Nach kurzer Frist jedoch verdarb Lando den weiteren Verlauf durch seine Neugierde; denn um zu sehen, was für eine Andacht der Bischof allabendlich vor dem Alraun ausübte, öffnete er die Tür seines Schlafzimmers, als Wonnebald eben eifrig knicksend vor der Zaunrübe umhersprang, wurde trotz aller Vorsicht von diesem gehört und mußte wohl oder übel vollends eintreten und sein unberufenes Eindringen durch einen rasch ersonnenen Vorwand erklären. Diesem war der Bischof allerdings geneigt Glauben zu schenken, aber da Lux ihm gesagt hatte, daß das Alräunchen augenblicks seiner Fruchtbarkeit verlustig gehen würde, wenn ein dritter es sähe oder etwa gar ihn bei seinen andächtigen Verrichtungen überraschte, war er überzeugt, daß es mit dem unschätzbaren Brutgeschäft nunmehr zu Ende wäre, und fand sich durch das Ergebnis des nächsten Morgens darin bestärkt; er hatte sich nämlich aus Angst vor neuen Störungen so gründlich eingeschlossen und verschanzt, daß Lando nicht eintreten konnte, um den üblichen Zauber vorzunehmen.

Um die Abendzeit machte sich Lando auf, um Lux, wenn es sich so fügte, daß er ihr begegnete, von dem, was vorgefallen war, in Kenntnis zu setzen. Noch war die Hitze des Tages nicht verdämmert, und er suchte unwillkürlich schattige Wege auf, so daß er an den unteren Lauf des Flusses geriet, wo er mit verminderter Wucht in breiterem und flacherem Bette hinströmte. Hellgrüne Weiden und buschige Erlen bekränzten seine beiden Ufer und ließen einen schmalen Pfad frei, der hier, ein gutes Stück unterhalb der Ortschaft, wenig begangen wurde; auch fragte sich Lando, nachdem er eine Weile, ohne einer Seele zu begegnen, vorwärts gegangen war, wie er dazu käme, Lux in dieser abgelegenen Gegend zu suchen, und war im Begriff umzukehren, als er ein Plätschern und verstohlenes Lachen hörte, das ihn bewog, noch ein wenig weiterzugehen. Gleich darauf hielt er an und zog sich hinter die nächsten Bäume zurück, da er bemerkte, daß das Geräusch von Badenden herrührte, erkannte aber fast gleichzeitig in der Frau, die halben Leibes aus dem Wasser tauchte, Lux und blieb unbeweglich an seinem Platze stehen. Lisutt saß auf einem Stein und schlug mit den zierlich kräftigen Beinen auf das Wasser, wodurch ein magerer brauner Junge, Brun, den Lando nicht kannte, über und über bespritzt wurde, der nun seinerseits die Kleine mit Wasser übergoß; sie streckte abwehrend die runden Arme aus, kniff die lustigen Augen zusammen und schüttelte sich, daß die braunen Haare wild um ihre nassen Schultern tanzten in der Ausgelassenheit des elementarischen Spieles. Lando betrachtete die Kinder nur flüchtig, so sehr fesselte ihn das Bild der Frau, deren fest und edel gebildete Beine durch das grüne Wasser bald wie Silber, bald wie Alabaster schimmerten, während Nacken, Arme und Brust, der schlanke Leib und der elastische Rücken, wenn sie sich beugte oder aufrichtete, die Biegsamkeit und farbige Wärme lebendigen Fleisches zeigten. Ihr ins Gesicht wagte er nicht zu sehen, obwohl er wußte, daß sie ihn nicht sehen konnte, und obwohl er die lebhafteste Sehnsucht hatte, ihren milden und mutwilligen Blick zu fühlen. Daß sie sich als Frau offenbart hatte, erregte ihm kein besonderes Erstaunen, vielmehr war ihm so zumute, als hätte er es von jeher gewußt oder wenigstens so sicher wie die Verwandlung eines Schmetterlings erwartet.

