In Hinsicht des Stoffes handelt es sich im Grünen Heinrich – und meistens bei Keller – um die einfachsten menschlichen Verhältnisse: Trennung und Heimkehr, Erziehung, Schule, Beruf, Arbeit und Feste, aus welcher einfachen Struktur die Fülle, die er energisch verlangte, durch zahlreiche individuelle Züge, die denn auch bunt, abenteuerlich, ja grotesk sein durften, organisch hervorblüht.
Während Keller am ersten Grünen Heinrich arbeitete, beklagte er sich, daß die »weitschichtige, unabsehbare Strickstrumpfform« des Romans nicht in seiner Natur liege; namentlich in der endgültigen Fassung hat er den schwierigen Zwiespalt zwischen den Forderungen epischer Breite und künstlerischer Zusammenfassung und Gestaltung glänzend überwunden. Die große Fläche ist aufs reizendste gegliedert, aus dem ruhenden Grunde hebt sich Bild um Bild und scheint die ungeheure Masse der Erzählung in Einzelgedichte aufzulösen, ohne daß doch jemals der Eindruck des breiten Stromes schwindet, der die kleineren und größeren Wellen schlägt.
Wundervoll schließt sich an die dumpfen Freuden, Trübsale, Irrsale und Verrichtungen der Kindheit, die sich natürlich mit dem Phantastischen und Grausigen mischen und in den krausen Gassen der alten Stadt sich abspielen, das liebe Dorf mit seinen Äckern, Hügeln und Gewässern, wo eine anmutig kultivierte Natur und eine alte, feierlich fromme Kultur ineinanderwirken, und aus dessen friedvoll keuschem Grunde dem Helden Kunst und Liebe erblühen – und an dieses die Weite der großen Kunststadt, wo neben den schimmernden Spielen verfeinerten Lebens die tiefsten Geistesbedürfnisse des Kulturmenschen und seine schnödeste Marter durch hilflose Armut sich entwickeln.
Was die Darstellung im einzelnen betrifft, so ist es unvergleichlich, wie bei Schilderung irgendeines Gegenstandes oder Vorganges durch die Kunst der Betonung des Wesentlichen sogleich das Leben als Ganzes schön, belehrend und mit dem Anspruch ewiger Geltung vor uns hintritt. Liest man die Erzählung, wo Heinrich im Dorf versucht die schöne Buche zu zeichnen, so prägt sich nicht nur unvergeßlich die Gestalt des edlen Baumes ein, sondern wir wissen für immer, wie die erste Begegnung zwischen dem unreifen, nach Kunst ringenden Jüngling und der göttlichen Natur beschaffen ist; wir werden über das Wesen der Natur und das der Kunst belehrt und erleben zugleich mit ganzer Seele ein Ereignis mit, das einem bestimmten Menschen in einziger Weise begegnete. Oder man denke an die Schilderung, wie Heinrich mit dem norddeutschen Schreiner den Sarg für Anna verfertigt. Da erleben wir nicht nur die Verwandlung des natürlichen Materials in einen künstlichen Gegenstand zu menschlicher Verwendung mit als ein Ereignis von kultureller Bedeutung, als wäre es das erste Mal: wir dringen wiederum tief ein in die Lieblichkeit der Natur, wir bewundern den Erfindungsgeist und das Geschick der Menschen; die Eigenart des Schreiners und die Erzählungen aus seiner Heimat verknüpfen diesen Augenblick mit weiter Ferne, und durch das Glas mit den musizierenden Engelsknaben fällt noch ein himmlisches Licht auf den einfachen Vorgang. Wie Homer nicht veraltet, kann auch diese Kunst durch keine Geschmacksrichtung und Mode angetastet werden, da sie die Grundlinien des Lebens selbst zieht.
Gegenüber dem älteren Grünen Heinrich waren die Leute von Seldwyla ein Fortschritt; eine Reihe auserlesener, künstlich geschliffener und gefaßter Edelsteine, die die Schönheit, die Schrecken und die Wunder des Lebens im Lichte blitzen lassen. Der dionysische Dichter löst unsere Gebundenheit und läßt uns die Welt mit seinem Auge als ein in sich selbst begründetes Bild schauen. Nicht daß er uns die Wirklichkeit verschleierte oder uns durch Betäubung ihr entzöge: in einem wahrhaft heiligen Rausche läßt er uns in strahlender Klarheit unsere Flüchtigkeit und Bedingtheit gegenüber der ewigen Schönheit außer uns erkennen, in deren Anschauung wir eine geheimnisvoll ausgleichende Seligkeit genießen lernen. Die wunderlichen Helden: Pankraz der Schmoller, die Kammacher, von Neid und Tugend ausgehölt, der allzufeine Glücksritter John Kabys, der melancholische Schneider, ziehen vorüber als farbige Sinnbilder des eitlen schönen Lebens, unvergängliche Geschöpfe einer geistigen Welt, die sich mit der körperlichen überall durchwächst und durchwirkt. Was aber diese Novellen vor anderen auszeichnet, ist eigentlich doch das, daß es dem Dichter bis zu einem hohen Grade gelungen ist, das Verwesliche des Stoffes in der Glut seines arbeitenden Geistes zu tilgen, so daß die Form leicht, klar und dauerhaft geworden ist und das beglückende Gefühl, etwas Vollendetes anzuschauen, erregt. Das gilt vorzugsweise von dem Schmied seines Glückes, den gerechten Kammachern, dem Märchen Spiegel das Kätzchen, und kann wohl auch von Dietegen und Romeo und Julia auf dem Dorfe mit Recht gesagt werden.
