Beim Anblick eines Schwanes, der, auf einem Waldsee ziehend, bald den Hals in die Flut taucht, bald ihn wieder hebt und lauscht, mußte Keller an seine eigene Seele denken, die, verwundert über das Leben, umherschaut, und er ruft ihr zu:

Atme nun in vollen Zügen
Dieses friedliche Genügen
Einsam auf der stillen Flur.
Und hast du dich klar empfunden,
Mögen enden deine Stunden,
Wie zerfließt die Schwanenspur.

Er hielt es geradezu für ein Ziel des Daseins, über sich und seine Stellung in der Welt zur Klarheit zu gelangen; aber nicht über sich als eine unbegrenzte Möglichkeit, sondern als Realität, die lebend und handelnd erscheint, wozu vor allen Dingen Ehrlichkeit erforderlich ist.

Man muß, wenn man Keller als bewußten Menschen betrachtet, um ein richtiges Bild zu gewinnen, stets im Auge behalten, daß er ebensosehr Instinktmensch war, mit starken Zuneigungen und Abneigungen, die leicht gegen ungermanische Rasse und Art entstanden, und sich nicht selten in bedrohlicher Weise äußerten, indem er etwa auf den Tisch schlug, daß die Gläser zersprangen, oder Prügel an Unliebsame austeilte. In solchen Wutausbrüchen durchbrach zuweilen das unterirdische Feuer sein natürliches Phlegma. Es läßt sich aber wohl denken, daß er für sein ungeheuer weites und helles Bewußtsein mehr Gegengewicht brauchte, als seine Natur und seine Lebensumstände ihm boten, und daß er übermäßiger Liebhaber des Weingenusses wurde, weil er das im Rausche fand. Im Grünen Heinrich erzählt Keller, wie er beim Tellfest auf dem Lande angefangen habe zu tanzen und zu lärmen, ohne zufrieden zu sein; denn die Lust sei ihm im einzelnen viel zu nüchtern und langsam gewesen. Da gerät er zu einer Gesellschaft weintrinkender Burschen, und hier findet seine Sehnsucht endlich ein Ziel: »Ich trank von dem kühlen Wein, dessen schöne Farbe meinen Augen sehr wohl gefiel, und fing leidenschaftlich an zu singen.« Man sieht, daß erst nach Lähmung des großen kritischen Apparates, den er im Kopfe hatte, die Wirklichkeit seinen Phantasievorstellungen ähnlich wurde, und daß er sich im Grunde nur nach dieser innerlichen Entfesselung sehnte. Noch allgemeiner und tiefer ist es überhaupt das Bedürfnis der von ihrer durchdringenden Bewußtheit und ihrer Einzelheit ermüdeten Seele, sich von einer großen Lethewelle überschwemmen zu lassen, ähnlich wie man sich im Schlaf vom Wachen erholt. Nach strenger Anspannung tritt eine beglückende Lösung ein. Es ist scherzhaft zu beachten, was für einen Ehrenplatz der »goldfarbene Löwe« in Kellers Werken einnimmt; häufiger noch als bei E. T. A. Hoffmann die gemütlichen Punschbereitungen sind bei Keller die Gelegenheiten, wo schönfarbiger Wein gereicht wird, und nicht genug, daß sich die Wackern am Guten erfreuen, kennzeichnen die Schlechten ihre Verachtungswürdigkeit dadurch, daß sie sauren und wohlfeilen trinken, wie der Seldwyler Viggi Störteler mit seinen Genossen, die noch dazu den »Schwefelwein« nicht vertragen können und große Abschwächung und Übelkeit davontragen. Übrigens lobte Keller seinen Hang zum Weintrinken im Ernste selbst nicht und gab sich ihm auch nicht in so maßloser Weise hin, daß er dadurch sein Leben und seine Lebensarbeit geschädigt hätte.

Kellers Beschaffenheit, die ich eben mit einigen Strichen zu umschreiben versuchte, spiegelte sich wieder in seiner Weltanschauung und in seinem praktischen Verhalten, das mit dieser übereinstimmte. Es wurzelte nämlich seine Weltanschauung gleichermaßen im Bewußten wie im Unbewußten, das heißt, er erfaßte Gott sowohl als das allgemeine Bewußtsein, in dem jedes einzelne seinen Urquell habe, wie in der Natur als ewig wechselnden und gestaltenden Lebenswillen; und wenn er als Kind und Jüngling die Leitung seines Lebenslaufes der Fürsorge des allweisen Versorgers anvertraute, war das ebenso aufrichtig, wie wenn er nach den wundervollen Strophen:

