Vorzüglich verließ sie sich in dieser Angelegenheit auf eine alte Magd, die ihr in allen Dingen blindlings zu Diensten und von Anfang an Mitwisserin des hochwürdigen Liebesverhältnisses gewesen war, das sie freilich mißbilligte. Die Alte, die ohne Zaudern jedes schuldlose Stiftsfräulein ins Wesenlose befördert hätte, das ihrer Herrin unbequem gewesen wäre, betrübte und entrüstete sich darüber, daß die gewaltige Dame, in Hingebung zerschmolzen, ihren Ruf einem Manne aufopferte, und erlaubte sich oft, ihr die verliebte Schwäche vorzurücken. Vor allen Dingen grollte sie dem Bischof, der durch sein Dasein alles verschuldet hatte, und ließ sich auch durch die reichen Geschenke, die er ihr zusteckte, damit sie ihm ein weniger grämliches Gesicht mache, keineswegs besänftigen, vielmehr verachtete sie ihn wegen dieser furchtsamen Bestechungen um so gründlicher.

Dem Bischofe brach kalter Schweiß aus, wenn er daran dachte, was für ein Ende das nehmen sollte, und in einem solchen Zustande von Beängstigung kam ihm eines Tages der Einfall, es mit Gebet und Gelübde zu versuchen, da doch möglicherweise Gott oder wenigstens die Heiligen zu einer wunderbaren Hilfeleistung imstande und geneigt wären. Von der Aussicht schon ein wenig erheitert, kleidete er sich veilchenblau an und begab sich geradeswegs in die Burgkirche hinein, wo im Gegensatze zu der Mittagshitze, die draußen siedete, liebliche Kühle und Dunkel herrschten. Ein kitzelndes Wallen und Knistern um sich verbreitend, schritt er durch die Säulen und verschwand in der letzten Seitenkapelle, die der sogenannten Millionenmutter oder Millionenmaria gewidmet war. Es befand sich dort nämlich in einem verschlossenen Glasschreine eine schön geputzte Puppe, die die Gottesmutter ohne Kind darstellte und vorzüglich als Krankenheilerin verehrt wurde, da sie vor Jahrhunderten einmal der Pest, die Klus fast sämtlicher Einwohner beraubt hatte, endlich von den übriggebliebenen in Prozession durch die Gassen getragen, Einhalt geboten haben sollte. Diese Figur trug eine Krone, deren Gestell aus Messing war, die aber mit verschiedenen Edelsteinen von außerordentlicher Größe und Kostbarkeit besetzt war, weswegen ihr der Volksmund den erwähnten Namen angehängt hatte, und welcher Reichtum die Ursache sein mochte, daß sich mit Vorliebe die in Geldnot befindlichen Gläubigen an sie wandten. Als der Blick des knienden Bischofs auf die milde funkelnden Steine fiel, kam ihm der Gedanke, daß dieser brachliegende Schatz ihn für alle Zeit aus seinen Verlegenheiten retten könnte, und wuchs mit solcher Schnelligkeit und Gewalt zum unwiderstehlichen Wunsche, daß er ihm einer Eingebung gleichzukommen schien. Tief in Gebetsstellung zusammengekrümmt, überlegte er sich, daß außer ein paar alten blöden Leuten zu dieser Zeit niemand in der Kirche wäre, daß, abgesehen davon, niemand sehen könne, was abseits in der düsteren Kapelle vorginge, und also, da er auch die Schlüssel bei sich hatte, nichts ihm im Wege stände, um sich augenblicklich des Kleinodes zu bemächtigen. Nachdem er vorsichtig in die Kirche hineingelauscht und sich überzeugt hatte, daß sie leer und totenstill war, öffnete er leise die gläserne Tür und löste der Puppe die Krone vom Kopfe, was freilich nicht ohne heftiges Rütteln und Zerren vonstatten ging. Auch war das Aussehen des beraubten Kopfes, als er haarlos war, einigermaßen nackt und kümmerlich; aber da das der Heiligkeit und Wunderkraft kaum Abbruch tun würde, hielt es der Bischof für unnütz, sich das Gewissen darüber zu beschweren. Er schob die Krone in den Busen, rauschte stramm durch die Kirche und eilte in sein Schlafgemach, um sich in Ruhe an der Erwerbung zu ergötzen.