Vorsichtig, die Augen auf den Fluß gerichtet, ging er rückwärts, dann, als er sicher war, daß er von dort aus nicht mehr gehört oder wahrgenommen werden konnte, fing er an zu laufen und hielt erst ein, als er bei einer breitköpfigen Ulme angekommen war, die eine leichte Bodenerhebung krönte und unter der er sich niederlegte. Tränen liefen ihm über die Wangen, ohne daß er es bemerkte, so erschüttert war seine Brust von Rührung und inniger Liebe; noch schwankte der nackte Leib vor seinen Augen, und zugleich war es ihm, als müsse er, vor ihre Füße geworfen, sie um Vergebung anflehen, daß er, wenn auch ohne seine Schuld, ihre Verborgenheit belauscht hatte. Obgleich er kein Neuling in Liebesangelegenheiten war, glaubte er doch zum erstenmal zu lieben und fühlte sich beglückt in der Sicherheit, bis zum Tode und ewig darüber hinaus dieser einzigen Frau anzugehören. Der Mond stieg allgemach, überfließend von gelbem Lichte, hinter dem Gehölz empor, und Lando lag noch immer in das schaudernde Gras gedrückt, sah den stillen Flug des vollen Gestirnes und fühlte sich eins mit der Erde, die rein entzückt die Beseligung der Nacht empfing. Gegen Mitternacht ging er nach Hause, schlief fest bis in den hohen Tag und kleidete sich langsam an, im schwelgerischen Vorgenuß der ersehnten Begegnung ebenso bestrebt, sie hinauszuschieben, wie ungeduldig, sie herbeizuführen.


Der Bischof hatte unterdessen Lux aufgesucht und ihr den Unfall, der dem Alräunchen zugestoßen war, erzählt, worauf sie, zufrieden, daß der Spaß so weit geglückt war, es für unmöglich erklärte, unter den Augen eines Spähers und vielleicht Mitwissers zum zweitenmal eine solche Zauberei anzuzetteln. Wonnebald, dem nichts erwünschter war, als von einer unscheinbaren Wurzel, deren Eingeweide die nutzbringende Natur so artig eingerichtet hatte, allnächtlich ein Häufchen Gold auf das Kopfkissen gespuckt zu bekommen, neigte zu dem Wunsche, Lando, den er für das einzige Hindernis der Goldabsonderung ansah, auf die eine oder andre Weise zu entfernen, und sagte zu Lux, wenn sie aus ihren Büchern eines Mittels kundig wäre, um unliebsame Störenfriede, sei es mit Beeinträchtigung von Gesundheit oder Leben, sei es ohne Schädigung derselben, aus dem Wege zu räumen, so wolle er die Folgen auf sich nehmen und mit Dank und Lob ihrer Geschicklichkeit nicht zurückhalten. Sie erschrak im Herzen über diese Zumutung, ließ aber nichts davon merken, sondern antwortete, indem sie nachdenklich den Kopf wiegte, eine solche Sache müsse langsam reif werden, sie wolle alles wohl bedenken, er möge inzwischen nichts unternehmen, ohne ihren Rat einzuholen. Nachdem er sich entfernt hatte, nahm sie ihren Lieblingsplatz am Fenster ein; ihr Blick schwebte zwischen dem weißen Wasser, das nicht müde wurde sich selber zu verschlingen und in furchtbaren Todesstürzen sich von sich selber befreien zu wollen schien, und dem bleichen Himmel, der heute matt herabhing und die Luft zusammenzudrücken schien. An dem gegenüberliegenden breiten Berge zog sich deutlich erkennbar ein schmaler, blasser Pfad hinauf, über dem das farblose Gewölk so unbeweglich lag, als wenn er auf immer verschüttet wäre, und ein beklemmendes Gefühl, eingeengt und gefangen zu sein, bemächtigte sich ihres Herzens. Wie sie so dasaß, kam Lando unter ihrem Fenster vorbei, blieb stehen, als er ihrer ansichtig wurde, grüßte und suchte errötend nach einer Anrede, ohne ein Wort finden zu können, das ihm passend schien. Sie wartete ein wenig und erzählte ihm dann flüsternd, halb scherzhaft, halb ängstlich, daß der Bischof ihm nach dem Leben trachte und sie gedungen habe, ihn umzubringen. »Das könntest du doch nicht,« sagte er leise und sah sie ernsthaft und zärtlich an, indem er dicht an die Mauer herantrat, die Arme in die Fensterbank und den Kopf auf die gefalteten Hände legte. Sie antwortete treuherzig: »Nein, das könnte ich nicht,« und beugte sich, von seinem flehenden Blick angezogen, zu ihm nieder, worauf er sie mit beiden Armen umschlang und ihren Mund, der dem seinen entgegenkam, küßte. Sie blieben eine Weile so, ließen sich los, lachten und umarmten sich von neuem; daß er ihr Geschlecht erraten hatte, erschien ihr selbstverständlich und keiner Frage wert. Erst als Lando, durch Schritte, die näher kamen, erschreckt, sich mit kurzem Gruß entfernte, besann sie sich, seufzte mehrmals und brach endlich in Tränen aus, die lange nicht trocknen wollten, dann aber einer starken, hochschwebenden Freudenstimmung wichen.

