Stofflich knüpfte Keller gern an die Gegenwart und bekämpfte die Auffassung vieler Menschen, die das Poetische als etwas der Wirklichkeit Entgegengesetztes begreifen und, von der Wirklichkeit irgendwie verletzt, sich in eine ihnen bequeme Phantasterei träumen, welche sie Poesie nennen; was vielmehr nur auf Schwäche beruht, die vor dem grausamen Glanze der Wirklichkeit nicht bestehen kann. Einmal antwortete er Justinus Kerner, dem ihm in manchen Punkten verwandten, nur weit schwächeren Schwaben, auf ein Gedicht, in dem derselbe sich über die Gegenwart beklagt, die mit ihren Maschinen die Poesie in der Natur vernichte, mit einem Lobe unserer Zeit, deren Erfindungen die Fabeln des Mittelalters von dämonischer Geistesherrschaft wahr machten. Er endet mit den prächtigen Strophen:

Und wenn vielleicht in hundert Jahren
Ein Luftschiff hoch mit Griechenwein
Durchs Morgenrot käm hergefahren –
Wer möchte da nicht Fährmann sein?

Dann bög ich mich, ein sel’ger Zecher,
Wohl über Bord, von Kränzen schwer,
Und gösse langsam meinen Becher
Hinab in das verlaßne Meer.

Darin haben wir ein Beispiel für das Verhältnis von Phantasie und Wirklichkeit in Kellers Dichtungen. Bei seiner Achtung vor der Wirklichkeit und Abneigung gegen das Gemachte, begann er damit, Selbsterlebtes darzustellen und betonte einmal mit Nachdruck, fast als sei das Gegenteil eine Schande, daß er es immer so halten werde. Nach dem Grünen Heinrich knüpften noch Pankraz der Schmoller und Frau Regel Amrain unmittelbar an eigene Lebenserfahrung; seitdem tritt das Selbsterlebte zurück, und er schöpfte seine Stoffe aus Zeitungsberichten, aus der Geschichte oder anderen Überlieferungen. Bei Romeo und Julia auf dem Dorfe betont er in einem Briefe, daß es auf einem wirklichen Vorgang beruhe, »weil nur dadurch die Arbeit sich rechtfertige«; es ist das nicht trügende Gefühl der Alten, die den Dichter als Lügner verabscheuten, außer wenn er bescheiden im Gefolge des Lebens geht, das sein Lehrmeister sein muß, wie die Menschen- und Tiergestalt der des Bildhauers. Hauptsächlich das Gerüst der Tatsachen entnimmt Keller der Wirklichkeit und umwindet es schmückend mit üppiger Phantasie; aber es ist nach einem Ausdruck von Goethe exakte Phantasie, die im Sinne der Wirklichkeit phantasiert, so daß wir, auch wo er am ausgelassensten fabuliert, Fleisch und Blut riechen und die siegesgewissen Elemente der Wirklichkeit spüren. Die Hexe, die den Schornstein heraufsteigt, ohne die blanken Schultern schwarz zu machen, während Katze und Eule, still und klug, hinunterlauschen und warten, und der tanzende König David mit dem kleinen singenden Engel, der das Notenblatt zwischen den rosigen Zehen hält, sind nicht minder wirklich als der unselige junge Mörder, der das wehrlose Knäblein erschlägt, um es einer Mundharmonika zu berauben. Das Sichhinwegsetzen über die Gesetze der Wirklichkeit und das stille, zusammenhangsvolle Verfahren der Natur, um aus willkürlicher Einbildungskraft heraus zu erfinden, nennt Keller Arbeitsscheu, mit literarhistorischen Namen Spiritualismus und Romantik, letzteres mit Recht in bezug auf die Praxis der Romantiker, die die Höhe ihrer Theorien nie erreichten. Bei Kellers Werken ist uns zumute, als habe die Natur selbst sie gemacht, so selbstverständlich erscheint uns alles; es fällt uns so wenig ein sie zu kritisieren, wie uns das einem Baum oder einer Blume gegenüber in den Sinn käme: es könnte höchstens sein, daß man eines dem andern vorzöge oder etwa überhaupt keinen Sinn dafür hätte. So sollen wir auch nicht fragen, ob er jeden Gipfel erreicht und jeden Abgrund ausgemessen hat: den weiten Umkreis, den sein Auge erfaßte, hat er uns rein in schönem Bilde gegeben, etwas Vollkommenes, worin niemand ungetröstet und unbelehrt sich versenkt.