Es waren zwölf Edelsteine in die Krone gefaßt, hauptsächlich Smaragde und Rubine, von denen er die größten zu verkaufen oder zu versetzen, die kleineren der Hermenegilde zu schenken beschloß. Selbst das Geschäft auszuführen, schien ihm bedenklich, doch zweifelte er nicht, daß Lux sich würde bereitfinden lassen, in die nächste Stadt zu reisen und die ausgewählten Steine einem Juwelenhändler zum Kaufe anzubieten; sie stammten, gab er ihr an, von einer Urahne, die sie in einem Ringe getragen habe, und die Sache müsse geheim bleiben, weil es dem Rufe eines Kirchenhauptes schaden könne, wenn man erführe, daß er sich eines so heiligen Erbstücks habe entäußern wollen oder müssen. Lux war zu sehr in den Traum ihrer Liebe eingeschlossen, um darüber nachzudenken, ob es sich so oder anders verhielte, führte den Auftrag aus und händigte dem freudestrahlenden Bischof die Summe ein, die sie daraus erlöst hatte.


Der alte Bernkule war, seit Lux da war, ihm alle Arbeit abgenommen und ihn gepflegt hatte, ganz in sich zusammengesunken und fing behaglich an zu sterben; in den letzten Tagen indessen, als der Bischof eben seinen großen Streich vollführt hatte, befand er sich so wohl und kräftig, daß er mit Lux und den Kindern einen großen Spaziergang unternahm, der sie weiter als sonst in die umliegenden Täler hineinführte. Auf einer Anhöhe machten sie halt, und nachdem sie einen Imbiß zu sich genommen hatten, erklärte der Alte die Namen der Gipfel, die man sehen konnte und die er in früheren Jahren manches Mal bestiegen hatte. Gerade ihnen gegenüber befanden sich auf einem verödeten Hügel die Ruinen einer Burg, an einigen Stellen so niedrig und verbröckelt, daß das Gras darüber hinauswuchs, während an andern das Gemäuer noch die einstigen Formen erkennen ließ. Christoph Bernkule erzählte alte Überlieferungen, die sich daran knüpften, und fügte hinzu, daß er als Kind hätte sagen hören, es töne zuweilen bei Abend- oder Nachtzeit eine süße Musik aus den verfallenen Mauern, deren Ursprung nie habe erkundet werden können; denn sooft einer sie gehört und neugierig zwischen den Trümmern nachgespürt habe, sei sie verstummt und nie etwas andres zu finden gewesen als etwa eine zirpende Grille oder ein weinendes Käuzchen.

Lisutt blieb eine Weile still und in sich gekehrt, so daß nicht zu erkennen war, ob sie die Erzählung des Großvaters verstanden hatte, plötzlich aber richtete sie die Augen groß und heiter auf ihn, sagte: »Ich höre die Musik!« und blickte dann wieder fest auf das Gemäuer, hinter dem, durch unregelmäßige Lücken sichtbar, das Feuer der untergehenden Sonne brannte. Während der alte Bernkule lächelte, sah Brun ernst und fast traurig auf die Kleine, der das wunderbare Tönen aufgegangen war, und auch der alte Mann konnte sich der Neugierde und Bewunderung nicht enthalten, wie sie die runden Arme mit einer kleinen, unbewußten Bewegung hin und her zu wiegen begann, gerade als ob sie zu einer die Seele durchdringenden Musik den Takt angeben wollte. Lux lag ein wenig abseits im Moose und horchte halb auf das Gespräch der andern, halb in sich hinein, wo der Nachhall der Schwüre ihres Geliebten weiterlebte, die er, sowie sie einen Zweifel an seiner Beständigkeit oder an ihrer gemeinsamen Zukunft merken ließ, nicht müde wurde zu wiederholen: daß die Kraft der Liebe sein Herz und seinen Willen gehärtet habe, so daß weder Zwang noch Bitten ihn würden biegen können, daß ihre Armut ihn beglücke, weil er, ein Bettler vor der Fülle ihres Wesens, dadurch doch auch einmal, wenn auch nur in vergänglichen und nebensächlichen Dingen, reich sein und ihr schenken könne, daß er lieber Fluch, Verbannung, Elend und das ewige Brennen der Hölle mit ihr teilen wolle, als entblößt von ihrer Nähe und Liebe die schauerliche Langeweile des Lebens ertragen. Auf einer unfaßbaren Melodie durchfluteten sie solche Worte, Minuten wie Stunden erfüllend und verzehrend, so daß sie die Flucht der Zeit nicht bemerkte. Auch der Alte saß selbstvergessen da, aus den verglimmenden Äuglein auf das Kind blinzelnd und zuweilen bewußtlos in sich hineinlachend. Das kantige Trümmerwerk starrte schwärzer aus dem weißleuchtenden, grünlich überhauchten Himmelsgrunde, und schon sammelte sich kühle Feuchtigkeit über dem Boden, als Lux zum Heimgehen mahnte. Sie und Brun mußten wechselweise Lisutt auf den Armen tragen, die unvermerkt eingeschlafen war, der alte Bernkule hingegen ging seinen steten, langsamen Schritt nach Hause und murmelte zuweilen für sich unverständliche Dinge, wobei er ein wenig die unsicheren Arme bewegte. Am andern Morgen fieberte er, schien aber mehr schwach als krank zu sein, doch starb er, ohne noch einmal volles Bewußtsein wiedererlangt zu haben, zwei Tage darauf; die Anstrengung des Spaziergangs und die Feuchtigkeit des Abends mochten die Auflösung des Greises beschleunigt haben.