An den nächstfolgenden Tagen trafen sie sich einmal oder mehrmals, und es schien ihnen bald so, als wären sie seit Wochen, ja seit Monaten und Jahren durch gegenseitige Liebe verbunden, nur daß Lando nicht verriet, daß er sie an jenem Abend im Fluß hatte baden sehen und es als Geheimnis bewahrte, mit dessen Offenbarung ihr Glück die letzte, überschwengliche Weihe erhalten würde. Oft, wenn er bei ihr war, vergaß er es, oder es kam ihm plötzlich unwichtig vor, oder, wenn er in ihre unschuldig wissenden Augen blickte, schien es ihm töricht oder anmaßend oder zwecklos, davon zu sprechen; endlich, an einem heißen, wolkenlosen Sommertage, entfuhr ihm zufällig ein andeutendes Wort, das er gleich darauf zurücknahm, und da sie arglos in ihn drang, das Rätsel zu lösen, beschwor er sie, beim Einbruch der Nacht unterhalb des Dorfes an den Fluß zu kommen, wo er ihr einzig gestehen könne, was er nicht laut unter der Sonne zu sagen wage. Lux errötete und stutzte, aber nein hätte sie nicht sagen können.

Abends, nachdem sie die Kinder zu Bette gebracht hatte, setzte sie sich ins Fenster, um zu warten, bis sie eingeschlafen wären; aber Brun, der eine außergewöhnliche Erregung an seiner Mutter bemerkt hatte, kämpfte mit Anstrengung gegen die Müdigkeit, und erst als es eine Stunde vor Mitternacht war, überwältigte das tapfere Kind der Schlaf. Lux hörte es an seinen ruhigeren Atemzügen und schwang sich mit ganzem Leibe in die Fensterbank, um ins Freie zu springen, zögerte aber wieder und kehrte noch einmal ins Zimmer zurück, um sich zu vergewissern, daß die Kinder fest und ruhig schliefen. Sie war so erregt und aufgewühlt, daß das unzählige Male gesehene Bild der schlafenden Kinder sie wie etwas Fremdes rührte; Brun sah traurig aus, Lisutt hingegen lag da, als wären scharenweise Engel um sie versammelt und hielten einen himmlischen Baldachin über ihr, dessen Licht von ihren Wangen widerschiene. Ihre Lippen waren so weit geöffnet wie eine wilde Rose vor Tag, ein winziger Blutring in einfachster und süßester Linie um das überirdische Geheimnis gebogen, das in kaum hörbar aus- und einwehendem Atem sein Dasein verriet. Lux stand mit überfließenden Augen an dem Bett und konnte nicht gehen noch bleiben; aber ein unvermeidliches Schicksal, das sich mit ihrem Herzen verkettet hatte, schien sie dahin zu rufen, wo der Geliebte sie erwartete, und sie schwang sich noch einmal in das Fenster und ließ sich sacht an der niedrigen, leise bröckelnden Mauer herab.

