Nietzsche hat die Bemerkung gemacht, daß ein jeder Charakter sein typisches Schicksal habe: Keller verliebte sich mehrere Male in große, schöne, willenskräftige, begabte Mädchen, die seine Gefühle mit herzlicher Freundschaft, aber nicht mit Gegenliebe erwiderten; zweimal verwendete er Jahre auf das Studium eines Berufes, der nicht der rechte war, während er das, wozu er wie wenig andere berufen war, verkannte oder doch hintansetzte – so wollte er in München Maler, in Berlin, wohin er im Frühling 1850 ging, dramatischer Dichter werden. Er wählte demgemäß seine Lektüre und zum Teil seinen Umgang und bildete sich durch häufiges Lesen und Anschauen von Dramen eine gute Theorie, im Anschluß an welche er eine Anzahl von Entwürfen, die er sich ausdachte, mit der Zeit auszuführen beabsichtigte. Unter denen, die vorhanden sind, leuchten manche als wirkungsvolle Theaterstoffe ein, so ein etwas possenhafter Lustspielplan, in dem zwei politische Heißsporne entgegengesetzter Richtung sich gegenseitig zum Tode verurteilen, wobei sie aber nur das Werkzeug von ein paar geschickten Spaßvögeln sind, bald von Gewissensqualen verzehrt werden, um sich am Schlusse leibhaftig zu begegnen; was man sich als ein drastisches Werk saftigen Kellerschen Humors ausgezeichnet vorstellen kann. Indessen, wenn man auch glauben darf, daß ein geistvoller Dichter wie Keller auch etwas Dramatisches ordentlich zustande gebracht hätte, so ist es doch sicher, daß seine starke epische und lyrische Begabung selbst ihn als Dramatiker behindert hätten. Dem ruhevollen Schilderer menschlicher Zustände und schöner Dinge wäre es schwer gefallen, auf der Bühne vorwärtszustürmen, das tiefste, weiseste ungesagt und den wonnigen Kleinkram des Lebens beiseite lassend, und hätte er es der Theaterwirkung zuliebe getan, müßten wir es schließlich nur bedauern. In des Dichters eigener Denkweise dürfen wir wohl glauben, daß, wenn er ein großer Theaterdichter hätte sein können, es ihm auch beschieden gewesen wäre, seine Pläne zu vollenden. Daß übrigens Keller so lange und so fest darauf beharrte, zum Dramatiker berufen zu sein, liegt vielleicht an der Lebendigkeit, mit der er seine Dichtungen schaute, so daß seine Gestalten wie auf einer Bühne vor seinen inneren Augen auf- und abtraten, ihren Satz sagten und ihre Mienen und Gebärden dazu machten und sich so zuerst gewissermaßen dramatisch abspielte, was er seinem Genius gemäß erzählen mußte.

Inzwischen arbeitete er gequält und verdrossen am Grünen Heinrich, teils des Gelderwerbs wegen, teils um eine vergangene Lebensperiode, die er überlebt hatte, wie eine sich lösende Haut endgültig abzustreifen. Der Plan zum Grünen Heinrich hatte sich ihm zuerst im Jahre 1846 dargestellt als eine elegische Geschichte, die seine Hoffnungen und Irrungen im Hinblick auf seinen vermeintlichen Malerberuf schildern und mit dem Tode des Gescheiterten enden sollte, der das teure Leben der Mutter einem für seine Schwachheit zu hoch gestellten Ideale geopfert hat. Der Umstand, daß die Idee des Buches Biographie war, aber mit dem Untergang und Tode des Helden schließen sollte, der in Wahrheit lebte und im Grunde von jeher wußte, daß er trotz alledem sich aufwärts bewegte, die Grundstimmung des Buches also eine dem vorbildlichen Leben verschiedene zu sein hatte, bedingte einen Zwiespalt, der dem Verfasser die Arbeit unerträglich erschwerte, um so mehr als er damals die überlegene Beherrschung des Stoffes, die ihn später auszeichnete, noch nicht besaß. Wäre er dabei geblieben, mit dem Münchner Aufenthalte abzuschließen, hätte er es verhältnismäßig leicht gehabt; allein der Trieb, sich alles Erlebte bildlich zu machen, veranlaßte ihn, den Inhalt des Heidelberger und Berliner Aufenthaltes, also das Gegenwärtige, mit in den Roman aufzunehmen, wodurch, da die fast erreichte Reise der letzten Periode mit der Absicht des ursprünglichen Planes nicht zusammenpaßte und überhaupt die Ferne zu einem Überblick nicht da war, das Mißverhältnis noch vergrößert wurde.