Der Tod des alten, mehr als neunzigjährigen Mannes, den jedermann in Klus, groß und klein, reich und arm, kannte, erregte allgemeine Teilnahme, und viele kamen, ihn zu sehen, der mit dem langen weißen Haar und dem wallenden Bart, in dem sich noch schwarze Haare kräuselten, erbaulich wie ein Patriarch dalag und die Umstehenden zu schönen Betrachtungen über Leben und Sterben veranlaßte. Die Kinder, die sich bei seinen Lebzeiten vor ihm gefürchtet hatten, liefen neugierig herbei und brachten Blumen ohne Zahl, so daß beim Begräbnis der kleine schwarze Sarg unter Kränzen fast verschwand. Himmel und Erde lachten in sommerlicher Wonne, als das Trauergeleit den eingesegneten Leichnam auf den Gottesacker führte, der, zwischen zwei Hügel eingebettet, ein halbes Stündchen außerhalb des Dorfes lag. Dicht hinter dem Leichenwagen ging mit flinken, fröhlichen Schritten Lisutt, weiß angetan und weiß bekränzt, strahlend vor feierlicher Heiterkeit, da sie überzeugt war, den Großvater in das Paradies zu führen, wo Engel und Heilige auf den Wiesen tanzten und hurtige Affen auf immergrünen Bäumen kletterten.


Es war eine selbstverständliche Sache, daß Lux, als vermeintlicher Enkel des alten Bernkule, sein Geschäft fortführen werde; aber bevor sie noch förmlich in das Amt war eingesetzt worden, ging auf allen Seiten ein Murren los, die Stelle würde liederlich verwaltet und keine Maulwürfe mehr abgefangen, sie gebärdeten sich wie die Herren im Lande, unterwühlten nicht nur die Gemüsepflanzungen, sondern stießen sogar in den Ställen auf, zu großem Schaden und übler Vorbedeutung. Nun war freilich die Jagd von jeher und besonders während der letzten Lebensjahre des alten Bernkule überaus nachlässig betrieben worden, allein weil die Leute mit ihm nicht anbinden wollten und mochten, hatten sie geschwiegen und insgeheim selber weggefangen, was ihnen in die Quere kam; jetzt aber erhoben sie unverweilt ein Geschrei, daß sie zusehen müßten, wie das Ungeziefer ihnen Bohnen und Melonen zerstörte, da ja zugunsten des verschworenen Schermäusers eigenmächtiges Ergreifen und Töten der Maulwürfe verboten wäre.

Auf die Ermahnungen des Magistrats hin, sich des Amtes besser anzunehmen, wußte sich die unberatene Lux nichts Besseres, als mehr und mehr selbstverfertigte Schwänzchen vorzuweisen, wovon sie noch einen ziemlichen Vorrat hatte, wodurch aber, wie sich von selbst versteht, der Maulwurfplage keineswegs gesteuert wurde. Bald begann die Maulwurfbehörde sich über die gewaltige Vermehrung dieser Tiere zu wundern und zu beunruhigen, die, so mußte es ihnen scheinen, bei Dutzenden weggefangen, sogleich bei Hunderten wieder da waren, als ob sie sich aus dem Blute der Hingewürgten phönixartig und vervielfacht neu erzeugten. Im Rat, wo Bildung und Besonnenheit vorherrschte, suchte man nach vernünftigen Erklärungen für die Erscheinung und besann sich auf verschiedene Fälle, wo Heuschrecken, Frösche, Mäuse und ähnliche Tiere durch unerhörte Vermehrung zu einer Landplage geworden waren, und auf das Betragen und die Mittel, die die Weisheit der Regierenden jeweilig solchen Heimsuchungen entgegengesetzt hatte.