Damals war ich ein kleiner Pantheist
Und ruhte selig in den jungen Bäumen

im Schoße der Natur sich im Schoße Gottes fühlte. Unter dem Einflusse Feuerbachs machte er insofern eine Umwandlung durch, als er das Dogmatische und Vermenschlichte, was infolge der Erziehung seinem Glauben noch anhing, abwarf, namentlich in bezug auf den Glauben an die Unsterblichkeit. Wenn er mehrmals betont, daß er den Gedanken an Unsterblichkeit aufgebe zugunsten eines desto glühenderen Erfassens der Wirklichkeit, des Lebens, so sieht man daraus, daß er hauptsächlich jene Auffassung bekämpfen will, die den Schwerpunkt auf ein nach Maßgabe des irdischen Wesens vorgestelltes oder besser erträumtes Jenseits verlegt, anstatt die auf Erden gestellten Aufgaben mit ganzer Hingebung zu erfassen und sich dem großen Gesetzesgange der Welt bescheiden zu unterwerfen. Er hat die unter dem Einfluß Feuerbachs geklärten Ansichten in der Figur Dortchen Schönfund verdichtet, in der die Wehmut des Verzichtes auf die Unantastbarkeit des eignen Selbst sich reizvoll vermischt mit der eben dadurch erhöhten Lebenswonne.

Sei dem wie ihm wolle: man kann mit dem Verstande und dem Geschmack die verschiedensten religiösen und philosophischen Meinungen billigen, eine, die im Wesen des Menschen begründet ist, bleibt davon unberührt, und das war bei Gottfried Keller die eigentliche Frömmigkeit und Gottgläubigkeit, bestehend in der immer gegenwärtigen Überzeugung von der Folgerichtigkeit und Zweckmäßigkeit alles Geschehenden und in der unerschütterlichen Verehrung der Vernunft des Weltganzen. Im Grünen Heinrich löst er selbst das Wunder der Gebetswirkung, als welches er es zuerst ansieht, dahin auf, daß er die rettende Wendung aus der durch das Gebet in ihm entstandenen Sammlung und Kräftigung erklärt, die ihn befähigte, ein geeignetes Hilfsmittel zu entdecken, und er fühlt sich nun wiederum befriedigt, »indem eben dieser Prozeß göttlicher Natur sei, und Gott in diesem Sinne ein für allemal die Appellation des Gebetes dem Menschen delegiert habe, ohne im einzelnen Falle einzugreifen, auch ohne sich für den jedesmaligen unbedingten Erfolg zu verbürgen«. Dies lautere Gottesbewußtsein bildet den goldenen Grund aller Dichtungen Kellers: ein tiefes Ruhen in der Vernunft des Alls, dem er sich selbst angehörig fühlt.

Dieselbe Frömmigkeit beseelte Keller gegenüber der Natur; während es im allgemeinen solche Menschen gibt, die Ehrfurcht vor Gott, dem Geiste, empfinden bei verhältnismäßiger Herabsetzung der Natur, und solche, die, weil sie die eisige Majestät des Geistes fürchten, sich mit fast krankhafter Zärtlichkeit in die Arme der Mutter, der Natur, flüchten, so hegte Keller, glücklich harmonisch, gleiche Liebe für beide. Ich kenne keinen Dichter, der so treu und inbrünstig verehrend und dabei mit durchfühlendem, lächelndem Verständnis die Natur in die Kunst übertragen hat, wie es eben nur ein Kind mit der Mutter tun kann. Er kennt ihre herrlichsten Wunder und ihre heimlichsten Wege, er liebt ihre goldenen und grauen Tage, teilt das Höchste und Kleinste mit ihr. Sie ist die Geliebte, die ihn mit ewiger Treue und Jugend erquickt; ihren warmen Mutterblick möchte er im Streit des Lebens auf sich ruhen fühlen, ihre Frühlinge, Früchte und Sterne sind ihm statt alles irdischen Gutes. Sein Herz ist ganz in dem armen Jungen, der die Pfennige zu erbetteln vergißt, die seinen Hunger stillen sollten, weil einer Hyazinthe »seliger Duft« ihn betörte, und das Begrabenwerden in der braunen Erde ist ihm ein wohliges Verkriechen in den guten mütterlichen Schoß. Tiere führte er mit so pietätvoller Liebe ein, daß durch ihn der Menschengeist ihre bewußtlos wissende, haltlos flutende Seele mit seinem unsterblichen Atem zu überhauchen scheint. Ich erinnere an die Eidechse in dem Zyklus vom Lebendig Begrabenen, die vom Zweige herab auf den Jungen schaut, der unter dem Baume liegt und träumt:

Nie hab ich mehr solch guten Blick gesehn
Und so lebendig ruhig, fein und glühend;
Hellgrün war sie, ich sah den Odem gehn
In zarter Brust, blaß wie ein Röschen blühend;