Der Braunschweiger Verleger Vieweg, ein feiner, verständnisvoller Mann, führte einen tragikomischen Kampf mit dem trotzigen Autor um sein Erstlingswerk, das er ihm Stück für Stück entreißen mußte, und ging in seiner Gutwilligkeit so weit, ihn zu sich nach Braunschweig einzuladen, damit er sein Buch dort ungestört vollenden könne. Keller wußte ihm keinen Dank, brummte vielmehr über den Zwang, der ihm angetan wurde, und schob darauf die Schuld an der ungleichen Ausführung der letzten Teile und des Schlusses, den er »buchstäblich unter Tränen schmierte«.

Das hohe Honorar, das Keller für den Grünen Heinrich erhielt, und eine nochmalige Unterstützung von seiten seiner Regierung konnte doch, wie es sich von selbst versteht, die Kosten des fünfjährigen Berliner Aufenthalts nicht bestreiten, und Keller mußte wie in München sparen, darben, Schulden machen. Die bitterlichen Leiden und Demütigungen der Armut hat er Tropfen für Tropfen gekostet, nicht nur in der ersten Jugend, wo eine gewisse äußere Beschränkung die innere Genußkraft etwa noch steigern kann, sondern in den dreißiger Jahren, wo der bewußte Wille der natürlichen Elastizität mühsam nachhelfen muß, und wo dürftiges Leben und Erscheinen an einem, der im Kreise der Gebildeten und Wohlhabenden verkehrt, Aufsehen, wo nicht Anstoß erregt. An einem traurigen Tage hatte er nichts mehr als ein Zehnpfennigstück, mit dem er sich ein Brot kaufen wollte; als er aber im Bäckerladen war und bezahlen wollte, wies die Verkäuferin seinen Groschen zurück, weil er ungültig sei, worauf er den Tag ohne etwas zu essen verbrachte und am folgenden sich entschloß, zu borgen. Unter dem Drucke des Bewußtseins, arm und verschuldet zu sein, verkroch er sich so gut es anging und lebte ein einsames und schweigsames Sonderlingsleben, das ihn selbst doch nicht befriedigte; damals machte er wohl die Erfahrung, die er dem Grafen im Grünen Heinrich in den Mund legte: man müsse durchaus danach streben, Geld zu haben, nur dann brauche man nicht daran zu denken, und sei wirklich frei. »Wenn es nicht geht, so kann man allerdings auch sonst ein rechter Mann sein; aber man muß alsdann einen absonderlichen und beschränkten Charakter annehmen, was der wahren Freiheit auch widerspricht.« Das ist eine Bemerkung, die den unerbittlich wahren, stets mit der Wirklichkeit als mit einer unanfechtbaren Größe rechnenden, hoch über sich und seinen persönlichen Leiden stehenden Geist schlagend offenbart.