Draußen duftete die Nacht, und die unbestrahlte Erde enthüllte ruhevoll ihren Leib in der einsamen Dämmerung. Lux atmete tief auf und reckte die Arme in die Luft; ihre Brust weitete sich, und sie mußte gewaltsam den Schrei des Entzückens auf den Lippen festhalten, während sie mit fliegenden Füßen die weichen Pfade zu den Gebüschen am Fluß hinuntereilte.

Sie trafen sich nun mehrere Nächte so, wohingegen sie sich am Tage nicht zusammen wollten sehen lassen, um keinen Anlaß zu Verdacht und Geschwätz zu geben; denn Lando war zwar ungeduldig, Lux als seine Frau heimzuführen, wollte aber mit der Veröffentlichung des Verhältnisses warten, bis seine Mutter, die krank und nach Aussage der Ärzte in Lebensgefahr war, entweder genesen oder dann durch den Tod aller Kränkung entrückt wäre. Trotz der beabsichtigten Vorsicht indessen begegneten sich die Liebenden auch nicht selten bei Tage, so daß es dem Bischof nicht entgehen konnte, der nicht aufhörte, Lux zu beobachten und nachzustellen. Sie gab unverlegen die Erklärung, daß sie vertraut mit Lando werden müsse, um ihm etwas Zweckmäßiges beibringen zu können, womit Wonnebald sich zufriedengab, da er ohnehin den Kopf der allerärgsten Sorgen voll hatte.

Nachdem nämlich die Fruchtbarkeit des Alrauns infolge des Gegenzaubers von Landos Neugierde abgestorben war, nahm der Bischof seine früheren Lebensgewohnheiten wieder auf, insbesondere die Zusammenkünfte mit Hermenegilde, die bereits ein eifersüchtiges Mißtrauen wegen seiner Zurückgezogenheit und Geheimtuerei gefaßt hatte. Das lenzliche Prangen der Natur schien auch die Liebe saftiger und würziger zu machen, so daß Wonnebald sich schon über die unterbrochene Goldmacherei getröstet fühlte; aber der widerliche Nachgeschmack, der sich sooft aus den Wollüsten des Lebens entwickelt, blieb nicht aus, indem Hermenegilde plötzlich Muttergefühle an sich wahrnahm und das Paar sich mit dem Gedanken an Kindersegen vertraut machen mußte. Nach Überwindung des ersten Schreckens empfand Hermenegilde hierüber mehr Freude als Kummer, die täglich zunahm, Wonnebald hingegen schlug das Glück, Vater zu werden, gering an und hätte den unwillkommenen Sprößling gern schon im Mutterleibe umgebracht, in der Meinung, daß es je später desto schwieriger und gefährlicher sein würde. Anfänglich trug er sich mit dem Gedanken, auch in dieser Sache Lux um einen wirksamen Zauber anzugehen, mußte aber bald bemerken, daß Hermenegilde über seine lieblose Gesinnung in große Erbitterung und Aufregung geriet, die er nur durch völlige Unterwürfigkeit und heuchlerische Zärtlichkeitsvorspiegelungen beschwichtigen konnte. Hermenegilde zweifelte nicht, daß die unterjochten Stiftsdamen, wenn sie das Geheimnis entdeckten, sich ducken und schweigen würden, ja im Grunde konnte sie sich nichts andres vorstellen, als daß das Hervorbrechen ihrer Nachkommenschaft von der erstaunten Welt mit Pauken und Posaunen werde gefeiert werden, und sie ließ es nicht an beißenden Bemerkungen über die Menschenfurcht des Bischofs fehlen.