Ich habe wenig von den Werken des Dichters gesprochen, um wieder zu ihm selbst zurückzukehren, ihrem Schöpfer; denn an diesem bleibt doch zuletzt das durch seine Werke erregte Gefühl haften, das sich nicht beruhigt, als bis es den innersten Lebenskern seines Gegenstandes erreicht hat. Der Werke, die wir von den Dichtern kennen, werden im Laufe der Zeit immer weniger: es gibt nur noch einige Verse von Sappho, und die meisten Menschen haben nur ein paar Strophen oder Gesänge von Tasso, Dante, Walter von der Vogelweide gelesen; aber ihre Namen scheinen uns zu Häupten wie Sterne, ja es ist, als ob sie an Leuchtkraft wüchsen, wenn sie die Strahlen, die von ihnen ausgingen, wieder einsaugen und als göttliche Erscheinungen, ungeteilt und unteilbar, in unerreichbarer Ferne stehen, wo wir sie staunend betrachten.

»Mehr oder weniger traurig«, schrieb Keller einmal einem Verehrer, »sind am Ende alle, die über die Brotfrage hinaus noch etwas kennen und sind, aber wer wollte am Ende ohne diese stille Grundtrauer leben, ohne die es keine rechte Freude gibt?« Den andeutenden Fragen teilnehmender Freunde, die meinten, er müsse sich, namentlich im höheren Alter, einsam und unglücklich fühlen, pflegte er stets mit irgendeiner Wendung zu entschlüpfen, teils weil ihm das »pfuscherhafte Glücklichseinwollen« und noch mehr das Reden darüber zuwider war, teils aber gewiß, weil er den Menschen nicht erklären wollte, aus welchem Quell der Seligkeit er in der Einsamkeit schöpfte. Reich und schön mußte das Leben dem weisen Zauberer sein, sowie er unbehelligt von den Leuten am Tische Gottes saß, von seinen Genien Phantasie und Witz aus goldenen und kristallenen Schalen bedient. Wie sehr er Menschen zu schätzen und zu lieben wußte, habe ich schon gesagt; wenn er sich oft unwirsch abwandte, war das weniger seine als die Schuld der menschlichen Art überhaupt, von denen so wenige sich unbefangen und klug als das zu geben wissen, was sie sind. Gegen das »unnütz Wesen« und »Sich-mausig-machen« war er nach eigenem Geständnis »starr und untraitable«, worüber man sich, als über ein Zeichen der Unbestechlichkeit seines Verstandes und Charakters, ehrfürchtig freuen sollte. An Anerkennung hat es ihm nicht gefehlt; aber auch hier muß man gestehen, daß er oft Ursache hatte, auch über die wohlmeinendste Kritik zu brummen, da Lob und Tadel meistenteils beide nicht am richtigen Ort saßen. Daß er bei der Schätzung eigener und fremder Werke in erster Linie die Form im Auge hatte, nämlich nicht das Äußere, sondern das Nicht-Stoffliche, wurde oft mißverstanden, und unter seinen Beurteilern stellten sich die wenigsten auf diesen Standpunkt. Es konnte Keller mit Recht bekümmern oder verbittern, wenn selbst diejenigen, die ihn aufs höchste bewunderten und mit Einsicht rühmten, unversehens die törichtsten Aussetzungen machten, wie z. B. Vischer die Nasenzöpfe des Ritters Maus des Zahllosen in den Sieben Legenden als ekelerregend tadelte, oder Storm ihm die köstlichsten Schnörkel und Späße ausmerzen wollte, oder Emil Kuh schlechthin erklärte, seine Gedichte nicht zu mögen, was ihm auch von Mommsen berichtet wurde. Keller antwortete auf derartige Bemerkungen immer mit anständiger Ruhe, in Kleinigkeiten meistens dem Tadler recht gebend, nur, wo es ihm darauf ankam, seinen Standpunkt nachdrücklich verteidigend. Er besaß das starke und gesunde Selbstbewußtsein, das mit Bescheidenheit verbunden ist; nämlich mit gerechter Schätzung anderer, sowohl höherstehender wie minderwertiger Intellekte, und der Klugheit, letztere nicht durch Betonen der eigenen Überlegenheit reizen zu wollen. Wenn er laut rühmende Verehrer ersuchte, den »starken Lobtabak nicht weiter zu rauchen«, begründete er die Bitte jedesmal damit, daß das uneingeschränkte Loben ihm nur Feinde und Neider machen würde. Eine allgemeine Anerkennung erfuhr Keller erst spät, wie er denn überhaupt zu den Dichtern gehört, die von allen gelobt, von wenigen gelesen und nur von einzelnen nach ihrem Werte geschätzt werden. Die würdige Ehrung, die ihm an seinem siebzigsten Geburtstage bereitet wurde, mag sich ihm schwer wie ein Grabstein auf das Herz gelegt haben; er wußte, daß der silberne Lorbeer nur einem Haupte gereicht wird, das sich nach vollendetem Lebenswerk dem Tode zuneigt.

