wo das Herz schlägt,
Auf der Menschheit frohe Linke,
Auf des Frühlings große Seite!

und äußerte die Meinung, ein verständiger Mann müsse Freund der Freiheit und des Fortschritts auf jedem Gebiete sein, was für Irrtümer und Torheiten es auch dabei zu überwinden geben möge.

Für die Weltpolitik fehlte es ihm nicht an Interesse und Verständnis; aber indem er die Großartigkeit der Verhältnisse in den Nachbarländern, wo sich in seinen Jugendjahren leidenschaftliche Kämpfe abspielten, bewunderte, kehrte sein Blick doch mit Genugtuung zu seiner Heimat und ihrer bewußteren, zweckvolleren Entwicklung zurück. »Wie unermeßlich aber auch alles ist,« schrieb er 1848 gelegentlich der Revolutionen in Wien, Berlin und Paris an einen Freund, »wie überlegen, ruhig, wie wahrhaft vom Gebirge herab können wir armen kleinen Schweizer dem Spektakel zusehen! Wie feingliederig und politisch raffiniert war unser ganzer Jesuitenkrieg in allen seinen Phasen und Beziehungen gegen diese freilich kolossalen, aber abc-mäßigen Erschütterungen! Selbst daß unsere Leute weniger Todesverachtung gezeigt haben, als fast alle diese verschiedenen Städte, ist mir lieber und beweist die feinere Kultur, das Bewußtsein, daß es eben gehen muß und soll, ohne sich allzu toll zu gebärden.«

Kellers Vaterlandsliebe war sowohl die instinktive, unwandelbare Anhänglichkeit an die mütterliche Erde, der nahezusein ihm Wohlgefühl und Augenweide bedeutete, wie gründliches Kennen und Schätzen und schließlich das Bewußtsein, durch Blut, Opfer, Ruhm und Gedankenarbeit der Vorfahren auf seinen Posten verpflichtet zu sein und den Nachkommen Haus und Gut, soviel an ihm sei, in würdig wohnlichem Zustande überlassen zu müssen. In dem Gedicht vom alten Bettler scheint mir Kellers Vaterlandsliebe vollkommen zum Ausdruck gebracht zu sein; zugleich seine unzerstörbare Kindestreue und die göttliche Ferne und Uneigennützigkeit seines großen Herzens.

Es ist bekannt, daß Keller nicht nur Liebhaber in der Politik war, sondern während einer Reihe von Jahren als erster Staatsschreiber Zürichs der Staatskanzlei vorstand und damit eine beträchtliche Menge von Geschäften zu erledigen hatte. Das gereicht der zürcherischen Regierung und ihm selbst zu hohem Ruhme; denn es gehörte von seiten der Regierung ein stolzes Zutrauen und feines Selbstbewußtsein dazu, dem nicht juristisch vorgebildeten und durch seine Gewöhnung an willkürliches Sichgehenlassen ein wenig verwilderten Dichter auf einen so hohen, jedermann sichtbaren Platz zu stellen, und andererseits Kellers intelligente Tüchtigkeit, der Meinung zu entsprechen.

Am Vorabend seines Amtsantritts machte Keller eine große Gesellschaft mit, bei der ihm der Weingenuß um so schlechter bekam, als er in den Groll über die Extravaganzen, die er mit ansehen mußte, hineintrank, und anstatt um 8 Uhr in der Kanzlei zu erscheinen, mußte er nach 10 Uhr von einem Regierungsrat aus dem Bette geholt werden, was der Entrüstung, die in weiten Kreisen über die unbedachte Wahl herrschte, Recht zu geben schien. Allein es war die letzte Welle, die Keller bis an den Hals und fast über das Zeichen des Eichmeisters hinaus schlagen ließ; nunmehr gebot er Halt und zeigte sich als ein so unantastbarer und gewiegter Staatsschreiber, daß die Widersacher sich sogleich bekehrten und öffentlich bekannten, sie hätten bei ihrer Beurteilung der Sache das Genie nicht in Betracht gezogen, das jede Aufgabe zu bemeistern wisse.

Es wäre verkehrt, die Sache so aufzufassen, als hätte durch den Beruf der Dichter sich ins bürgerliche Joch zwingen lassen und wäre Philister geworden; sehe man es lieber als einen Beweis an, daß dieser Dichter keine an der Menschheit schmarotzende Pflanze, kein außerhalb stehender Priester oder Götze sein wollte, sondern sich Mensch wie die andern fühlte, nur reicher und stärker an Trieb wie Bewußtsein, und darum der Gesellschaft mehr als andere verpflichtet.

Daß er während seiner Amtsjahre nicht dichtete, ist nicht zu beklagen, weil man sicher sein kann, daß in seinem Inneren Keimen und Wachsen war, und weil das langsame, stille Reifwerden zu seiner Eigenart gehörte, der zum Teil gewiß die besondere Süße und Fülle seiner Werke zu verdanken ist; aber auch abgesehen davon, ist es segensreich für ein Volk, wenn seine Künstler nicht nur durch ihre Werke, sondern auch durch ihr Leben voranleuchtend wirken, und die tapfere Selbstherrschaft, die Keller ausübte, indem er seiner Mutter und seinem Vaterland zuliebe sich in den Dienst des Staates stellte, macht ihn menschlich ehrwürdig und vorbildlich.

Nach 15 Jahren machte Keller sich wieder frei und begab sich daran, sein Lebenswerk zu vollenden, vor allen Dingen durch Überarbeitung des Grünen Heinrich. Verlangte nicht die Pietät, dem Dichter zu gehorchen, der einen Fluch über diejenigen aussprach, die jemals die erste Fassung seines Romanes wieder ins Leben riefen, so müßte uns der gute Geschmack bestimmen, sie der Vergessenheit, die er für sie wünschte, zu überlassen; denn wenn Keller die Fehler seines Jugendwerkes auch allzu peinlich empfand, so muß doch zugegeben werden, daß ihm der Mangel an Überblick des Ganzen, viel subjektives Reden und nachlässige Breite stellenweise mehr den Charakter eines Tagebuches als einer formgewordenen Kunstarbeit geben. Der Grüne Heinrich in seiner endgültigen Fassung dagegen besitzt die Reife und Vollendung, die vielleicht nur ein Werk haben kann, an dem Jugend und Alter gemeinsam gearbeitet haben. Einen solchen Roman besaß unsere Literatur trotz Wilhelm Meister und der Romantik noch nicht; der einzige in deutscher Sprache, der war, was diese Dichtungsform sein sollte, nämlich ein modernes Epos, eine homerische Dichtung, die doch nirgends eine solche Analogie sucht und ganz unter ihren eigenen Bedingungen erwachsen ist.

Ein Leben läuft ab, aus altem, ansässigen Bauernvolk hervorgegangen, in die bewegliche Stadt versetzt, von dem Strome des geordneten Staatswesens aufgenommen und weitergetragen, bis die eigenen Schicksalstriebe sich regen, die es mit wechselnder Bewegung, bald müßig schlängelnd, bald mit starkem Stoß und stürzend, durch Irrtum und Kampf, hart am Untergang vorüber, zu versöhnter, doch schmerzvoller Klarheit führen. Homerisch darf man die Dichtung insofern nennen, als alle dargestellten Verhältnisse und Menschen einfach und typisch sind und auch die Besonderheit des Stiles nur darin besteht, mit Unterdrückung des Zufälligen, Unwesentlichen, das schlechtweg Angemessene und das Verständnis Befördernde zu sagen.