Es war Kellers Bestreben, diesen Prozeß, nämlich das Ausscheiden des Unwesentlichen vom Wesentlichen, gewissermaßen des Verweslichen vom Unverweslichen, fortwährend zu verfeinern, bis er pures Gold in schlichter, aber edelster Form gebildet hatte. In diesem Sinne steht das Sinngedicht, wenn man es als ein Ganzes betrachtet, über den Seldwyler Novellen; doch wird der Verehrer Kellers vielleicht die letzteren vorziehen, weil uns seine einzigartige Persönlichkeit darin unmittelbarer berührt. Die Züricher Novellen haben als Ganzes nicht die Vollendung des Sinngedichtes erreicht, doch gehören das Fähnlein der sieben Aufrechten und der Landvogt von Greifensee zu den Meisterwerken; das Fähnlein knüpft unmittelbarer an die meisten anderen Novellen an und ist doch ohne jede phantastische Zutat, nur durch die Durchdringung des Stoffes auf die Höhe allgemeingültiger Poesie erhoben. Die Blüte Kellerscher Dichtung bilden die Sieben Legenden, goldene Früchte in silbernen Schalen, Traumgesichte von lebenstreuer Wahrheit, in denen Frömmigkeit und Schalkheit, Sinnenzauber und Engelreinheit absichtslos vereinigt sind wie im Gemüte eines Kindes. Man kann sie einer Kapelle vergleichen, durch deren schmale glühende Fenster Licht fällt und Farben malt, wo zwischen christlichen Figuren und Symbolen heidnische Schnörkel sprießen, groteske und anmutige, ein lachender, weltlicher Übermut, der nicht anders als wie ein Wohllaut mehr in den heiligen Zusammenklang des Gotteshauses hineintönt.
Fast alle Werke Kellers – mit Ausnahme der Züricher Novellen – sind in den Zürcher und Berliner Jahren 1846-56 »ausgeheckt« worden, so daß er an den Sieben Legenden, die 1872, und an den Novellen des Sinngedichtes, die 1880 erschienen, hauptsächlich nur noch die Arbeit des Kunstverstandes zu besorgen hatte. Einzig Martin Salander ist ganz und gar ein Werk des Alters. Es ist eine durchsichtige, geschlossene, fein abgewogene Erzählung, die aber nicht wie die früheren Dichtungen aus der chaotischen Werkstätte des Lebendigen im Inneren des Dichters hervorgegangen, sondern überwiegend mit dem Bewußtsein gemacht zu sein scheint. Es sind prächtige Seldwyler Menschen darin, besonders die beiden Ehepaare Salander und Weidelich, und tragische Szenen, die das unverminderte künstlerische Vermögen des alten Meisters anzeigen, so namentlich die, wie die Weidelichs die Schande ihrer Söhne erfahren, und das Sterben der Mutter; und vieles über die Beschaffenheit eines Kunstwerks ließe sich daraus erlernen von dem, was überhaupt erlernbar ist –: das, was sich nicht gebieten läßt, den Odem des Lebens, hat der müde Dichter seinem letzten Werke nicht einblasen können.
Über sein ganzes Leben zu verteilen sind seine Gedichte, die von vielen nicht geschätzt wurden und werden, von andern aber, die mir die rechten Kenner seiner Poesie zu sein scheinen, als seine schönste Gabe und als allerschönste deutsche Gedichte überhaupt angesehen werden. Es gibt viele Gedichte, die einem, solange man jung ist, der eigenen poetischen Stimmung zu entsprechen und das eigene Gefühl klangvoll auszudrücken scheinen, wenige, die einen durchs Leben begleiten, scheinbar sich mit einem entwickelnd. So sind viele von Kellers Gedichten; sie überraschen einen immer wieder durch neue Aussichten, sie fassen nämlich ihren Gegenstand gerade im Mittelpunkte, sind so rein und wesentlich empfunden, daß der, welcher einen Augenblick darin lebt, immer, er blicke nach welcher Richtung er wolle, einen Ruhepunkt, einen Widerhall, ein Genügen für seine Seele finden muß. Zu solchen Gedichten rechne ich, ohne damit den ganzen Schatz erschöpfen zu wollen, das vom Sonnenuntergang, das Abendlied an die Natur, das allbekannte Abendlied, das Waldlied, das Herbstlied, das Gedächtnislied an Wilhelm Baumgartner, Untergehende Liebe, Poetentod, die von keiner persönlichen Vorliebe oder allgemeinen Geschmacksrichtung abhängig sind.