Mit der Zeit erschien Keller doch, um seinem Sichgehenlassen und schweigendem Erstarren entgegenzuarbeiten, in der Gesellschaft, besonders in dem Kreise, den Varnhagen und seine Nichte Ludmilla Assing um sich versammelten, und in dem des Verlegers Franz Duncker und seiner Frau Lina; aber, wie man sich denken kann, sagte das geistreich ästhetisierende Berliner Wesen seinem auf das einfach Schöne und Wahre und auf ungebundene Daseinslust gerichteten Sinne nicht zu. Er seinerseits, der in größerer Gesellschaft meistens schwieg, tat es jedenfalls in ausdrucksvoller Weise und machte trotzdem überall einen bedeutenden Eindruck; wie ja das Gewicht einer Persönlichkeit, sie braucht bloß zu erscheinen, gespürt wird. Im Dunckerschen Hause lernte Keller ein schönes, großes Mädchen kennen, die ihn anfänglich in Berlin festhielt und schließlich daraus vertrieb; denn er wurde noch einmal von einer »ungefügen Leidenschaft« befallen, die, wie es scheint, durch ein mehr oder weniger unschuldiges Kokettieren von seiten der Geliebten unerträglich gesteigert wurde. Der Dichter hat ihr nicht nur im Grünen Heinrich als Dortchen Schönfund ein Denkbild gesetzt, sondern auch in der Novelle von Pankraz dem Schmoller als Lydia, so daß wir sie vom Standpunkt des Liebenden aus in ihrem Liebreiz, und von dem des Grollenden mit ihren gefährlichen Verführungskünsten kennen lernen. In dieser Zeit entstand das durch seinen süßen Ton ausgezeichnete Gedicht:

Weise nicht von dir mein schlichtes Herz,
Weil es schon so viel geliebet.
Einer Geige gleicht es, die geübet
Lang ein Meister unter Lust und Schmerz.

Aus den grausamen Fängen dieser Leidenschaft rettete er sich endlich an das unwandelbare Herz der Mutter, und die oft erträumte Heimkehr wurde endlich im Dezember 1855 nach siebenjähriger Abwesenheit ausgeführt.

Nichts weniger als reich und nur in einem kleinen Kreise von Kennern berühmt, aber als ein bewußt lebender und schaffender Mann kehrte der suchende Träumer zurück; den Schatz, auf den es ankommt, hatte er also doch gehoben. Welche Rolle bei Keller das bewußte Geistesleben spielte, verdient nachdrücklich betont zu werden in einer Zeit, wo viele glauben, das Höchste in der Kunst vermöge nicht des Menschen bewußter Geist, sondern es gehe aus einer ihm selbst nicht ganz durchdringlichen Dämmerung seines Innern hervor, und durch Bildung, also Aufhellen des Bewußtseins, laufe man Gefahr, die im Dunkel hausende Genialität zu verscheuchen. Keller hatte von früh auf den Trieb, sich über sich und die Welt klar zu werden, der mit der Zeit zur festen Einsicht wurde, daß erst im Lichte des Bewußtseins das Schwankende sich gestaltet, das Zufällige notwendig wird. Von dem alten Schlachtendichter Scherenberg, mit dem er in Berlin verkehrte, sagt er, er sei »ein Genie, aber ein alter, unwissender Hanswurst, der den Mangel an Selbstbeaufsichtigungs- und Bildungsfähigkeit durch allerhand Charlatanerie zu verdecken sucht.« Nicht minder hart urteilt er über die »Gedankenlosigkeit und Faulheit« seiner Jugend und die Erzeugnisse der »unwissenden Lümmelzeit«. Der Grüne Heinrich in seiner ersten Form und die erste von den Seldwyler Novellen, Pankraz der Schmoller, sind noch mehr Schöpfungen eines genialen Dranges als eines göttlichen Geistes, der, wenn er es Licht werden läßt, schon jedes Teilchen der Welt kennt, die darin spielen soll. Merkt man diesen Werken auch an, daß sie von einem denkenden Dichter sind, so ist doch nicht zu verkennen, daß er seinen Stoff nicht durchaus in der Hand hat, sondern zuweilen von ihm geführt wird, wohin er nicht eigentlich wollte. Was er danach schrieb, ist von einem, der sich für jedes Wort und die Stelle, an der es steht, verantwortlich weiß und darüber Rechenschaft ablegen kann. Der klarste Verstand hantiert mit den Ausgeburten der unbändigsten Phantasie, und die bacchantischen Gebilde, die aus den Schluchten des Unbewußten auftauchen, nimmt ein feingeschliffenes Spiegelglas mit reinem Umriß auf.

