Achtung den Satz zu Ende bringen, fiel dann aber schnell ein, damit er ihm nicht zuvorkäme, und schickte sich mit lächelndem Ernst zu einer Rede an. »Wenn man sagt, daß die Stimme des Volkes die Stimme Gottes sei, so kann man diesen Spruch wohl mit ebensoviel Recht auf die Tiere anwenden, die noch mehr als das Volk aus der Tiefe untrüglicher Grundgefühle heraus sich äußern. Hier haben wir nun beide, das Volk und das Vieh, vernommen. Es hat sich vor unseren Augen ein Gottesgericht abgespielt, markerschütternd und doch auch lieblich in seiner Ahnungslosigkeit. Wenn wir heute vom strengen Gange der Justiz abgewichen sind, so ist es mit Fug und durchdachter Absicht geschehen, da zuweilen Freiheit Weisheit sein kann. Möge doch jeder sich überzeugen, wie unberechtigt die Klage ist, daß in unserem Gemeinwesen das Volk von der Regierung ausgeschlossen sei; wo es ersprießlich ist, geben wir seinem Urteil Raum und Gehör.«
Hier wurde Tönepöhl durch einen Zwischenfall, der sich geräuschvoll abspielte, unterbrochen. Es ertönte nämlich aus der Mitte der Hühner ein lautes Kreischen oder Krächzen, dem auf der Stelle ein Aufschreien der Bürgermeisterin folgte, eines von den Pfarrershühnern habe Kikeriki gerufen. Sie bezeichnete das Huhn, dem sie den Hahnenkraht zuschrieb, mit hindeutendem Finger und sagte, rot vor Entrüstung, so komme denn Ungebührlichkeit und Unnatur unter den Hühnern desjenigen vor, der ihren Hahn teuflischer Umtriebe beschuldigt habe. Mit raschen Schritten näherte sich der Pfarrer und sagte spöttisch: »Wenn irgendwo Kikeriki gerufen wird, so schließt man daraus, daß ein Hahn anwesend sei, und da in der Tat der Hahn des Herrn Bürgermeisters hier vorhanden ist, so wird jeder Vernünftige der Ansicht sein, daß er es getan habe.« »Freilich, freilich,« rief Frau Armida, »so meint man auch, wenn irgendwo Eier gelegt werden, daß es Hühner getan haben. Indessen habe ich mit meinen Augen gesehen, daß das Kikeriki aus dem dünnen Halse jenes Huhnes kam, und stelle es außerdem den Anwesenden anheim, ob unser armer schlotternder Hahn imstande wäre, in so lauter, durchdringender Weise zu krähen, wie eben geschehen ist.« »Gesehen habe ich nichts, aber daß eben vernehmlich und deutlich gekräht worden ist, bestätige ich als richtig,« sagte Tönepöhl. »Das kann jeder,« wandte Zirbeldrüse hämisch ein. »Ich sage, daß von einem Hahn gekräht worden ist,« wiederholte Tönepöhl aufgebracht, aber doch gemessen; »und zwar von einem Hahn in der Gestalt eines eigentlichen Hahnes oder eines wirklichen Huhnes.«
Jetzt meldeten sich Männer, Frauen und Kinder durcheinander, um zu bezeugen, daß das von der Frau Bürgermeisterin bezeichnete Huhn den vorgefallenen Hahnenkraht wirklich begangen habe. Auf den Befehl Tönepöhls wurde das Huhn ergriffen und auf den Tisch gesetzt, wo es verzweifelt herumstolperte, um zu entkommen, als ob es sich seiner häßlichen Erscheinung schäme. Der Hals des Tieres war nämlich, vielleicht durch die Arbeit von Ungeziefer, ganz von Federn entblößt, und so schien es von einer grausamen Köchin lebendigen Leibes gerupft, aber noch vor Beendigung des Geschäftes entsprungen zu sein. »Das Tier ist ein Greuel!« rief Druwel von Druwelstein, mit markiger Stimme das atemlose Schauen und Staunen der Menge durchbrechend. »Man veranlasse es, noch einmal einen Ton von sich zu geben,« sagte der Bischof heiter, »damit jeder sich von dem Charakter desselben überzeugen kann.« Dieser Vorschlag wurde unmittelbar als so einsichtig befunden, daß die Richter ihre Gänsefedern ergriffen und das Huhn damit stachen und belästigten, so gut sie konnten, wovon die Folge war, daß der entsetzte Vogel hierhin und dorthin flatterte und endlich auch in ein mißtönendes Kreischen ausbrach, dem sich ein nicht schwächeres, sondern donnernd verstärktes Echo aus der Versammlung anschloß. Als das Triumphgeschrei verhallt war, sagte Tönepöhl: »Daß das Huhn krähen kann, halte ich hiermit für bewiesen,« in welchem Sinne auch die übrigen Richter ihre Stimme abgaben; dann wurde auf einen Wink des Vorsitzenden das gesamte Federvieh in die Körbe gepackt und fortgeschafft.
Der Pfarrer, der bisher zähneknirschend und hier und da den Kopf in den Nacken werfend, als rufe er Gott zum Zeugen solcher Dummheit an, zugehört hatte, trat nun hastig vor und rief: »Und was folgt daraus, wenn es bewiesen wäre, was ich nicht anerkenne? Es gibt Tauben, die lachen, Pfauen, die trompeten, Papageien, die menschlich schwatzen, warum soll ein Huhn nicht krähen? Hängt solches doch nur von der zufälligen Bildung der Kehle ab!«
»Das Krähen,« entgegnete Tönepöhl mit nachdrücklicher Ruhe, die dem Pfarrer seine unanständige Hitze beschämend zum Bewußtsein bringen sollte, »das Krähen ist ein Abzeichen der Männlichkeit und kann auf natürlichem Wege vom Huhne nicht erfolgreich nachgeahmt werden. Wir haben vor mehreren Jahren eine Frau, die in Männerkleidern einherging und auf ihrem Geschlecht ertappt wurde, öffentlich ausgestäupt und des Landes verwiesen, da das Weib sich die Tracht des Mannes, das ist des höhergeborenen Menschen, nicht anmaßen darf. Wie soll man es da beurteilen, wenn ein Weibswesen sogar die dem Manne angeborenen Eigenheiten, gleichsam die ihn auszeichnende Naturtracht, nachahmen oder sich erwerben will? Wo sollte bei einer solchen Vermischung die notwendige Zucht und Botmäßigkeit bleiben, die im Hause wie im Hühnerstall herrschen muß?« Wie nun der Pfarrer im hellen Ärger sich die Worte entfahren ließ: »Wie konnte ich auch so albern sein, gegen papistischen Aberglauben kämpfen zu wollen!« entstand ein unwilliges Murren in der Menge, und sie hätten es ihm wohl übel eingetränkt, wenn nicht der Bischof beschwichtigende Zeichen gegeben und Tönepöhl aufgefordert hätte, den Pfarrer zu seinem Besten zu verhaften und in ein gutes Gewahrsam zu bringen, damit ihm von dem zwar aus verständlichen und schätzbaren Ursachen, aber doch über Gebühr aufgeregten Volke nicht ein Leides zugefügt werde.
Dem Hahn war das hastige Fressen nach langer Enthaltsamkeit so schlecht angeschlagen, daß Molli für gut fand, ihn abzuschlachten und sein mageres und zähes Fleisch geschickt in eine lüsterne Pastete verwurstete, welche bei dem Sieges- und Versöhnungsmahl, das unter Teilnahme des Stadthauptmanns beim Bürgermeister stattfand, verzehrt wurde.