Man hat gegen die Gedichte eingewandt, daß sie aus der Prosa heraus, nicht unmittelbar als Melodie und Rhythmus entstanden seien, wogegen sich, wenn einmal jemand so empfindet, kaum etwas einwenden läßt, was das Gegenteil bewiese. Wer den stolzen, feierlich jauchzenden Rhythmus in dem Hymnus: »O mein Heimatland! o mein Vaterland!« nicht fühlt; nicht den hochmütigen, verführerischen, traurigen: »Alle meine Weisheit hing in meinen Haaren«; den lautlos schwebenden, durchsichtigen in dem Wintergedicht: »Nicht ein Flügelschlag ging durch die Welt«; den schmelzenden, in unendliche Tränen auflösenden in dem süßen Erinnerungsgedicht: »Ich will spiegeln mich in jenen Tagen« – dem Kellers Gedichte durch umschreibende Gründe aufzudrängen, möchte ich mich nicht unterfangen.
Die Härten der Sprache, an denen manche Anstoß nehmen, schützen vielmehr vor der leidigen Virtuosität und Eleganz, die jeder Unfähigkeit ein Ansehen gibt und worin jedes etwaige Eigenleben schwindet. Kellers Sprache überhaupt, das eigentliche Mittel seiner Kunst, hat nicht nur den unnachahmlichen Reiz der Eigenart, sondern ist auch schön und musterhaft, insofern sie sich ihre Gesetze geschaffen hat, die für jedermann gelten. Er beherrscht die unerklärliche Kunst, die unendlich oft gebrauchten und abgetragenen Worte neu erscheinen zu lassen, dadurch geeignet, eine noch unbekannte, nur sich selbst gleiche Welt aufzubauen. Nie ist ein Wort oder eine Wendung gesucht, und doch erscheinen alle, als wären sie noch nie dagewesen, frisch von Meisterhand geprägt. Es kam ihm dabei wohl zugute, daß er als Dialekt redender Schweizer an einem Urquell der deutschen Sprache saß; was den Ausschlag gibt, ist aber doch seine Intelligenz und seine Persönlichkeit. Über den Zusammenhang derselben mit seinem Stile kann man nichts Treffenderes sagen, als er selbst gelegentlich getan hat: »Es liegt mein Stil in meinem persönlichen Wesen: ich fürchte immer manieriert und anspruchsvoll zu werden, wenn ich den Mund voll nehmen und passioniert werden wollte.« Er war durch und durch ehrlich, unfähig, sich nur auf einen Augenblick selbst zu belügen und sich in irgendeine Stimmung zu steigern, die seinem Empfinden nicht gemäß war, wenn auch Lage und Neigung augenblicklich dazu drängten. Ebenso wählte er in der Sprache stets nur den wahrheitsgemäßen Ausdruck für das, was er darstellen wollte, und hätte es nicht gelitten, wenn derselbe die Stärke seines Gefühls übertroffen oder seinem Gegenstand nicht haarscharf entsprochen hätte. Hier hat nun auch der Verstand seine Stelle, der das Wesen der Dinge mit dem Wesen der Worte in Einklang zu setzen, den Wert eines Gefühles und den eines Satzgefüges aneinander abzuwägen weiß. Der Wahrhaftigkeit in Kellers Geiste vor allem verdanken wir es, daß seine Sprache nirgendwo gespreizt oder kokett, immer einfach, sachlich, durchgefühlt und durchgedacht und auf diesem Grunde schön ist. Ein Tropfen Lüge und Eitelkeit im Menschen spiegelt sich notwendig in seinem Stile und kann ihn zwar glänzend, absonderlich, interessant und sonst noch manches machen, scheidet ihn aber aus dem Bereiche der Schönheit. Der »leise Hang zur Manieriertheit, wo nicht Affektation des Stiles« ärgerte ihn denn auch an C. F. Meyer. Auch Keller stilisierte die Natur, d. h. er befreite sie vom Zufälligen und Unwesentlichen und gab ihr eine Form, oder, wie man es auch nennen könnte, vergeistigte und verewigte sie, ohne welchen Prozeß von Kunst überhaupt nicht die Rede sein kann; aber sein Stil wurde niemals affektiert oder manieriert, was erst entsteht, wenn die vorbildliche Natur dem Stile ganz aufgeopfert und dieser nun durch Entziehung seiner Grundlage und seines Gehaltes aufgeblasen und gespreizt oder schwächlich wird.