C. F. Meyer schrieb nach Kellers Tode, daß ihm an dem verstorbenen Dichter nichts so ergreifend erschienen sei, wie sein Verhalten zu seinem Volke, über dem er wie ein guter Geist gewaltet habe, zürnend, warnend, lobend, zurechtweisend nach Bedarf. Die Verehrung, die alle, die deutsche Sprache reden, zu ihrem Meister tragen, möge sie ermutigen, sich mit unter diese treue Hut zu scharen, als ob es wie vor Zeiten nur ein großes römisches Reich deutscher Nation gäbe. Wir Deutsche dürfen wohl ein Anrecht auf ihn geltend machen, der seine Neigung und sein Zugehörigkeitsgefühl zum deutschen Volke so beharrlich zeigte, wie er es bei seiner über allen Argwohn sicheren, in Blut und Geist eingeborenen Liebe zum Vaterlande zu tun sich getrauen durfte. Nicht nur seines Lobes können wir uns freuen, sondern auch seines Tadels rühmen, der mehr als alles seine treue, väterlich verpflichtete Gesinnung beweist. Er und seine Werke haben die deutsche Art, die sich nur allzuoft mit einem falschen Blechklange anpreist, in ihrer echten Schönheit verklärt; denn deutsch, oder sagen wir germanisch, war er von Kopf zu Füßen, so daß ein Fremder ihn höchstens achten, nur ein Deutscher – von den Deutsch-Schweizern versteht es sich von selbst – ihn ganz wird verstehen und lieben können. Seine Wahrhaftigkeit, die den Ton nicht um eine Schwingung lauter werden läßt als sein Empfinden, seine Gerechtigkeit und Objektivität, die jedes Ding rein ohne Bezug auf seine Person in sich aufnehmen kann, seine kindliche Arglosigkeit, die alle göttlichen und menschlichen Mysterien anrühren kann, ohne sie zu erniedrigen oder sich zu beschmutzen, sind deutsche Idealeigenschaften, auf die wir stolz sind. Deutsch ist seine Einfachheit und Ruhe, die das Pathetische und Feierliche, ja die Geste überhaupt nicht kennt, die Mischung gründlichen Ernstes mit naiver Tollheit, die Ausländer kopfschüttelnd als etwas unbegreiflich Kindisches oder Närrisches hingehen lassen, wenn nicht verachten, schließlich der auf Freiheit des Geistes und höchste Liebe begründete Humor. Bei ihm ist die überschwengliche und doch natürlich aus brauner Erde gewachsene Phantasie zu Hause, der Hang, sich am schönfarbigen Weine zu berauschen, die verehrende und zugleich väterlich gute Stellung zu den Frauen. Deutsch vor allem ist die ernste, kräftige Auffassung des Lebens als einer Aufgabe, für die man, sei es Gott, sei es der Menschheit gegenüber verantwortlich ist, das Bedürfnis, sich mit seinem Gewissen auseinanderzusetzen, sein Leben auf den Grund einer Weltanschauung zu stellen. Wir kennen nicht die großartig geschäftsmäßige Kirchlichkeit der Engländer, noch die gewohnheitsmäßig spielende der gläubigen oder den melancholischen Atheismus der ungläubigen Südländer: wir haben oder suchen Religion oder haben sie oft, ohne es zu wissen und zu wollen, nämlich das Gefühl, einem Höheren verpflichtet zu sein und das Leben danach einzurichten.

Ich denke nicht von ferne daran, zu behaupten, daß dies alles in den Deutschen Wirklichkeit sei, nur daß es als Möglichkeit in ihrer Veranlagung liege und durch das anfeuernde Muster bedeutender Kunstwerke, in denen ein solches Ideal verkörpert ist, ausgewirkt werden könne.

Du wanderst nicht mehr durch Deinen Garten über dem See und sammelst Rosen, Meister Gottfried; aber Dein sind alle, die der Sommer bringt, denn Dein guter Geist ist lebendig und nährt sich von allem, was schön ist. Weile noch unter uns! Lange bleibe die Zeit noch fern, wo die Menschen Deinen Namen einem einsamen Sternbild geben, das bald mit lustigem Zwinkern, bald in seliger Schönheit über der streitenden Erde steht. Sei uns noch Lehrer und Hüter! Wehre uns, wenn wir vom strengen Wege der Wahrheit abschweifen, rüttle uns, wenn wir schwach und feige in uns selber versinken, weise uns mit Deinen reinen Augen den goldnen Überfluß der Welt. Lehre uns vor allen Dingen Eitelkeit, Lüge, Selbstsucht und Kleinlichkeit hassen, doch auch das Geringste lieben, sofern es unverfälschtes Leben hat, und das Göttliche kindlich und männlich verehren; schließlich, bei Haß und Liebe die ewige Ordnung der Beziehungen im Sinne tragen:

Die Liebe wird den Ruhm nicht mindern,
Wenn Kleine mit den Kleinern gehn:
Die Sonne selbst mit ihren Kindern
Muß sich um größ’re Sterne drehn.