Es ist der Mangel an Verstand und der Mangel an Gefühlskälte und Gefühlsferne, der die meisten Dichter von dem Preise, nach dem sie ringen, ausschließt. Kellers ungemeiner Verstand bewahrte ihn vor Geschmacklosigkeiten und Banalitäten, deren Nachbarschaft jede noch so blühende poetische Schönheit vollständig entwertet, doch macht er sich niemals positiv bemerkbar; der Dichter erscheint in seinen Werken nur schaffend, gestaltend, bejahend, niemand denkt an den schneidigen Mitarbeiter, der mit ruhiger Selbstverständlichkeit, daher unauffällig, im Hintergrunde steht. Er hatte die Nüchternheit, die Hölderlin heilig nennt, im Augenblick, wo er die andern berauschte. Überwältigte ihn auch wohl einmal beim Schreiben das Gefühl bis zu Tränen, so dachte er doch im ganzen, wenn er arbeitete, nur an die Gestaltung des Stoffes nach einem bestimmten Kunstideal: »Denn ich bin ein Auktor,« schrieb er einmal, »bei dem es sich außer dem Honorar auch noch um eine gesetzmäßige, ordentliche Entwicklung handelt, wo das letzte Opus immer das beste und ein Fortschritt erkenntlich sein soll.« Die Stürme, Tränen und Ängste waren abgetan zur Zeit der künstlerischen Verarbeitung, und das Gefühlsmäßige in seinen Stoffen konnte die harte Hand des Schaffenden nicht mehr erweichen. Diese Kälte des Menschen, die die wahre Glut des Künstlers ist, erschwert vielen Lesern den Genuß seiner Werke, da weitaus die meisten Menschen, nicht nur die Frauen, nur durch das Gefühl, ja nur durch Sentimentalität berührbar sind. Selbst ein feiner Dichter und Künstler wie Storm konnte Keller in seine dünne Höhenluft, bis zu der scheinbaren Grausamkeit, die das angenehme Verweilen auf jedem wonnigen Plätzchen verschmäht, nicht immer ganz folgen.

Es soll nun selbstverständlich nicht gesagt sein, Verstand und Absicht für sich allein wären imstande, ein Kunstwerk hervorzubringen, und am allerwenigsten, das wäre Kellers Fall gewesen; aber wie es aus dem Unbewußten vom Bewußtsein erzeugt werden soll, das läßt sich an seinem Muster studieren. Er trägt sein Geschöpf wie eine Mutter ihr Kind ohne Ungeduld, ohne sein Traumweben zu stören, speist es mit allen Zuflüssen, die sein Geist mit oder ohne Willen aufnimmt, ja manchmal verpaßt er sogar die Stunde, wo es lebendig ans Licht hätte kommen können. Es wurzelt mit ihm in dunkler Erde und treibt mit ihm die Krone ins grüne Licht. Nichts war Keller mehr zuwider als das ohnmächtige Betasten und Zerfasern des Gegenstandes, das »Grübeln über die Mache«, das er an Grillparzer und Otto Ludwig tadelt, da doch das einzig richtige sei, unbefangen etwas zu machen; wobei er als selbstverständlich voraussetzt, daß das Wissen, wie etwas zu machen sei, vom Künstler bereits erworben und ihm Natur geworden sei. Ähnlich wie wir beim tierischen Körper nicht die im Innern des Organismus verlaufenden Funktionen, nur seine fertige Gestaltung wahrnehmen, so will der Künstler, daß wir nur den hellen Gedanken und das sprechende Bild, nicht den trüben Weg, der vom Gefühl dahin führte, sehen; Keller wenigstens empfand das Entblößen von etwas Innerem, das zudringliche Aufwühlen von dem, was die Natur zu verhüllen pflegt, ja schon das Spintisieren und weitgehende Zerlegen der Erscheinungen durch den Verstand als eine Verletzung der Unschuld und Bescheidenheit, weswegen er eine impulsive Abneigung gegen die Briefwechsel der Rahel Varnhagen nicht unterdrücken konnte.